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Coronavirus und Fake News : Virale Meute

Arbeiten ind er Klinik unter Quarantänebedingungen. Bild: AFP

Gefährliche Desinformation, das ist in Zeiten einer drohenden Pandemie die Pest. Was dagegen getan werden kann? Ein Vorschlag liegt schon mal auf dem Tisch.

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          Viele Sätze sind schon geschrieben und gesagt worden, die Größe haben und dennoch übersehen werden. Sätze wie diese, die bereits früh in der Coronavirus-Krise versendet wurden: Es ist nicht die Zeit für Gerüchte. Nicht die Zeit für Stigma. Nicht die Zeit für Angst. Was wir brauchen, sind Fakten, Wissenschaft und Solidarität.

          Vermutlich hat der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation, Tedros Ghebreyesus, mit diesen Sätzen die Twittergemeinde an der Ehre packen wollen. Er hat nur eines übersehen: Es ist nicht die Zeit für guten Rat auf Twitter. Die sozialen Medien quittieren so etwas umgehend mit Shitstorms. Den haben sie „Dr. Tedros“ zuerst zwar erspart. Den ganzen Rest allerdings nicht: Gerüchte, Ausgrenzung und Verschwörungen haben genauso schnell Fahrt aufgenommen wie die Epidemie. „Infodemie“ heißt das jetzt.

          Der WHO-Chef holte sich seinen Shitstorm dann auch doch noch ab, als er für seinen Feldzug gegen die Desinformation die amerikanischen und chinesischen Digitalkonzerne ins Boot holen wollte. Der Seuchenbekämpfer war nun Buhmann, ein bitterer Moment auch für die Wissenschaft. Denn auch sie musste erkennen, dass ihre Strategie im Seuchenkampf nicht ganz aufgeht. Zwar gab es zum ersten Mal in der Geschichte der Pandemien den ernsthaften Versuch der Wissenschaftler in Ost und West, von Ärzten und Medizinjournalen, von Anfang an an einem Strang zu ziehen.

          Lücken im Informationsfluss

          Das Coronavirus 2019-nCoV konnte genetisch so schnell charakterisiert werden wie nie zuvor ein neuer Erreger, ein Test war nach einer Woche entwickelt, und während der Informationsfluss vom eigentlichen Ausbruch bis zur ersten Nachricht in der Krisenregion Wuhan hakte, waren danach doch schon nach drei Wochen ein paar Dutzend Studien publiziert worden. Pandemieforschung in Echtzeit und Transparenz als Gegengift zur Desinformation. Schnelligkeit hat aber auch im eigenen Laden seinen Preis. Über die Preprintserver wurden auch viele ungeprüfte Daten und Thesen versendet. Ein indisches Paper, in dem von „frappierenden“ Ähnlichkeiten einiger Gensequenzen des Virus mit HI-Viren-Sequenzen berichtet wurde, ist im sozialen Netz schnell umgedeutet worden. Plötzlich war das Virus angeblich aus einem Biowaffenlabor in Wuhan entflohen.

          Der Versuch der indischen Forscher wenig später, die wilde Meute im Netz wieder einzufangen, ging natürlich schief. Bis heute sind viele Unsicherheiten und Verunsicherungen über das Virus nicht ausgeräumt. Und von diesem Vakuum nährt sich die Meute weiter. Tedros hat für die Pandemie-Alarmierung den Plan vorgeschlagen, eine abgestufte Ampellösung einzuführen. Vielleicht wäre eine Qualitätsampel auch für medizinische Informationen eine Überlegung wert. Die Transparenz der Daten ist ein Anfang, sie reicht heute nur nicht.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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