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Zwei Wochen Ausgangssperre : Das Italien der Lebenden, das Italien der Toten

Lebt man nicht allein, sondern zu zweit oder als Familie, dann sind Ausgangssperre und Isolation gar nicht so schlimm. Man muss sich auf sie einlassen. Es ist eine kleine, autochirurgische Operation. Für einen Moment scheint es, als ob man vergisst zu leben. Man setzt sein Leben in Klammern und pflegt den Gedanken, der Tag werde kommen, an dem alles so wie früher ist. Letzteres ist natürlich glatter Selbstbetrug, aber strategisch bedeutend. Die Unsicherheit, wie lange der Albtraum der Epidemie noch anhält und wo und wie man aus ihm erwacht, wäre sonst nicht auszuhalten.

Särge in einer Kapelle in Bergamo am 18. März 2020

Auch in der häuslichen Isolation greift das Virus an. Was das angeht, sollte man sich besser nichts vormachen. Covid-19 ist nicht nur der Fluchtpunkt allen Handelns, sobald man für einen Einkauf das Haus verlässt und sich zu den Risikogebieten Supermarkt, Apotheke oder Zeitungskiosk begibt. Das Virus ist auch der heimliche Mitbewohner, der einen komplett in Anspruch nimmt, obwohl man die Tür fest verschlossen hat, keiner mehr zu Besuch kommt und man die Türklinken und alles, was man draußen unbedacht ohne Latex-Handschuhe berührt hat, regelmäßig mit Alkohol abwischt, also Telefon, Hausschlüssel, Portemonnaie. Das Virus ist trotzdem da, es frisst sich in die Gedanken und greift die Zeit an.

Als die ersten Corona-Fälle in Italien auftauchten, dachten viele Menschen noch, das Virus sei nur ein Kurzzeitgast, der von Touristen, die gerade aus China zurückgekommen waren, mitgebracht wurde. Dann versuchte man, die Infektion in bestimmte, sogenannte rote Zonen einzuschließen. Deren Grenzen wurden bald erweitert, erst auf einige Provinzen und Regionen, dann wurde ganz Italien zur roten Zone erklärt. Das alles passierte innerhalb von wenigen Tagen. Die Schließung von Schulen und Kindergärten ist erst einen Monat her, aber dieser Monat fühlt sich an wie ein Jahrhundert.

Es fehlt die Struktur

Das Leben hat sich in kürzester Zeit radikal verändert. Zudem geht in der Isolation das Gefühl für Zeit verloren. Es fehlt die Struktur des Wochenrhythmus, den man im alten Leben hatte. Die regelmäßigen Termine zum Sport, die Zirkusschule der Tochter, Gitarrenunterricht, Verabredungen, das Wochenende als Familienzeit. Jetzt ist man ständig zu Hause und kreist um sich selbst und umeinander herum.

Man kann nicht planen und versucht trotzdem, sich die Zukunft vorzustellen. Aber es ist nur die begrenzte Perspektive möglich, eine Woche vielleicht, eher ein Tag. Einen weiteren zeitlichen Horizont lässt das Virus nicht zu. Seit Beginn der Krise hat die italienische Regierung schon acht Dekrete erlassen, die immer stärkere Einschränkungen vorsehen. Doch was heute gilt, genügt vielleicht schon morgen nicht mehr. Das Virus ist schneller als der demokratische Staat. Schneller als alles. Gerade lebte man noch in einer post-materialistischen Gesellschaft, aber jetzt sind Lebensmittel, Wasser und Medikamente wieder knappe Güter, und es gibt Schlangen vor Apotheken und Supermärkten.

Als wir noch „viral“ sagten

In Telefongesprächen mit Freunden spricht man nun oft darüber, wie es „früher“ war, und macht eine Liste der verlorenen Dinge: Erinnerst du dich, als wir noch „viral“ sagten, um zu beschreiben, dass eine Nachricht in den sozialen Medien schnell und oft herumgereicht wird? Erinnerst du dich, als wir im Kino „Little Women“ sehen wollten, und sämtliche Vorstellungen des Abends, auch jene der anderen Filme, waren ausverkauft? Weißt du noch, wie es war, als man sich darüber ärgerte, dass im Fernsehen Wiederholungen laufen? Erinnerst du dich an die Diskussionen, was wir in den Osterferien machen sollen? Als nur die Eltern und niemand sonst auf die am Telefon gestellte Frage „Wie geht es euch?“ – „Wir sind gesund!“ antworteten? Vielleicht läutet die Corona-Epidemie einen Zeitenwechsel ein. In Mailand sagen die Menschen: Die Belle Epoque ist vorbei.

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