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Notbetreuung wegen Corona : Deutschlands systemrelevante Eltern

Das menschenleere Gelände einer geschlossenen Kita in Hamburg Bild: dpa

Trotz Corona sollen manche gerade jetzt nicht zu Hause bleiben: Ärzte, Pfleger, Polizisten und alle jene, die die Infrastruktur am Laufen halten. Mancherorts verläuft die Organisation der Notbetreuung ihrer Kinder chaotisch.

          3 Min.

          Angesichts der Schul- und Kitaschließungen haben alle Länder in Kitas und Schulen Notbetreuungen angeboten. Sie sind dabei unterschiedlich strikt vorgegangen. Während die Notbetreuung in Hamburg von allen Eltern in Anspruch genommen werden kann und sich laut Schulbehörde niemand „rechtfertigen“ muss, bieten andere Länder wie Bayern, Schleswig-Holstein, Berlin, Mecklenburg-Vorpommern oder Brandenburg und andere die Notfallbetreuung nur Eltern an, die in sogenannten systemrelevanten Berufen beschäftigt sind.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Für wen das gilt, haben die einzelnen Länder festgelegt. So heißt es in einer Allgemeinverfügung des bayerischen Gesundheitsministeriums vom Freitag: Zur „kritischen Infrastruktur“ gehören Einrichtungen der Gesundheitsversorgung und Pflege, Behindertenhilfe, Kinder- und Jugendhilfe, Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienst und Katastrophenschutz ebenso wie Telekommunikationsdienste, Energieversorger, Wasserwerke, Entsorgungsdienste, öffentlicher Nahverkehr und Einrichtungen der Lebensmittelversorgung. Systemrelevant sind zudem zentrale Stellen in Staat, Justiz und Verwaltung. Die Regelungen anderer Bundesländer sehen ähnlich aus.

          Der Virologe der Charité Christian Drosten hatte ausdrücklich gewarnt, dass Kinder zur Notfallbetreuung in neuen Gruppen zusammenkommen und damit neue Infektionsherde bilden. Der Hallenser Mikrobiologe Alexander Kekulé hat vorgerechnet, dass ein acht Wochen lang unentdeckt infiziertes Kind in dieser Zeit 3000 andere Personen anstecken kann.

          Das bayerische Gesundheitsministerium sieht das Ziel, die Ausbreitung von Covid-19 einzudämmen, durch die Notbetreuung nicht konterkariert, da durch die „strengen Einschränkungen“ deutlich weniger Schüler an die Schulen kommen: Denn es seien eben nur die Kinder der Eltern der „Infrastrukturberufe“ zugelassen, jedoch keine Verdachtsfälle sowie keine Fälle mit Krankheitssymptomatik. Ebenso außen vor bleiben demnach auch Rückkehrer aus den Risikogebieten.

          In Brandenburg läuft die Organisation der Notbetreuung dennoch einigermaßen chaotisch ab. Dort soll sie von den Kommunen organisiert werden. Neue Betreuungsgruppen sind nicht ausgeschlossen. In Hamburg hat die Schulbehörde mit etwa 20 Prozent Eltern gerechnet, die Notbetreuungen in Anspruch nehmen, offenbar waren es aber deutlich weniger. Für die unterrichtsfreie Zeit erarbeiteten die Schulen derzeit Pläne, wie die Schüler mit Unterrichtsmaterial versorgt werden können. Wie sie das bewerkstelligen, sei aber den Schulen überlassen, gibt die Schulbehörde bekannt. Es gibt in Hamburg aber Grundschulen, die nicht einmal ein Mailsystem haben.

          Der Deutsche Lehrerverband hat Eltern dazu geraten, sich auf einen geplanten strukturierten Tagesablauf zu einigen, in den auch Lern- und Arbeitsphasen gut integriert sind. Außerdem sollten Eltern klare Regeln zur Mediennutzung vereinbaren, wobei zwischen Arbeit mit dem PC und Spielen klar unterschieden werden müsse. Eine Regulierung des Medienkonsums sei gerade in der unterrichtsfreien Zeit sehr wichtig.

          Eltern sollen Medienkonsum der Kinder kontrollieren

          Eltern müssten ihren Kindern auch bei der Bewältigung der Pandemie-Ängste helfen und das Aufkommen eines Lagerkollers vermeiden. „Halten Sie dazu auch analoge Materialien wie Bücher, Brett- und Kartenspiele sowie Malsachen bereit. Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, sich auf Bewährtes und Althergebrachtes zu besinnen“, so der Deutsche Lehrerverband. Kinder müssten wissen, dass sie als am wenigsten von Corona gefährdete Gruppe auch Verantwortung dafür trügen, ältere Menschen und Großeltern vor einer Infektion zu bewahren.

          Noch scheint die Schließung von Schulen und Kindertagesstätten sich in den kritischen Bereichen vielerorts nicht negativ auszuwirken. So sagt Steffen Henoch, Geschäftsführer des Münchner Pflegedienstes „Pflege zu Hause“, dass der schlimmste Fall nicht eingetreten sei: dass auf einen Schlag „sechs Mitarbeiterinnen zu Hause bleiben müssen, da ihre Kinder nicht versorgt sind“. Das hätte den Einsatzplan für die mobile Versorgung von 280 Pflegebedürftigen „ziemlich strapaziert“.

          Noch am Freitag, als die Schulschließungen bekannt wurden, hatte Henoch daher mit seinem Team überlegt, wie sie jetzt schnell eine Betreuung in ihren Büroräumen anbieten könnten. Doch bislang haben viele der 60 Mitarbeiter die Versorgung privat geregelt. Dazu, dass „der Druck zunächst raus ist“, dazu trägt auch das staatliche Notbetreuungsprogramm in Kitas und Schulen bei. Hier hat Henoch für einige Mitarbeiter schriftlich bestätigt, dass sie als Pflegekräfte zu den relevanten Berufsgruppen gehören.

          Noch keine Engpässe bei Polizei und Feuerwehr

          Voraussetzung dafür, das die Notbetreuung in Anspruch genommen werden kann, ist laut bayerischem Kultusministerium, dass „kein anderer Erziehungsberechtigter verfügbar ist“, der die Kinder betreuen kann. Alleinerziehende Pflegekräfte könnten also die Betreuung in Anspruch nehmen.

          Durch die Vorkehrungen für bestimmte Berufe ist es am Montag auch bei der Münchner Polizei nicht zu Engpässen gekommen: Nach Angaben eines Sprechers haben die Dienststellen formlose Bestätigungsschreiben für die Schulen ausgestellt. Kein „Riesenthema“ ist die fehlende Kinderbetreuung auch für den Münchner Brandschutz, Katastrophenschutz und Zivilschutz, wie ein Sprecher am Montagmorgen mitgeteilt hat.

          Auch im Universitätsklinikum rechts der Isar, das über rund 1160 Betten verfügt und daher von der Reinigungskraft über Pfleger und Ärzte viele „systemrelevante Berufe“ umfasst, sieht man die Lage bisher zuversichtlich: Kinder der betroffenen Eltern können weiterhin die klinikeigene Kindertagestätte besuchen, dort wurde eine „reduzierte Betreuung“ eingerichtet. Problematisch sei jedoch, dass dort auch Erzieherinnen, die selbst Kinder haben, von den Schulschließungen betroffen seien, berichtet eine Sprecherin des Krankenhauses. „Niemand, der für die Betreuung von Patienten gebraucht wird, soll zu Hause bleiben müssen, weil sich keiner um die Kinder kümmern kann.“

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