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Ursprung des Coronavirus : Die WHO will die Laborthese doch weiterverfolgen

WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus bei einer Pressekonferenz in Genf am 12. Februar Bild: AFP

Die WHO legt eine Kehrtwende bei der Untersuchung zum Coronavirus-Ursprung hin. Generaldirektor Tedros stellt klar, alle Hypothesen würden weiterverfolgt – und widerspricht damit dem Leiter der Expertengruppe in Wuhan.

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          Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt nun doch weitere Recherchen in der Frage, ob das Coronavirus Sars-CoV-2 aus einem Labor in der chinesischen Stadt Wuhan entwichen sein könnte. Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus widersprach am Freitag der Darstellung des Leiters der WHO-Mission in Wuhan. Tedros sagte, „es wurden Fragen aufgeworfen, ob manche Hypothesen verworfen worden sind. Nachdem ich mit manchen Mitgliedern des Teams gesprochen habe, möchte ich bestätigen, dass alle Hypothesen weiter bestehen und weitere Analyse und Studien erfordern.“ 

          Friederike Böge
          Politische Korrespondentin für China, Nordkorea und die Mongolei.

          Der Leiter der WHO-Mission, Peter Ben Embarek, hatte hingegen am Dienstag in Wuhan gesagt, die Mission empfehle keine weiteren Untersuchungen zu der These, dass die Pandemie durch einen Zwischenfall in einem Labor ausgelöst worden sein könnte. Dies sei „extrem unwahrscheinlich“. In Wuhan gibt es zwei Labore, die an Coronaviren forschen. Die Erreger stammen von Fledermäusen, die im Süden Chinas in Höhlen leben. Die Labor-Hypothese war eine von vieren, die die Experten untersuchten, und die einzige, zu der nach Ben Embareks Darstellung keine weiteren Nachforschungen nötig seien.

          Laute Auseinandersetzungen mit chinesischen Forschern

          Bei einer Pressekonferenz am Freitag im Hauptquartier der WHO in Genf erläuterte Ben Embarek, wie die Experten zu dieser Schlussfolgerung gekommen seien. „Normalerweise würden Laborforscher, die mit neuen Viren arbeiten und solche entdecken, ihre Erkenntnisse sofort veröffentlichen. Das ist weltweit die normale Praxis, vor allem mit neuen, interessanten Viren“, sagte der dänische Wissenschaftler. Es sei zwar möglich, „dass das Virus in Proben präsent ist und war, die noch nicht bearbeitet wurden, oder unter Viren, die noch nicht charakterisiert wurden“. Doch allen Labormitarbeitern, mit denen man gesprochen habe, sei das Virus unbekannt gewesen. 

          Peter Ben Embarek, der Leiter der WHO-Mission nach Wuhan, bei einer Pressekonferenz in Genf am 12. Februar
          Peter Ben Embarek, der Leiter der WHO-Mission nach Wuhan, bei einer Pressekonferenz in Genf am 12. Februar : Bild: AFP

          Derweil sind durch Interviews mit anderen Mitgliedern der Mission weitere Details über die Arbeit der internationalen Expertengruppe in Wuhan bekannt geworden. Die „New York Times“ berichtete unter Berufung auf mehrere Teilnehmer, dass es zwischen den ausländischen und chinesischen Wissenschaftlern zu Spannungen gekommen sei, die sich teilweise in lauten Auseinandersetzungen entladen hätten. China habe den ausländischen Fachleuten nicht alle angefragten Daten zur Verfügung gestellt.

          Vor allem geht es dabei um die Daten der ersten bekannten Covid-19-Patienten von Anfang Dezember 2019 sowie um 92 frühere Fälle vom November und Oktober 2019 mit ähnlichen Symptomen. Der australische Mikrobiologe Dominic Dwyer sagte der „New York Times“, die chinesische Seite habe dazu „nicht notwendigerweise genügend“ Daten bereitgestellt. Die Zeitung berichtete zudem, die chinesischen Wissenschaftler hätten die WHO-Delegation gedrängt, das Narrativ der Regierung in Peking zu übernehmen, wonach der Erreger aus dem Ausland nach China eingeschleppt worden sei.

          WHO-Generaldirektor Tedros gestand am Freitag zu, dass die Expertengruppe in Wuhan „unter sehr schwierigen Bedingungen“ gearbeitet habe. Ein Zwischenbericht der Mission soll bereits in der kommenden Woche veröffentlicht werden, ein Abschlussbericht einige Wochen später.

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