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Coronavirus in China : Der Ruf nach Meinungsfreiheit

Wut im Netz. Dieses Bild zeigt den Wuhaner Augenarzt Li Wenliang mit Stacheldraht vor dem Gesicht. Er machte auf das Coronavirus aufmerksam und starb daran. Bild: Kuang Biao

Nach dem Tod des Wuhaner Augenarztes Li Wenliang schlägt die Trauer in China in Wut um. Die Zensoren haben Mühe, die politisch aufgeheizte Stimmung unter Kontrolle zu bringen.

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          „Ruhe in Frieden, Li Wenliang“, hatte jemand in Peking in den Schnee geschrieben. Das Foto mit der Botschaft wurde im Internet innerhalb weniger Stunden mehr als 97.000 Mal geteilt. Es war nur ein Beispiel für die große Anteilnahme, die der Tod des Wuhaner Augenarztes in China ausgelöst hat. Längst ist die Trauer in Wut umgeschlagen. Mitten in der Nacht verbreitete sich rasend schnell der Hashtag „Wir wollen Redefreiheit“. Dazu verschickte jemand ein Foto mit der Aufschrift „Die Medien hätten den Regierten dienen müssen und nicht den Regenten“. Gemeint war die Berichterstattung über den Ausbruch des Coronavirus in Wuhan. Bevor der Post von den Zensoren gelöscht werden konnte, wurde er mehr als 20.000 Mal weiterverbreitet. 

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Li Wenliang ist zum politischen Symbol geworden, weil er schon Ende Dezember in einem Chat mit befreundeten Ärzten auf die Gefahren des neuartigen Coronavirus hingewiesen hatte, dem er nun selbst zum Opfer gefallen ist. Statt die Warnung ernst zu nehmen, hatte die Wuhaner Polizei ihm den Mund verboten.

          Für das chinesische Regime ist die Mischung aus Trauer, Wut und Trotz, die nun durch das Internet schwappt, nicht ungefährlich. Ein Internetnutzer schrieb: „Wenn dies gelöscht wird, werde ich es einfach wieder posten. Ich bin dagegen, dass Leute für ihre Worte zu Verbrechern gestempelt werden“. Zahlreiche Zeichnungen von Li Wenliang wurden verbreitet, in denen die Atemschutzmaske, die er auf seinem bekanntesten Foto trägt, durch Stacheldraht ersetzt ist.

          Die Wut wurde noch angeheizt durch widersprüchliche Angaben zum Todeszeitpunkt des Arztes. Kurz nach 23 Uhr Ortszeit hatten die Parteizeitung „Global Times“ und das Staatsfernsehen am Donnerstag über seinen Tod berichtet. Doch nach Mitternacht schrieb das Zentralkrankenhaus in Wuhan auf Weibo, Li befinde sich in einem kritischen Zustand, sei aber noch am Leben. Erst um 3.48 Uhr teilte das Krankenhaus mit, der Arzt sei um kurz vor drei Uhr am Morgen verstorben.

          „Versucht nicht, die Wut der Leute noch nach seinem Tod mit Gerüchten zu besänftigen“, schrieb ein Internetnutzer. „Bitte veröffentlicht den genauen Todeszeitpunkt von Li Wenliang und Informationen darüber, wie er behandelt wurde, als er noch lebte.“ Dieser Post wurde drei Millionen Mal mit einem „Gefällt mir“ versehen.

          „Ich wusste, dass ihr das mitten in der Nacht verkünden würdet“

          Ein Wuhaner Arzt berichtete, dass Li Wenliang am Donnerstag in das Zentralkrankenhaus verlegt worden sei, obwohl sein Zustand eine Verlegung nicht zugelassen habe. Die Verwirrung um seinen Todeszeitpunkt erklärte er so: „Die Reanimierungsversuche waren gescheitert, sein Herz hatte aufgehört zu schlagen und es gab drei Stunden lang kein Lebenszeichen mehr, aber die künstliche Beatmung (extrakorporale Membranoxygenierung) wurde fortgesetzt und es war nicht erlaubt, ihn für tot zu erklären.“

          Der öffentliche Druck war so groß, dass das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei am Freitag der Entsendung eines Ermittlungsteams nach Wuhan zustimmte, um die Todesumstände des Arztes zu untersuchen.

          Die widersprüchlichen Angaben zum Todeszeitpunkt führten dazu, dass manche den offiziellen Angaben überhaupt keinen Glauben schenkten. „Ich wusste, dass ihr das mitten in der Nacht verkünden würdet“, kommentierte ein Nutzer die Bestätigung der Todesnachricht durch die „Volkszeitung“, das offizielle Sprachrohr der Kommunistischen Partei. Tatsächlich kommt es oft vor, dass die Führung schlechte Nachrichten nachts veröffentlicht. Später wurde der Kommentar aus dem Internet gelöscht.   

          Verbreitet war auch die Forderung, dass die Wuhaner Polizei sich offiziell dafür entschuldigen müsse, dass sie Li Wenliang und sieben andere Ärzte, deren Namen nicht bekannt sind, am 30. Dezember wegen „Verbreitung von Gerüchten“ abgemahnt hatte. Reichlich hilflos wirkt in dieser Gemengelage die nationalistische Mutmach-Berichterstattung der Staatsmedien. „Der größte Ruhm für eine Nation ist nicht, niemals zu fallen“, schrieb etwa die Nachrichtenagentur Xinhua. „Sondern nach dem Fall wieder aufzustehen.“

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