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Hendrik Streeck im Porträt : Drostens Antipode

Übernahm im Oktober 2019 die vakante Position von Drosten: Hendrik Streeck. Bild: Stefan Finger

Neben Christian Drosten gibt es noch einen prominenten Virologen. Er gilt als der wissenschaftliche Stichwortgeber für die aktuelle Lockerungspolitik in Sachen Corona. Aber wer ist dieser Hendrik Streeck eigentlich?

          6 Min.

          Deutschland ist derzeit zweigeteilt: Die einen spielen im Team Drosten, die anderen im Team Streeck. Der eine ist Virologe in Berlin, der andere Virologe in Bonn. Der eine warnt vor einer zweiten Welle und vorschnellen Lockerungen, der andere schätzt das Virus weniger gefährlich ein. Christian Drosten und Hendrik Streeck kennen sich gut, tauschten sich bis kurz nach Ostern regelmäßig aus. Seither herrscht Funkstille zwischen den beiden Wissenschaftlern, die momentan die Republik bewegen. Sechs Jahre Altersunterschied trennen die beiden. Streeck, der Jüngere, wirkt mit seinen 42 Jahren geradezu jugendlich. Sieht aus wie ein Model, nicht wie ein Wissenschaftler. Streeck lacht gerne, zeigt ein fröhliches Gesicht, was einige unangemessen finden. Schließlich leben wir in einer Krise, und in die scheint ein Wissenschaftler vom Schlage eines Drosten mit seiner meist ernsten Miene für viele besser zu passen.

          Peter-Philipp Schmitt
          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Gemeinsam ist ihnen, dass sie übelst angefeindet werden. Dabei machen sie nur ihre Arbeit, als Wissenschaftler. Die Entscheidungen, die sich daraus ergeben, treffen andere. Beide legen Wert darauf, dass sie keine politischen Empfehlungen abgeben, sie sagen ihre Meinung, schließen oder öffnen aber keine Schulen und Kitas, Biergärten und Geschäfte.

          Drosten kennt das Coronavirus wie kein anderer. Er hat schon 2003 den ersten diagnostischen Test für Sars-CoV-1 mitentwickelt, und das gelang seiner Forschungsgruppe auch für Sars-CoV-2. Er leitete seit 2007 das Institut für Virologie am Universitätsklinikum Bonn und dort auch das Konsiliarlaboratorium für Coronaviren, das er 2017 nach Berlin an die Charité mitnahm. Einige Mitarbeiter blieben aber mit ihrer Expertise in Bonn und arbeiten nun für Streeck, der im Oktober 2019 die vakante Position von Drosten übernahm.

          Ein Wissenschaftler, kein Politiker

          Kaum war Streeck nach Bonn gezogen, brach die Corona-Pandemie aus, und Streeck, nicht Drosten, hatte den Infektions-Hotspot der Republik fast vor der Haustür: Nach der „Kappensitzung“ des örtlichen Karnevalsvereins kam es am 15. Februar in Gangelt im Kreis Heinsberg zu einer massenhaften Ausbreitung des Virus. Ein Glücksfall für den Wissenschaftler Streeck, der auf Bitten des Kreisgesundheitsamts in Heinsberg die Diagnostik unterstützte und wenig später schon mit seiner Heinsberg-Studie zum Infektionsgeschehen begann. „Das Interesse war riesig“, sagt Streeck, „und wir wollten auch transparent arbeiten. Darum haben wir auch von Anfang an gesagt, wir legen noch vor Ostern erste Zwischenergebnisse vor.“

          Streeck ist Wissenschaftler, kein Politiker. Und so ließ er sich darauf ein, diese Zwischenergebnisse am 9. April, dem Gründonnerstag, an der Seite des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Armin Laschet (CDU) zu präsentieren, obwohl der zuvor schon eine interdisziplinäre Kommission berufen hatte, die Ausstiegsszenarien entwerfen sollte, während der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) noch an strikten Ausgangsbeschränkungen festhalten wollte.

          Laschet spielten die Zwischenergebnisse der Studie, die er, wie er selbst meint, beauftragt habe, nur weil er einen Teil davon mitfinanziert, in die Hände: Denn in Gangelt waren schon 15 Prozent der Einwohner infiziert und sind nun immun gegen Sars-CoV-2; die Infektionssterblichkeit liegt mit 0,37 Prozent weit hinter allen bisher angenommenen Raten. Die Botschaft für ganz Deutschland: Alles nicht so schlimm wie befürchtet?

          Zu­gleich ließ sich Streeck auf ei­ne frag­wür­di­ge PR-Agen­tur ein, „Storymachine“ aus Berlin, hin­ter der un­ter an­de­ren Kai Diek­mann steckt, lang­jäh­ri­ger Chef­re­dak­teur der „Bild“-Zei­tung. Der Kon­takt zu Streeck kam über den Event­ma­na­ger Mi­cha­el Mronz zu­stan­de, ei­nem Mit­grün­der von „Sto­ry­ma­chi­ne“.

          Warum ließ sich der Wissenschaftler auf die umstrittene Agentur ein? Er sei schon zu Beginn der Studie von Medienanfragen überhäuft worden. „Stand heute“, sagt Streeck am Donnerstag, „habe ich 39.000 ungelesene E-Mails.“ Unter den Absendern seien Leute, die zum Beispiel einen Virenstaubsauger erfunden haben wollen, mit dem man Viren einfach wegstaubsaugen kann, und Traumdeuter, die geträumt haben wollen, wie man Covid-19 heilen kann. Doch es gibt auch Hunderte seriöser Anfragen. Jeder Fernsehsender habe ein Kamerateam schicken wollen, das Streeck und sein Team nach Gangelt begleitete. „Das war einfach nicht machbar ohne professionelle Unterstützung.“ Darum wurde „Storymachine“ erlaubt, sie bei der Arbeit zu begleiten, um damit ausschließlich die Social-Media-Kanäle zu bedienen.

          Auf dem Weg zur umstrittenen Pressekonferenz: Hendrik Streeck und NRW-Ministerpräsident Armin Laschet am 9. April in Düsseldorf.
          Auf dem Weg zur umstrittenen Pressekonferenz: Hendrik Streeck und NRW-Ministerpräsident Armin Laschet am 9. April in Düsseldorf. : Bild: dpa

          Die harmlosen Bilder und Filme, die unter @hbergprotokoll („Heinsbergprotokoll“) auf Twitter und Facebook veröffentlicht wurden, zeigen Studenten mit Mundschutz bei der Arbeit in Gangelt und im Labor. Durch sie kann durchaus der Eindruck entstehen, dass bereits vor Vorliegen der Studienergebnisse auf Maßnahmen zur Lockerung der Ausgangsbeschränkungen hingewirkt werden sollte. Doch das ist Ansichtssache. Für Streeck ist die mediale Begleitung nicht tendenziös. Und sie verbreite auch keine politische Botschaft: „Die Studie ist ergebnisoffen gewesen, und das lässt sich auch leicht beweisen.“ Dennoch geriet Streecks Studie in ein schiefes Licht. Einer besonders begann, sich gegen den Kollegen zu äußern: sein vermeintlicher Antipode Drosten.

          Was von der Heinsberg-Studie wissenschaftlich zu halten ist, an der im Übrigen drei weitere namhafte Forscher der Universität Bonn beteiligt waren, wird sich nach dem Peer-Review-Verfahren zeigen. Die Publikation in einem Fachjournal ist in Vorbereitung. Für Streeck hatte die Bekanntgabe der Zwischenergebnisse aber auch noch eine andere Konsequenz: Bis Ostern gab es einen erfolgreichen Podcast zwischen dem Bonner Virologen und der Wissenschaftsredakteurin Jeanne Turczynski beim Bayerischen Rundfunk. Nach Ostern war die letzte Folge zu hören, in der es um die Kritik an Streecks Corona-Studie in Heinsberg ging, warum sie so schnell vorgestellt wurde und welche Rolle „eine PR-Agentur“ spielte. Eingestellt wurde der Podcast angeblich auf Druck von ganz oben, wie es heißt. Ein Podcast mit Streeck, angeblich ja „Laschets Wasserträger“, sei im Haussender der CSU nicht opportun. Schließlich sieht Söder in Laschet seinen schärfsten Konkurrenten, wenn es um die Nachfolge im Bundeskanzleramt gehe.

          Danach gab es Proteste vieler Zuhörer, denn Streeck habe in seinen Podcasts den Menschen Mut und Hoffnung gemacht. Sein Motto: Nicht bagatellisieren, aber auch nicht überdramatisieren. Diese Balance war ihm in allen Podcast-Folgen bis Ostern gut gelungen. Drostens „Coronavirus-Update“ hingegen ist weiter zweimal pro Woche zu hören, der Podcast des NDR ist sogar inzwischen für einen Grimme-Online-Award nominiert worden.

          Aufgeben komme nicht Frage

          Die vergangenen Wochen waren belastend, wie Streeck zugibt. Die Kritik ist nicht spurlos an ihm vorübergegangen. In ihrer Schärfe und Härte hat sie ihn aber auch ein Stück weit überrascht. Aufgeben aber komme für ihn nicht in Frage.

          Streeck wollte eigentlich schon früh Forscher werden. 1977 in Göttingen geboren, wuchs er in einer Familie von Wissenschaftlern auf: Seine Mutter, Annette Streeck-Fischer, ist Kinder- und Jugendpsychiaterin und lehrt als Professorin in Berlin, sein Vater Ulrich Streeck ist Psychiater und Soziologe und lehrte an der Universität in Göttingen, sein schon verstorbener Onkel Rolf-Eberhard Streeck war Molekulargenetiker an der Universität in Mainz. Streeck aber ist auch ein begabter Musiker. So begann er nach dem Abitur zunächst Musikwissenschaft und Betriebswirtschaftslehre in Berlin zu studieren. „Ich wollte Filmkomponist wie Hans Zimmer werden. Doch das konnte man Ende der neunziger Jahre noch nicht studieren.“

          Allerdings komponierte der Zwanzigjährige, der Cello und Saxophon spielt, auch Filmmusiken, etwa für den BR-Film „Was ist das, was in uns lügt, stiehlt, mordet? Georg Büchner“ der Regisseurin Sybil Wagener. Sein Traum aber, an der Guildhall School of Music & Drama oder dem Trinity College in London angenommen zu werden, erfüllte sich nicht. „Ich habe die Aufnahmeprüfungen nicht geschafft.“

          Streeck wechselte nach der Zwischenprüfung zur Medizin und legte schon bald seinen Schwerpunkt auf HIV. Über seine Arbeit in einer HIV-Praxis in Berlin bekam er den Kontakt zu Bruce Walker von der Harvard-Universität, der ihn fragte, ob er für seine Doktorarbeit nach Boston kommen würde. Das war 2004. Nach Abschluss des Studiums im April 2006 ging er als Postdoktorand an die Harvard Medical School zurück. Dort machte er schnell Karriere, auch weil er einer der wenigen war, der sich mit bestimmten Zellen bei HIV-Infizierten beschäftigte, die eine Rolle bei der Immunantwort und damit bei der Entwicklung eines Impfstoffs spielen könnten.

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          2012 wurde er an das HIV-Forschungsprogramm des amerikanischen Militärs (MHRP) berufen und leitete dort die Abteilung der zellulären Immunologie. Zugleich war er Assistant Professor an der Universität für Gesundheitswissenschaften der amerikanischen Regierung in Bethesda und an der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore. Mit dem MHRP arbeitet er auch weiterhin zusammen, unter anderem an HIV-Impfstoffstudien.

          Über Essen, wo er 2015 den Lehrstuhl für medizinische Biologie übernahm und im selben Jahr das Institut für HIV-Forschung gründete, führte ihn der Weg vor ein paar Monaten nach Bonn. Dort bietet sich ihm die Gelegenheit, wieder mehr als Arzt und Diagnostiker zu arbeiten und sich auch virologisch breiter aufzustellen, wie Streeck sagt, der in den vergangenen fünf Jahren noch seinen Facharzt für Virologie, Infektionsepidemiologie und Mikrobiologie gemacht hat.

          Seit Oktober lebt Streeck nun in Bonn zusammen mit seinem Ehemann Paul Zubeil, der für den Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen in Brüssel als stellvertretender Direktor arbeitet. Mit zur Familie gehört seit Ostern auch noch der Golden-Retriever-Welpe Sam. Auch wenn Streeck weiter gemeinsam vor allem mit dem Bonner Infektiologen Jürgen Rockstroh, derzeit Präsident der Europäischen Aids-Gesellschaft, an HIV und einem möglichen Impfstoff forscht, so wird ihn Heinsberg noch eine ganze Weile weiter beschäftigen. Eine Studie zur „Kappensitzung“ in Gangelt ist in Arbeit. Mit ihr soll geklärt werden, wer genau sich mit Corona infiziert hat und warum. Fast alle 400 Teilnehmer wurden schon befragt. Wer hat wo gesessen? Wer hat mit wem getrunken? Wer hat mit wem getanzt? Wer hat wen geküsst? Die Studie dürfte nicht minder für Aufsehen sorgen.

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