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Angst wegen Coronavirus : Die Ausnahmesituation

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Tain sei „selbst im Moment ein bisschen krank“. Natürlich halte er daher Abstand, und er verstehe auch, dass die Kunden das tun. Dass das so demonstrativ geschehe, sei aber „sehr traurig und sehr erschreckend“. Und „auf eine gewisse Art verletzt es mich“, sagt er. Seine Familie ist seit 50 Jahren in Deutschland. Jahrelang habe er rassistische Sprüche über sich ergehen lassen. „Chinesen sind ja sehr defensiv und gehen ungern Konfrontationen ein“, sagt Tai. Das aber gehe zu weit, findet er. Dabei war erst selbst seit über 15 Jahren nicht mehr in China. „WIR SIND NICHT DER VIRUS“, steht daher seit gestern auf dem Facebook-Auftritt seines Supermarkt. Sophie Rebmann 

Distanz und Desinfektionsmittel

Patrizia M., Angestellte in einer Frankfurter Apotheke in Laufnähe zur Frankfurter Messe, hat in den letzten Wochen „jede Menge Asiaten“ bedient. Sie kamen zur Weihnachtsmesse nach Frankfurt, und vor dem Rückflug in ihre Apotheke, um sich und die Familien daheim mit Mundschutz und Desinfektionsmittel einzudecken. Die Apotheke hat allein im Januar so viele Packungen Mundschutz verkauft, wie in den letzten fünf Jahren nicht. Jetzt haben sie Lieferschwierigkeiten, und das Desinfektionsmittel lassen sie einfach in Kartons vor den Regalen stehen, so groß ist die Nachfrage.

Wenn asiatische Kunden kamen, dann sind die beiden Verkäuferinnen auf Distanz gegangen: Abstand gehalten, und „jedes Mal die Hände desinfiziert, wenn wir Kontakt mit asiatischen Kunden hatten“, sagt Patrizia M. Ihre Kollegin, hat bemerkt, dass auch die chinesischen Kunden sich bemühen, sie nicht zu verunsichern: „die sind so nett und nehmen auch Abstand von uns“, sagt sie. Viele von ihnen würden Mundschutz tragen oder darauf achten, den Verkäuferinnen beim Sprechen nicht direkt gegenüberzustehen. Auch Patrizia M. lief einige Tage mit Mundschutz herum, um sich zu schützen. Bei den deutschen Kunden hat das für Verwirrung gesorgt. „Nein, nein, keine Sorge, alles gut, ich schütze mich nur selbst“, musste sie dann sagen. Und hat ihn inzwischen wieder abgelegt.

Distanz und Desinfektionsmittel, darauf greift auch die Verkäuferin eines Schmuckgeschäfts in der Nähe der Apotheke zurück. Mehr kann sie nicht machen. Am Vortag erst sei ihr eine Asiatin während des Verkaufsgesprächs näher gekommen. Das musste sie aushalten. „Da kannst du nichts machen, du kannst ja nicht einfach so einen Schritt zurückgehen“, sagt sie, „ich muss sie ja bedienen.“ Eine Kollegin wendet ein, dass diese Angst nicht immer gerechtfertigt ist. Am Aussehen könne sie schließlich nicht immer erkennen, ob die Menschen zur Messe nach Deutschland gereist sind oder aus Deutschland kommen. „Das tut mir ja auch leid“, sagt sie. Aber es gehe nicht anders. „Wenn asiatische Kunden in den Laden kommen, habe ich jedes Mal Angst“, sagt die Verkäuferin.

In einem Einkaufszentrum in der Frankfurter Innenstadt können sich Kunden die Steuern auf ihren Einkauf zurückerstatten lassen. Schlangenweise stehen dort Touristen aus asiatischen Ländern mit Plastiktaschen voller Einkäufe. Direkt daneben, eine Toilette. Die Angestellte dort sagt: „Katastrophe“. Auch sie zieht hinter einem Vorhang zwischen neuem Toilettenpapier und Reinigungsmittel ein Desinfektionsmittel hervor. Das Geld nimmt sie trotzdem von allen entgegen, ohne die Münzen oder ihre Hände zu desinfizieren. Sophie Rebmann

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