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Lungenkrankheit : Corona-Virus besorgt Chinas Wirtschaft

In Hangzhou laufen Passanten mit Gesichtsmasken über die Straße. Bild: AP

2003 steckte die chinesische Industrie die SARS-Pandemie locker weg. Doch wird das auch beim um sich greifenden Corona-Virus so sein? Schon jetzt spüren Reiseanbieter die Folgen.

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          Fast menschenleer war das Schanghaier Kerry Centre am Dienstagvormittag. Die wenigen Einkäufer und Büroangestellten, die sich auf den 450.000 Quadratmetern eines der größten Einkaufs- und Bürozentren der Stadt verirrten, trugen Gesichtsmasken. Zuvor war das Gerücht aufgetaucht, in einem der oberen Stockwerke sei ein Trakt unter Quarantäne gestellt worden.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Dass die Hausverwaltung beteuerte, es habe sich nur um einen Fall von „normaler Tuberkulose“ gehandelt, hielt viele Unternehmen nicht davon ab, ihre Mitarbeiter nach Hause zu schicken. Laut Wissenschaftlern hat sich das Corona-Virus nach dem Ausbruch in der zentralchinesischen Stadt Wuhan auf 21 weitere Städte ausgebreitet. Es könnte geschätzt schon knapp 1400 Menschen angesteckt haben, und es gibt vier bestätigte Todesfälle. In China wächst die Sorge, die Lungenkrankheit könne auch die Wirtschaft angreifen.

          Das Ausmaß des ökonomischen Schadens ist bisher noch nicht absehbar. Reiseveranstalter wie die auf China spezialisierte Caissa Touristic aus Hamburg sagen, Kunden hätten Reisen ins Reich der Mitte abgesagt. Chinesische Reiseportale wie Ctrip, Qunar und Fliggy erstatten das Geld für gebuchte Flüge nach Wuhan und dortige Hotelzimmer zurück.

          Erste wirtschaftliche Folgen werden sichtbar

          Die Börsenkurse jedenfalls haben reagiert. Der festlandchinesische Leitindex Shanghai Composite sank am Dienstag bis Handelsschluss gegenüber dem Vortag um 1,4 Prozent. Ob der Staat mit Käufen die Kurse vor einem noch schnelleren Fall bewahrt hat, ist dabei nicht auszuschließen. Der vor Manipulationen stärker geschützte Hongkonger Index Hang Seng fiel am Dienstag jedenfalls um fast 3 Prozent.

          Aktien von Reiseveranstaltern wie First Travel Hotel, Songcheng und Jinjiang Hotels waren schon am Montag teilweise fast um 10 Prozent im Kurs gesunken. Die Aktien von Fluggesellschaften wie Air China und Juneyao gaben um mehr als 5 Prozent nach, die von China Eastern, Spring Airlines und China Southern um mehr als 3 Prozent.

          Auch im Ausland notierte nicht-chinesische Unternehmen, die in China viel Geschäft machen wie die Luxusgüterkonzerne LVMH und Burberry sanken um mehr als 3 Prozent im Aktienkurs. Die Aktie des deutschen Autoherstellers Volkswagen, der in China zwei von drei Fahrzeugen verkauft, gab am Dienstag zeitweise bis zu 1,5 Prozent nach.

          SARS-Infektion beschädigte das Vertrauen in die Politik

          Tatsächlich können viel in China verkaufende Unternehmen wie die deutschen Autohersteller nach einem weiteren verlorenen Jahr auf dem weltgrößten Markt keine Massenpanik gebrauchen. Um 8 Prozent gingen die Verkäufe während des Handelskriegs im vergangenen Jahr zurück. Und das, obwohl es schon 2018 einen Rückgang gegeben hatte.

          Die SARS-Pandemie von 2003 hatte China vor allem politischen Schaden beschert. Nachdem die Pekinger Regierung die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die Öffentlichkeit erst nach Hunderten Infektionen und fünf Todesfällen informiert hatte, nahm das Vertrauen der Bevölkerung in die Führung schweren Schaden.

          Die Furcht vor einer Wirtschaftskrise jedoch erfüllte sich nicht. Im zweiten Quartal 2003, in dem die Angst vor dem Virus ihren Höhepunkt erreichte, betrug Chinas Wachstum mit 6,7 Prozent zwar drei Punkte weniger als in den vorangegangen drei Monaten. Doch dank Steuererleichterungen und gelockerter Geldpolitik, die den Staatsbanken die Ausgabe von mehr Krediten ermöglichte, stieg die Industrieproduktion im ersten Halbjahr um 16 Prozent. Am Jahresende, so schätzen Ökonomen heute, hatte SARS China einen Prozentpunkt Wachstum gekostet.

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