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Senioren in Zeiten von Corona : Gutgemeinte Bevormundung

In Zeiten von Corona: Senioren dürfen nicht verurteilt werden, wenn sie ihre Einkäufe lieber selbst erledigen möchten. Bild: dpa

Der Frankfurter Altersmediziner Johannes Pantel warnt davor, Senioren in der Corona-Krise vorzuschreiben, wie sie zu leben und zu handeln haben. Denn das, so sagt er, könne schwerwiegende Folgen haben.

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          Die betagte Frau macht das, was sie seit Jahren jeden Morgen tut. Sie geht einkaufen. Ein bisschen stolz ist sie darauf, dass sie den Weg zum Supermarkt noch immer zu Fuß zurücklegen kann. Seit einigen Tagen aber hat sie das Gefühl, sich für ihre Morgenroutine rechtfertigen zu müssen. Die Kassiererin hat sie auf einen Zettel der Nachbarschaftsinitiative verwiesen. „Wir kaufen für Sie ein“ steht darauf zu lesen. Der junge Mann von nebenan hat auch schon per Telefon gefragt, ob er ihr nicht lieber etwas aus dem Supermarkt mitbringen solle. Sie schätzt die Hilfsangebote. Annehmen will sie diese aber nicht.

          Marie Lisa Kehler

          Stellvertretende Ressortleiterin des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Das sei auch in Zeiten von Corona „völlig legitim“, sagt Johannes Pantel, Leiter des Bereichs Altersmedizin an der Goethe-Universität. Er kann die besonders dringliche Empfehlung an Senioren, unnötige Kontakte zu vermeiden, um sich vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus zu schützen, grundsätzlich nachvollziehen. Denn besonders bei älteren Menschen ist das Risiko erhöht, dass die Erkrankung einen schweren Verlauf nimmt. Eine Empfehlung bleibe aber eine Empfehlung – und die gutgemeinten Angebote vieler Bürgerinitiativen, beim Einkaufen zu helfen, eben auch nur Angebote. Und die dürfe man auch ablehnen. Pantel plädiert dafür, die Senioren nicht zu verurteilen, die noch das Haus verlassen oder Besuch empfangen. Denn manchmal, so sagt der Altersmediziner, könne das Aufrechterhalten der Tagesstrukturen Leben retten. „Soziale Isolation ist gerade im Alter ein ernstzunehmender Risikofaktor für reduzierte Lebenserwartung“, sagt er. Am Alltag nicht mehr teilzunehmen habe „nachweislich einen negativen Effekt auf den Verlauf vieler körperlicher Leiden, aber auch auf die psychische Situation“.

          Zunahme von Altersdepressionen und Suiziden möglich

          Für viele Senioren sei der Besuch der Enkel oder die Tatsache, sich noch selbst versorgen zu können, ein „Stimmungsstabilisator“. Wer keinen Besuch mehr empfange oder nicht mehr rausgehe, dem fehle oft die positive Stimulation von außen, sagt Pantel. Es bestehe die Gefahr, dass die Menschen sich schlechter ernährten, weniger aktiv seien und sich auch dadurch depressive Verläufe häuften. „Natürlich müssen wir insbesondere die vulnerablen älteren Menschen schützen“, sagt Pantel und verweist auf Daten aus Italien. Ein Großteil der älteren Patienten habe sich erst in den Krankenhäusern infiziert – nicht im häuslichen Umfeld.

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          Durch das derzeitige kollektive Bevormunden einer ganzen Altersgruppe, die oftmals noch sehr aktiv am Alltag teilnehme, befürchtet er, „dass wir am Ende durch den Schutz einen größeren Schaden erzielt haben“. Konkret nennt er die Sorge, dass Altersdepressionen und daraus resultierende Suizide unter älteren Menschen zunehmen könnten. Es fehle vielen an motivierenden Begegnungen oder Gesprächen. Das könne durch Telefonanrufe aufgefangen, nicht aber ersetzt werden. „Wir reden die ganze Zeit über die Übersterblichkeit durch das Virus. Aber es ist meine große Sorge, dass wir auch eine Übersterblichkeit durch Suizid zu beklagen haben“, sagt er.

          „Umkehrquarantäne“ fehl am Platz

          Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt die Kaufmännische Krankenkasse (KKH). Nach einer Auswertung der Daten ist in der Generation 60 plus die Zahl der Versicherten mit ärztlich diagnostizierten Depressionen von 2008 bis 2018 um fast 35 Prozent gestiegen. Der Anteil in dieser Altersgruppe ist mit 18,4 Prozent am höchsten. Wegen der Corona-Krise rechnet die KKH mit einem weiteren Anstieg an Diagnosen bei Senioren. Der Verzicht auf Sozialkontakte wird als eine der Hauptursachen für mögliche Neuerkrankungen genannt.

          Auch deshalb darf die Entscheidung, für den eigenen Schutz die sozialen Kontakte auf ein Minimum zu reduzieren, nach Auffassung von Pantel „nur freiwillig“ geschehen. Er hält die aufkeimende Diskussion über die sogenannte „Umkehrquarantäne“, also den besonderen Schutz für Risikogruppen, während die vermeintlich Gesunden und Jungen wieder in den Alltag zurückkehren, für völlig fehl am Platz. Ein solches Vorgehen dürfe nur dann in Betracht gezogen werden, wenn eine Person geistig nicht mehr in der Lage sei, im Sinne der eigenen Gesundheit zu entscheiden. „Die überwiegende Zahl der älteren Menschen ist aber nicht dement, sie haben das volle Recht, sich zu entscheiden, ob sie rausgehen wollen oder nicht.“

          Moralischer und politischer Druck auf Senioren

          Pantel möchte die Risiken, die von dem Virus ausgehen, nicht kleinreden. Dennoch beobachte er gerade, dass eine Entmündigung einer kompletten Gesellschaftsgruppe droht. Durch Slogans wie „Wir bleiben für euch zu Hause“ und den ständigen Verweis darauf, dass das Kollektiv die Risikogruppen schütze, sei ein „ethisches Totschlagargument“ geschaffen worden, das seiner Ansicht nach den Druck auf diejenigen erhöht, die nicht um Schutz gebeten hätten. Es werde der Eindruck erweckt, dass die jüngere Generation der älteren sage, welches Verhalten richtig und welches falsch sei. „Aber wir haben es hier mit einer Bevölkerungsgruppe zu tun, die über Klugheit und Lebenserfahrung verfügt“ und die selbst zu einer Risikoeinschätzung kommen könne.

          Der Altersmediziner macht deutlich: Nur weil der Krankheitsverlauf bei älteren Menschen mit einer höheren Wahrscheinlichkeit schwerer sein könne, als bei jüngeren, dürfe weder der moralische noch der politische Druck auf die Senioren erhöht werden, sich mehr als alle anderen zu isolieren. Denn das verstoße gegen den Gleichheitsgrundsatz, der in der Verfassung garantiert sei.

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