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Virusträger ohne Symptome : Das stille Reservoir des Coronavirus

Reisende in Peking: China stellt Neuankömmlinge unter Quarantäne. Bild: dpa

Im Ausbruchsland wird nur noch eine Infektion mit Sars-CoV-2 am Tag festgestellt. Doch zugleich zeigt sich: Die Dunkelziffern in China sind erschreckend hoch. Das könnte die schnelle Verbreitung erklären.

          3 Min.

          Fast zwei Monate nach Beginn der Quarantäne-Maßnahmen in der Metropole Wuhan meldet China neue Erfolge: Am Dienstag, wie schon am Montag, trug Peking jeweils eine einzige Neuinfektion durch Ansteckung im eigenen Land in ihre Statistik ein, in der Provinz Hubei, dem ersten Epizentrum der Pandemie, waren es null. Stattdessen: Zwölf durch Reisende importierte Neuinfektionen.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Zahlen wirken – diese hier sehen aus wie die Handschrift eines historischen Sieges. Das lässt sich auch auf dem Nachrichtenkanal des amerikanischen Präsidenten ablesen. Stolzes China. „Die Chancen stehen gut, dass der heutige Fall in Wuhan ihr letzter war“, schreibt @TrotStats, der Twitterkanal eines angeblichen Statistikers, der mit seinen paar hundert Followern prahlend daherkommt wie einer der vielen programmierten Schreibautomaten, die Social Bots genannt werden. Welche Ironie: Soziale Roboter, die eine Welt in sozialer Isolation beglücken. „Eine Erfolgsgeschichte, die uns alle Hoffnung geben sollte“, lässt @TrotStats weiter wissen, „in einer Welt, die unnötig skeptisch ist, wofür wir alle viel Lehrgeld zahlen müssen. Lernt von China!“

          Zuerst aber: China verstehen. So könnte man auch den Versuch einer Gruppe amerikanischer, britischer und chinesischer Epidemiologen auffassen, die chinesischen Zahlen und politischen Maßnahmen zu durchdringen. In der angesehenen Wissenschaftszeitschrift „Science“ haben sie etwas Licht in die chinesischen Dunkelziffern gebracht – zumindest so weit das mit den verfügbaren und nachvollziehbaren Daten möglich ist. Transparenz, das ist das, was Peking schon bald nach Beginn des Sars-CoV-2-Ausbruchs zugesagt hatte. Das rufschädigende Kommunikationsdesaster wie in der ersten Sars-Epidemie vor 17 Jahren sollte sich nicht wiederholen.

          Doch zu verhindern war es auch diesmal nicht. Peking und die regionalen Gesundheitsbehörden waren offenkundig auch in der neuen Coronavirus-Epidemie heillos überfordert. Ruiyun Li, der am Imperial College in London arbeitet und Mitglied des MRC-Zentrums für globale Infektionskrankheiten ist, hat zusammen mit amerikanischen Modellierexperten und dem in Peking an der Tsinghua-Universität tätigen Computerexperten Tao Zhang die Ausbreitung des Virus vom 10. Januar an zu rekonstruieren versucht. Sie haben sich dabei auf Reisedaten und offizielle Corona-Meldungen gestützt. Jedes Jahr um diese Zeit, Mitte Januar, beginnt die Reisezeit, wenn die Chinesen zur Feier ihres Neujahrsfests in die Ferien und zurück zu ihren Familien fahren. „Chunyun“ – Frühlingsfest – heißt diese Phase 15 Tage vor und 25 Tage nach dem Neujahrsfest, dem wichtigsten traditionellen Festtag in China.

          Wie verbreitet war das Virus in der Reisezeit?

          Die Wissenschaftler haben die in dieser Zeit typischen Reisebewegungen in 375 chinesischen Städten aus Daten von 2018 rekonstruiert. Aus der Tencent-Datenbank haben sie 1,73 Milliarden Reisen und knapp drei Milliarden Kurztrips rund um das Frühlingsfest ermittelt. Allerdings wurde die Reisefreudigkeit in diesem Jahr vom 23. Januar an empfindlich gebremst: An dem Tag hatte Peking für Wuhan einen Reisestopp und Flugverbote erlassen, der sukzessive auf die umliegenden Städte ausgeweitet wurde. Mit den später verfügbaren Infektionszahlen in und um Wuhan sowie in anderen chinesischen Städten, ließ sich mit den epidemiologischen Algorithmen wenigstens näherungsweise zurückrechnen, wie verbreitet das Virus möglicherweise schon in der ersten Phase der Chunyan-Reisehochzeit war.

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          Resultat: Schon in der Vor-Isolationsphase zwischen dem 10. und 23. Januar könnte es allein in Wuhan 13.118 Infizierte gegeben haben. Die Zahl der offiziell gemeldeten, durch Tests bestätigte oder eben auch nur „verdächtige“ Fälle lag erheblich darunter: Mindestens 86 Prozent der Infektionen, so die Forscher, blieben unentdeckt – und ein Großteil dieser nur leicht oder gar nicht erkrankten Infizierten verbreitete das Virus vor dem Reisestopp in die ganze Welt. Diese Diskrepanz zwischen offiziellen Zahlen und Dunkelziffer, schreiben die Wissenschaftler in ihrer „Science“-Veröffentlichung, könne bedeuten, dass die Verbreitung durch Infizierte, die noch keine Symptome zeigen und kein Testergebnis haben, „typisch“ ist bei dieser Krankheit.

          Auch nach den ersten Isolationsmaßnahmen sollen noch 35 Prozent der Infektionen nicht erfasst worden sein. Aber immerhin, so lassen zumindest die Berechnungen erahnen, griffen die drakonischen Isolationsmaßnahmen: Bis zum 8. Februar sank die Übertragungsrate offenbar dramatisch. Vor dem Reisestopp steckte ein Infizierter in Wuhan im Schnitt 2,38 weitere Personen an, was zu der schnellen Verbreitung des Virus führte. Zwei Wochen später war diese Zahl, die Basisreproduktionsrate R0 auf 0,99 gedrückt. Jede Zahl unter 1 bedeutet, dass die Ausbreitung allmählich zum Erliegen kommt. Das also wäre die gute Nachricht, sofern den Zahlen und Modellierungen geglaubt werden kann.

          Trotzdem bleiben die Wissenschaftler skeptisch: Das Potential des Virus, sich auf der ganzen Welt zu verbreiten, sei enorm. Ihre Analysen haben klar gemacht, dass der neue Erreger nicht nur schon viel länger und in größeren Mengen als lange geglaubt kursiert, sondern vor allem die zahlreichen Virusträger mit milden oder gar keinen Symptomen zur Verbreitung beitragen. Sie sind das stille Reservoir des Coronavirus, und deshalb plädieren die Forscher dafür, die Diagnosen radikal auszuweiten: Testen, testen, testen lautet ihre Botschaft.

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