https://www.faz.net/-guw-9wynh

Risikoanalyse der EU : Brüssel lehnt Grenzkontrollen wegen Coronavirus ab

Am Sonntag stoppten die Behörden einen Zug am Brenner, weil bei zwei Passagierinnen der Verdacht auf das Coronavirus bestand. Er bestätigte sich nicht. Bild: dpa

Die EU-Infektionsschutzbehörde schätzt das Risiko, dass es in anderen europäischen Staaten zu Infektionshäufungen wie in Italien kommt, als „mäßig bis hoch“ ein. Dennoch warnt sie vor Panik.

          2 Min.

          Jeden Tag veröffentlicht die europäische Infektionsschutzbehörde, kurz ECDC, einen Bericht zum Coronavirus in Europa. Am Donnerstag zählte die Stockholmer Behörde 477 nachgewiesene Infektionen in 15 europäischen Staaten, davon 400 allein in Italien. Zum Vergleich: Zwei Wochen zuvor waren es lediglich 44 Fälle in acht Ländern. Da war die Lage noch unter Kontrolle, alle Ansteckungen konnten auf zwei Herde in China zurückgeführt werden.

          Thomas Gutschker

          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Benelux-Länder mit Sitz in Brüssel.

          Doch seit es in vier italienischen Regionen zu Ansteckungen kam, deren Kette nicht zurückverfolgt werden kann, hat sich die Lage nach Einschätzung der EU-Behörde deutlich verschlimmert. „Es ist wahrscheinlich, dass wir in ganz Europa ähnliche Entwicklungen wie in Italien sehen werden, mit Unterschieden zwischen den Ländern“, sagte die deutsche ECDC-Direktorin Andrea Ammon am Mittwoch.

          Ihre Behörde schätzt das Risiko, dass es in anderen europäischen Staaten zu Infektionshäufungen wie in Italien kommt, als „mäßig bis hoch“ ein. Sie begründet das mit der schnellen Übertragung des Virus und der großen Zahl von Erkrankungen mit unauffälligen Symptomen; die Betroffenen begeben sich daher nicht in Behandlung und stecken weitere Personen an. Außerdem könne das Virus mit seiner Verbreitung außerhalb Chinas Europa nun auf mehr Wegen erreichen. Ein hohes Risiko bestehe, so heißt es in der jüngsten Risikoanalyse, vor allem, wenn Krankenhäuser betroffen seien und viel medizinisches Personal isoliert werden müsse.

          Ansteckungsrisiko „mäßig bis gering“

          Das Ansteckungsrisiko für die gesamte EU-Bevölkerung wird derzeit mit „gering bis mäßig“ eingeschätzt, weil alle Staaten über leistungsfähige Gesundheitssysteme und Pandemiepläne verfügten, wie ein Behördenvertreter am Donnerstag in Brüssel erläuterte. Er verwies darauf, dass die übliche Influenza-Welle in Europa ihren Höhepunkt bereits überschritten habe – deshalb könne man die Ressourcen im Gesundheitssystem mehr und mehr zur Eindämmung des Coronavirus verwenden. Die Sterblichkeit liege nach Maßgabe der bisherigen Erkenntnisse bei maximal zwei Prozent der nachgewiesenen Erkrankungen. Da das Gros der Ansteckungen wegen geringer Symptome nicht in die Statistik eingehe, sei die tatsächliche Sterblichkeitsrate aber wohl deutlich niedriger.

          F.A.Z.-Newsletter „Coronavirus“

          Die ganze Welt spricht über das Coronavirus. Alle Nachrichten und Analysen über die Ausbreitung und Bekämpfung der Pandemie täglich in Ihrem E-Mail-Postfach.

          Bitte beachten Sie unsere Datenschutzhinweise.

          Mit der Ausbreitung der Epidemie in Europa ist auch die Frage zurückgekehrt, ob die Staaten im Schengenraum wieder Grenzkontrollen einführen sollen. Rom hatte Anfang des Monats schon mit diesem Gedanken gespielt, war dann aber von der EU-Kommission ausgebremst worden.

          Ein hoher Beamter der Kommission warnte trotz der Lage in Italien auch am Donnerstag vor solchen Schritten. „Es ist keine angemessene Maßnahme, einer erkrankten Person die Einreise zu verweigern. Viel besser ist es, zwischen den Nachbarstaaten ein klares Vorgehen zu vereinbaren, damit Betroffene schnell isoliert werden und in Quarantäne kommen.“ Würden sie an der Grenze zurückgewiesen, erhöhe sich nur das Risiko, dass sie andere Menschen ansteckten.

          Abgestimmtes Vorgehen bei Fußball-EM

          Nach Angaben des Beamten hat die Kommission bislang keine Hinweise darauf, dass ein Mitgliedstaat die Wiedereinführung von Grenzkontrollen plant. Darüber wird national entschieden. Die Staaten können Personen an der Außengrenze ausdrücklich abweisen, wenn von ihnen eine Gefahr für die Gesundheit ausgeht. An den Binnengrenzen im Schengenraum sind temporäre Kontrollen möglich, wenn ein Staat Gefahren für seine innere Sicherheit oder die öffentliche Ordnung befürchtet. Sechs Staaten kontrollieren derzeit auf dieser Grundlage, um ungeregelte Migration einzudämmen.

          Wenn ein Staat seine öffentliche Ordnung durch das Coronavirus gefährdet sieht, muss er die Kommission über Grenzkontrollen informieren. Sie hat kein Vetorecht, kann aber eine eigene Position dazu beziehen. Einstweilen setzt sie auf engere Koordinierung.

          Am Mittwoch trafen sich erstmals Fachleute der Kommission und aller Mitgliedstaaten in einer neuen Arbeitsgruppe, die von nun an wöchentlich tagen und die Lage bewerten soll. Dazu gehört auch ein abgestimmtes Vorgehen bei Großereignissen wie der für Juni geplanten Fußballeuropameisterschaft, die in elf europäischen Städten ausgetragen werden soll. „Die Gastländer werden sich die Lage genau ansehen müssen“, sagte der ECDC-Vertreter am Donnerstag.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Jens Spahn in Bochum: Eine studentische Assistentin misst die Temperatur des Gesundheitsministers.

          Fieberambulanzen : Spahns Corona-Strategie für die kalte Jahreszeit

          Die Infektionszahlen steigen, zur kälteren Jahreszeit könnte sich dieser Trend noch verschärfen. Gesundheitsminister Jens Spahn will mit zentralen Anlaufstellen für Menschen mit Grippesymptomen reagieren. Er sieht Deutschland gut gewappnet im Kampf gegen das Virus.
          Wolken über den Doppeltürmen der Deutschen Bank in Frankfurt

          „Fincen-Files“ : Bankaktien geraten unter Druck

          Die Enthüllungen namens „Fincen-Files“ über fragwürdige Geschäfte mit hochriskanten Kunden verunsichern die Anleger: Der Kurs der Deutschen-Bank-Aktien fällt um 6 Prozent und der von HSBC auf ein 25-Jahres-Tief.
          Wer hat hier was verstanden? Die Bayern-Prominenz verzichtet trotz guter Ratschläge auf die Maske im Stadion.

          Bundesliga und Corona : Die Macht des Bildes

          Die da oben, die da unten: Während die Bayern-Führung im Stadion auf Abstand und Maske verzichtet, verhalten sich die Fans am ersten Bundesliga-Spieltag geradezu vorbildlich.
          Eine mutige, oft unerschrockene, dabei zerbrechliche Frau der Tat: Bärbel Bohley im September 1990

          Bärbel Bohley falsch zitiert : Wir wollten Gerechtigkeit

          „Wir wollten Gerechtigkeit und bekamen den Rechtsstaat“ – der berühmte Ausspruch der Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley wird bis heute zitiert. Dabei hat sie ihn nie gesagt: über eine (westdeutsche) Erfindung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.