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Reisewarnung : Ein „Dolchstoß“ für den Südtiroler Tourismus

Skifahren? Das Auswärtige Amt rät von nicht dringend notwendigen Reisen nach Südtirol ab. Bild: Georg Weindl

Das Auswärtige Amt rät von Reisen in Südtirol ab, das Robert-Koch-Institut hat die Region zum Krisengebiet erklärt. In Bozen kann man diese Entscheidung nicht nachvollziehen.

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          In Bozen herrscht Entsetzen über die Einstufung Südtirols durch das Berliner Robert-Koch-Institut (RKI) als vom Coronavirus besonders gefährdetes Gebiet. Die neue Lageeinschätzung durch das RKI vom Donnerstagabend hatte zur Folge, dass das Auswärtige Amt in Berlin am Freitagmorgen seine bereits bestehende Reisewarnung für Italien auch um die beliebte Urlaubsregion im Grenzgebiet zu Österreich erweiterte. Die gewissermaßen amtliche Empfehlung, keine unbedingt erforderlichen Reisen zu unternehmen, galt bisher schon für die norditalienischen Regionen Lombardei und Emilia-Romagna sowie für die Gegend um die Gemeinde Vo Euganeo in der Region Venetien. Diese Gebiete weisen in Italien mit Abstand die meisten Infektionen mit dem neuartigen Coronavirus auf.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Aus der Landesregierung in Bozen hieß es am Freitag, in Südtirol seien bisher nur zwei Infektionen registriert worden. Die autonome Provinz in Norditalien halte alle nationalen und internationalen Vorgaben für Tests auf den Erreger der neuen Lungenkrankheit ein. Von den italienischen Behörden werde Südtirol nicht als gefährdetes Gebiet eingestuft. Auch aus dem Nachbarland Österreich gibt es keine der deutsche vergleichbare Reisewarnung für Südtirol.

          Die Behörden in Baden-Württemberg hatten am Donnerstag mitgeteilt, 19 Personen seien nach der Rückkehr vom Urlaub aus Südtirol positiv auf das Coronavirus getestet worden. In Potsdam wurden 70 Schüler und 17 Betreuer nach einem Klassenausflug nach Südtirol vorsorglich in häusliche Isolation überstellt. RKI-Chef Lothar Wieler hatte in einer Pressekonferenz am Donnerstag erklärt, dass sich 64 Deutsche in Italien, 14 im Iran und zwei in China infiziert hätten. Bisher seien mehr als 30 deutsche Südtirol-Urlauber positiv auf das Coronavirus getestet worden. Ein Anspruch auf die Stornierung einer gebuchten Reise besteht wegen eines Reisehinweises des Auswärtigen Amts in der Regel nicht, allerdings sind Veranstalter häufig trotzdem dazu bereit.

          „Nicht nachvollziehbar“

          Der Südtiroler Landeshauptmann Arno Kompatscher sagte am Freitag, das RKI verbreite ein verzerrtes Bild von Südtirol. Die Landesregierung bemühe sich um eine Richtigstellung und sei mit den deutschen Behörden in Verbindung. Auch Landesrat Philipp Achammer kritisierte das Vorgehen des RKI: „Für mich ist diese voreilige Entscheidung nicht nachvollziehbar.“ 

          Ursache dafür dürften wohl die deutschen Südtirol-Urlauber sein, die nach ihrer Rückkehr positiv auf das Virus getestet worden sind. Beweise, dass sich diese Urlauber wirklich hier angesteckt haben, gibt es allerdings nicht. Der Präsident des Hotelier- und Gastwirtverbands, Manfred Pinzger, bezeichnete die Einstufung des RKI als „Dolchstoß“ für den Südtiroler Tourismus. Wenn das Auswärtige Amt in Berlin eine Reisewarnung für ein Land oder ein Gebiet ausspricht, können die dortigen Dienstleister selbst bei kurzfristigen Absagen keine Stornogebühren erheben. Schon zuvor hatte die Buchungsplattform „Booking“ Südtirol auf eine Bedrohungsebene mit der Lombardei gestellt.

          Die baden-württembergische Landesregierung hat Reiserückkehrer aus Südtirol bereits auf gerufen, vorläufig zu Hause zu bleiben. Dies gelte für jeden, der sich innerhalb der vergangenen 14 Tage in Südtirol aufgehalten habe, teilte das Sozialministerium am Freitag in Stuttgart mit. Es gehe darum, unabhängig von Symptomen unnötige Kontakte zu vermeiden. Laut Kultusministerium gilt der Hinweis auch für Schüler und Lehrer, Kindergartenkinder und Erzieherinnen. Im Südwesten waren den Gesundheitsämtern am Freitag 98 Infektionsfälle bekannt. Bei etwa 40 Prozent der Infizierten handelt es sich um Ferienrückkehrer aus Italien. Aus Sicht vieler Lehrer erfolgte die Einstufung von Südtirol als Risikogebiet durch das Robert-Koch-Institut zu spät. Manfred Lucha (Grüne), Landesminister für Soziales, hatte sich in Berlin dafür eingesetzt, Südtirol zum Risikogebiet zu erklären.

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