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Coronavirus in China : Wuhans Stunde Null

Vor einem Bahnhof in Wuhan warten Reisende in einer Schlange, um die Stadt zu verlassen. Bild: AFP

Elf Wochen nach der Abriegelung ist das Epizentrum des Coronavirus-Ausbruchs in China nun wieder offen. Doch bis das normale Leben nach Wuhan zurückkehrt, ist es noch ein langer Weg.

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          Um Punkt Mitternacht wurden auf den Autobahnen rund um Wuhan die Tore an den Mautstationen wieder geöffnet. Zum ersten Mal seit elf Wochen. Das Staatsfernsehen zeigte eine endlose Schlange an Autos, die aus der Stadt rollten. Am 23. Januar war die Stadt, in der die Corona-Pandemie ihren Anfang nahm, überraschend abgeriegelt worden, um die weitere Ausbreitung des Virus zu stoppen. Unzählige Menschen, die wegen des chinesischen Neujahrsfestes Verwandte in der Stadt besucht hatten, strandeten. Erst an diesem Mittwoch durften sie Wuhan verlassen.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Einer von ihnen ist Herr Li, der nur kurz seine Mutter in Wuhan besuchen wollte. Doch aus einem Kurzbesuch im Januar wurden elf lange Wochen, gefangen in einer kleinen Wohnung. Herr Li durfte am Morgen mit einem der ersten Flugzeuge in seine Heimatstadt Shenyang zurückfliegen. „Ich bin sehr, sehr glücklich“, sagt Li am Telefon. „Ich vermisse meine Frau und meine zehnjährige Tochter so sehr.“

          Nach der Landung wird er sie allerdings nicht gleich in die Arme schließen können. Er will zunächst ein bis zwei Wochen in seiner Zweitwohnung in Shenyang ausharren, um sicherzugehen, dass er sich auf dem Flug nicht mit dem Coronavirus infiziert hat. Bevor er das Ticket kaufen durfte, musste er in zwei Tests nachweisen, dass er das Virus nicht in sich trägt. Gleich nach der Landung in Shenyang wird er noch einmal getestet werden.

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          Anfangs, als die Abriegelung von Wuhan verkündet wurde, wenige Stunden, bevor sie um 10 Uhr morgens in Kraft trat, hielt Herr Li das zunächst für eine „Katastrophe“. Doch irgendwann konnte er der Zwangslage auch etwas Positives abgewinnen. „Seit vielen Jahren habe ich nicht mehr so viel Zeit mit meiner Mutter verbracht“, sagt der gelernte Fluglehrer. Bis zuletzt durfte Li seinen Wohnblock nicht verlassen, sondern nur am Tor Lebensmittel vom Nachbarschaftskomitee kaufen, das die Versorgung der Bewohner organisiert hat. Trotz der langen Wochen der Isolation, in denen er außer Lesen und Gymnastik nicht viel machen konnte, hält Li die Entscheidung, die Stadt abzuriegeln, für richtig. „Das Virus ist gefährlich“, sagt er.

          Nicht jeder in Wuhan hat so viel Glück wie Herr Li. Von dort ausreisen darf nur, wer nachweisen kann, dass das Nachbarschaftskomitee in seiner Heimatstadt der Rückkehr zugestimmt hat. Vor allem in der Hauptstadt Peking, wo ein neuer Ausbruch aus politischen Gründen um jeden Preis verhindert werden soll, wird vielen die Rückkehr verweigert. Während Wuhan sich langsam öffnet, schließt Peking immer mehr seine Pforten.

          Auch für viele Bewohner von Wuhan verändert sich mit der Aufhebung der Ausgangssperre zunächst nicht viel. Die Lokalregierung hat sie aufgefordert, ihre Wohnungen nur wenn nötig zu verlassen. Zum Beispiel, um zur Arbeit zu gehen. Die öffentlichen Verkehrsmittel sind in der Stadt inzwischen wieder in Betrieb. Benutzen darf sie nur, wer eine Unbedenklichkeitsbescheinigung von der Gesundheitsbehörde, den sogenannten Grünen Code, auf dem Smartphone vorzeigen kann. Die App sorgt auch dafür, dass die Bewegungen jedes einzelnen registriert werden, so dass im Falle einer Infektion die Kontaktpersonen nachverfolgt werden können.

          Sorge vor zweitem Ausbruch

          „Die größte Sorge ist jetzt die Angst vor einem zweiten Ausbruch“, sagt Duan Weiqing, ein Universitätsprofessor aus Wuhan. Er geht davon aus, dass die Unis in Wuhan erst im September wieder öffnen werden. Mit seinen Freunden ist er sich einig, dass sie sich trotz der Aufhebung der Ausgangssperre mindestens bis Anfang Mai nicht treffen wollen. Denn die Sorge ist groß, dass es in der Stadt noch viele asymptomatische Fälle gibt, Menschen also, die zwar infiziert sind, aber keine Symptome zeigen.

          Die Erlebnisse der vergangenen elf Wochen hätten die Stadt verändert, glaubt Duan. „Wir haben gelernt, das Leben mehr Wert zu schätzen“, sagt der Lehrer. „Und den einfachen Leuten mehr Respekt entgegenzubringen, die als Freiwillige den alten Leuten und anderen geholfen haben.“

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