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Corona : Das Virus hat die Weltwirtschaft infiziert

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Angst vor dem Virus: Die Menschen in Wuhan kaufen ein, solange noch Geschäfte geöffnet und Regale gefüllt sind. Bild: Getty

Während Mediziner noch diskutieren, wie gefährlich das Coronavirus ist, reagieren Unternehmen in aller Welt auf dessen Ausbreitung. Die große Frage lautet: Wann reißen die Lieferketten?

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          Am Mittwoch hat es an Bord eines Lufthansa-Flugzeugs einen Corona-Verdachtsfall gegeben. Nach der Landung in Nanjing haben die Behörden einen Mann untersucht, der hustete und wenige Tage zuvor in der Stadt Wuhan gewesen sein soll, die als Keimzelle des neuen Virus gilt. Ob sich der Chinese tatsächlich infiziert hat, war zunächst unklar. Auch die Passagiere in seinem Umfeld wurden unter die Lupe genommen. Die Lufthansa-Crew wurde umgehend in die nächste Maschine nach Deutschland gesetzt. Später am Tag gab der Konzern dann bekannt, bis zum 9. Februar alle China-Verbindungen von Lufthansa, Swiss und Austrian Airlines einzustellen und die Crews zurückzuholen. British Airways hatte schon am Vormittag alle Direktflüge zwischen Großbritannien und China gestrichen.

          Jeden Tag erhöht sich die Zahl der Infektionen, in Deutschland und Europa, aber vor allem in China. Und im selben Tempo werden die Vorsichtsmaßnahmen verschärft. Das Reich der Mitte riegelt ganze Städte von der Außenwelt ab. Wenige Tage nach Bekanntwerden des Ausbruchs sind die direkten wirtschaftlichen Folgen des Corona-Virus zwar noch gering. Zumal wegen des chinesischen Neujahrsfestes ohnehin die meisten Fabriken geschlossen sind. Dennoch versetzt die rasche Verbreitung der Krankheit auch die Manager in Deutschland in Unruhe.

          „Wir machen uns schon Sorgen“, sagte stellvertretend Bosch-Chef Volkmar Denner. Der Technologiekonzern betreibt in Wuhan zwei Werke. Bisher gebe es keinen Krankheitsfall in der Belegschaft, sagte Denner am Dienstagabend. Der Neujahrsurlaub werde verlängert bis zum 3. Februar, das werde man kaum spüren. Das werde sich allerdings ändern, wenn die Sache länger dauere und die Zuliefererketten gestört werden. Denn in einer hochgradig vernetzten Weltwirtschaft ist der Produktionsstandort China von immenser Bedeutung.

          „Erhebliche Ausstrahlung“ auf den Welthandel möglich

          Der Außenhandelsverband BGA kennt bislang noch keine Meldungen über die Beeinträchtigung von Lieferketten. „Die Realwirtschaft reagiert gelassener als die Finanzmärkte“, sagte ein Verbandssprecher. Wegen des Virus waren die Kurse an den asiatischen und westlichen Börsen vorübergehend deutlich gefallen. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag DIHK ist allerdings kritisch und warnte vor den möglichen Folgen für die Weltwirtschaft und damit auch für die Exportnation Deutschland. „Das Corona-Virus könnte nicht nur den bilateralen Handel zwischen China und Deutschland treffen, sondern auch erhebliche Ausstrahlung auf den Welthandel insgesamt entwickeln“, sagte DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben.

          Auch die Transportbranche ist alarmiert, denn in den weltumspannenden Lieferketten von Speditionen und Reedereien ist das Risiko einer Verbreitung groß. „Wir betrachten die Entwicklungen in China mit Sorge und nehmen diese sehr ernst“, sagte ein Sprecher von Hapag-Lloyd, der fünftgrößten Containerreederei der Welt. Zwar gebe es bislang noch keine „nennenswerten Auswirkungen“ auf den Schiffsbetrieb in der Volksrepublik. Für die Mitarbeiter in der Flotte gelten aber verschärfte Auflagen. So hat Hapag-Lloyd seine Seefahrer angewiesen, ihre Schiffe in chinesischen Häfen nicht zu verlassen und Masken zu tragen. Außerdem führe der Konzern momentan in China keine Crew-Wechsel durch.

          Viele westliche Unternehmen produzieren auch in China und haben reagiert. Volkswagen lässt seine rund 3500 Mitarbeiter in Peking vorerst für zwei Wochen von zuhause aus arbeiten. Bis auf weiteres setzt der Autohersteller auch alle Geschäftsreisen in China aus. Die VW-Mitarbeiter in der Hauptstadt sollen vorerst bis 17. Februar zuhause bleiben und von dort arbeiten. In internen Mitteilungen gab es zudem Hinweise an Mitarbeiter, auf das übliche Händeschütteln zu verzichten und es bei einem freundlichen Lächeln zur Begrüßung zu belassen. Auch der Pharmakonzern Merck setzt in den kommenden 14 Tagen auf Home Office für seine rund 4000 Beschäftigen in China. Die Deutsche Bank bittet sogar Mitarbeiter, die gerade von einer China-Reise zurückgekommen sind, erstmal von zuhause aus ihrer Arbeit nachzugehen. Es gilt ein Reiseverbot für die betroffene Region und generell sind nur dringende und nicht verschiebbare China-Reisen erlaubt.

          Pharmakonzerne sind gefragt

          Gleichzeitig stellen viele Handelskonzerne ihre Geschäftstätigkeit in China vorübergehend ein. Die amerikanische Kaffeehauskette Starbucks teilte mit, mehr als die Hälfte ihrer fast 4300 Filialen dort geschlossen zu haben. In den noch offenen Lokalen bietet Starbucks an, seine Kunden zu beliefern. Die schwedische Möbelhauskette Ikea hat die Hälfte ihrer 30 Filialen mit insgesamt knapp 14000 Mitarbeitern vorerst geschlossen – in Wuhan schon seit rund einer Woche. Und Fast Retailing aus Japan hat rund 130 Läden der Modemarke Uniqlo überwiegend in der Provinz Hubei um Wuhan dicht gemacht.

          Auch der Technikkonzern Apple spürt die zunehmende Unsicherheit. Für Apple ist China als Absatzmarkt und Produktionsstandort von enormer Bedeutung. Er betreibt 42 eigene Läden dort. Vorstandschef Tim Cook sagte, Apple habe eines dieser Geschäfte geschlossen, und in vielen anderen Filialen seien die Öffnungszeiten reduziert worden. Apple-Läden würden gründlicher gereinigt, außerdem werde die Temperatur von Mitarbeitern gemessen. Cook sagte, in den vergangenen Tagen seien weniger Kunden in die Geschäfte gekommen. In Wuhan hat Apple nach Cooks Angaben einige Lieferanten, für die es aber „alternative Quellen“ gebe.

          Google schließt laut einem Bericht der Technologie-Website „The Verge“ wegen des Virusausbruchs vorläufig alle Büros in China, Hongkong und Taiwan.

          Gefragt sind derzeit Pharmakonzerne: Das rheinhessische Unternehmen Boehringer Ingelheim beschäftigt 4100 Mitarbeiter an 16 Standorten in China. „Wir unterstützen die chinesischen Kollegen vor Ort, haben in einer ersten Maßnahme schon 100 000 Atemmasken für medizinisches Personal in Wuhan verschickt“, heißt es. Außerdem stellt Boehringer bestimmte Medikamente für die medizinische Versorgung in China bereit, die zur Behandlung von Lungenkrankheiten dienen. Unterdessen arbeitet das Institut Pasteur in Frankreich fieberhaft an einem Impfstoff. Der Pharmakonzern Sanofi beteiligt sich an der internationalen Impfstoff-Initiative „CEPI“ und will nach Angaben einer Sprecherin seine Expertise beisteuern. CEPI wurde 2017 von mehreren staatlichen und nicht-staatlichen Geldgebern als Reaktion auf die Ebola-Krise 2014 gegründet.

          Weltgesundheitsorganisation gesteht Fehler ein

          Auch das restliche Asien bekommt die Corona-Ausbreitung immer stärker zu spüren. Auf Singapurs Flughafen Changi ist derzeit kaum noch jemand ohne Gesichtsmaske zu sehen. Zugleich wirkt der sonst vor Passagieren berstende Flughafen, der seine Kapazität mit Milliardeninvestitionen gerade verdoppelt, seltsam leer. Schon jetzt spüren Hotels, Restaurants und Einzelhändler von Japan über Thailand bis Australien das Fernbleiben vor allem der festlandchinesischen Touristen. Die Weltgesundheitsorganisation hat inzwischen eingestanden, dass es ein Fehler gewesen sei, das Risiko des Virus als „moderat“ einzustufen – nun gilt es als „sehr hoch“ in China und „hoch“ für die Region und den Rest der Welt. Spätestens dies führt zu einem schnellen Schmelzen des Flug- und Veranstaltungsgeschäftes.

          Die großen japanischen Autohersteller, die alle in Kooperation mit chinesischen Partnern Werke in China betreiben, beäugen die Entwicklung skeptisch. Potentiell am schwersten betroffen ist Honda Motor, das in der Krisenstadt Wuhan drei Fabriken hat und dort rund 750.000 Fahrzeuge im Jahr produziert. Die Fabriken bleiben vorerst geschlossen. Man müsse sehen, wie die Lage sich entwickele, erklärte ein Sprecher. Die Werke in Wuhan produzieren ausschließlich für den chinesischen Markt und decken in etwa die Hälfte der chinesischen Produktion Hondas ab. Manche japanischen Mitarbeiter Hondas in Wuhan würden mit Charterflugzeugen der japanischen Regierung ausfliegen, sagte der Sprecher. Toyota Motor kündigte am Mittwoch an, auf Empfehlung der Behörden seine vier Auto-Werke und acht Fahrzeugteile-Werke in China vorerst bis zum 9. Februar und damit sechs Tage länger als zunächst geplant zu schließen. Keines der Toyota-Werke liegt in Wuhan.

          Das größte Risiko für Japan ist, dass eine langandauernde Virus-Epidemie in China den Tourismus-Ansturm während der Olympischen Sommerspiele in Tokio beeinträchtigen könnte. Bis zur Eröffnungsfeier sind es noch sechs Monate. 2002 zog sich die Sars-Epidemie über Monate hin und verschreckte Touristen von Reisen in und nach Asien. Man beobachte die Lage genau, sagte eine Sprecherin des Organisationskomitees der Spiele.

          Es berichten Ilka Kopplin, Susanne Preuß, Carsten Germis, Patrick Welter, Christian Geinitz,Christian Müßgens, Tim Kanning und Christoph Hein.

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