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Psychiater Manfred Lütz : „Der massenhafte Tod wird auch für Atheisten ein Problem“

Bild: Matthias Kreienbrink

Zeigt der Mensch in der Krise sein wahres Gesicht? Wird er gläubiger? Der Psychiater und Theologe Manfred Lütz über moralisch richtigen Egoismus, Resilienz und was wir in Quarantäne von Benediktinermönchen lernen können.

          6 Min.

          Herr Lütz, in was für einer Gesellschaft leben wir in einem Jahr?

          Timo Steppat

          Redakteur in der Politik.

          Ich bin kein Prophet. Wer das mit Sicherheit sagen könnte, hätte einen Nobelpreis verdient. Selbst die einschlägigen Wissenschaftler tappen ja zum Teil im Dunkeln. Es gibt keine kausale Therapie, es gibt keinen Impfstoff und niemand weiß, wann es so weit sein wird. Das Ausmaß dieser Epidemie überschreitet alles, was die Menschheit bisher erlebt hat. Selbst bei der Pest im Mittelalter waren nur bestimmte Gegenden betroffen, jetzt ist es gleichzeitig die ganze Menschheit. In einem Jahr wird unsere Welt gewiss eine andere sein. Manches, was bisher selbstverständlich war, wird es nicht mehr sein. Ich vermute, das Leben wird wohl generell etwas weniger oberflächlich sein ...

          Wir konzentrieren uns mehr auf das Wesentliche?

          Ich glaube, die Debatten werden nach einer so existenziellen Krise substantieller. Aber man kann auch dann nicht von morgens bis abends daran denken, dass das Leben endlich ist. Dazu brauchen sogar fromme Menschen bisher schon etwa die Fastenzeit, in der man immer wieder zur Besinnung kommt. Es wird also natürlich auch weiter Spaß und Unterhaltung geben. Aber der grenzenlose Zynismus dieses DieterBohlenHeidiKlumOliverPocher-Kartells, der mit völlig überdrehten Schwachsinnseinfällen auf Kosten schwächerer Menschen hemmungslos Kohle macht, wird es wohl dann schwerer haben.

          Meinen Sie wirklich, dass die Katharsis einer ganzen Gesellschaft so grundlegend ist?

          Warten wir es ab. Dass Menschen nach solchen Katastrophen zur Besinnung kommen können, das sieht man an so herrlichen Kulturleistungen wie der Kirche Santa Maria della Salute am Ende des Canal Grande in Venedig, die zum Dank für das Ende der Pest gestiftet worden war. Aber nach dem schrecklichen Ersten Weltkrieg gab es auch zunächst ein Abgleiten in eine gewisse Vergnügungssucht. Übrigens wird es für die Politiker erheblich schwieriger sein, die Schulen und andere Institutionen wieder zu öffnen.

          Manfred Lütz ist Psychiater, Theologe und Bestsellerautor („Irre - wir behandeln die Falschen“ oder „Gott - eine kleine Geschichte des Größten“)

          Einerseits müssen wir Abstand zu Freunden und Kollegen halten, mit all jenen, mit denen wir in einem Haushalt leben, sind wir plötzlich so eng wie nie.

          Die körperliche Distanz, die wir gerade halten müssen, macht uns bewusst, dass wir soziale Wesen sind. Als der Stauferkaiser Friedrich II. Kinder von Geburt an sozial isolierte, um die „Ursprache“ herauszubekommen, starben bekanntlich alle Kinder. Denn Menschen sind auf sozialen Kontakt angewiesen. Deswegen ist es wichtig, jetzt zumindest die Kontakte über Telefon und soziale Netzwerke zu verstärken, damit alleinlebende Menschen nicht vereinsamen. Andererseits ist es auch gar nicht so einfach, plötzlich auf engem Raum über längere Zeit mit Familienangehörigen zusammen zu leben. Manche werden es genießen, endlich mal wieder tiefere Gespräche miteinander führen zu können, andere werden sich vielleicht mit der Zeit auf die Nerven gehen. Es gibt übrigens eine Institution, die seit 1500 Jahren höchst erfolgreich in Quarantäne lebt ...

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