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Strategien für Lockdown-Ende : Ist das Testen bald das neue Impfen?

  • -Aktualisiert am

Die Tübinger Pandemie-Beauftragte Lisa Federle, RKI-Präsident Lothar Wieler und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn am 26. Februar in Berlin Bild: dpa

Gesundheitsminister Spahn will zeigen, dass er am Hoffnungsthema Testen dranbleibt. Die Schnelltests brächten aber keine absolute Sicherheit, mahnt er – und verbreitet mit RKI-Chef Wieler Zuversicht zur Impfkampagne.

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          ​Jens Spahn und Lothar Wieler hatten am Freitag Lisa Federle mit in die Bundespressekonferenz gebracht, in der sie seit einiger Zeit jeden Freitagvormittag über die Corona-Pandemie berichten. Das war ein Signal dafür, dass die Stimmung sich allmählich dreht. Statt mit Durchhalteparolen für einen immer längeren Lockdown zu werben, wird  intensiver über die „Werkzeuge“ gesprochen, mit deren Hilfe den Menschen – trotz wieder leicht steigender Inzidenzzahlen – Hoffnung auf Lockerungen im privaten und öffentlichen Leben gemacht werden sollen. Um das Impfen geht es dabei schon seit Ende des vorigen Jahres. Und weil es dabei noch langsam vorangeht, ist das neue Mittel der Wahl jetzt das Testen.

          Eckart Lohse

          Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.

          Lisa Federle ist Leitende Notärztin und Pandemiebeauftragte in Tübingen. Sie berichtete also am Freitag an der Seite des Bundesgesundheitsministers Spahn und des Präsidenten des Robert-Koch-Instituts (RKI) Wieler von den frühen Erfolgen, die man in Tübingen von Beginn der Pandemie an mit umfassenden Corona-Tests gemacht habe. Schon im ersten Pflegeheim habe man so 16 Infizierte ohne Symptome gefunden. Die Teststrategie sei dann von den Heimen auf die übrigen Bürger ausgeweitet worden. Seit Ende November biete Tübingen kostenlose Schnelltests an. Tübingen sei einer der ersten Kreise in Deutschland, in dem die Inzidenz auf weniger als 50 Infizierte pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen habe gesenkt werden können, zum Teil weniger als 35, sagte Federle.

          Spahn, der seine Ankündigung, von Anfang März an werde es kostenlose Schnelltests geben, wieder hatte einsammeln müssen, weil Bundeskanzlerin Angela Merkel, CDU-Mitglied wie er, erst ein Testsystem entwickeln will, konnte so am Freitag zeigen, dass er am Hoffnungsthema Testen dranbleibt. Sowohl die Schnelltests, die von geschultem Personal durchgeführt werden müssen, als auch die bald schon im Supermarkt erhältlichen Selbsttests für die Eigenanwendung gäben „zusätzliche“ Sicherheit, aber „keine hundertprozentige“.

          Der Labortest bleibt der Goldstandard

          Der „Goldstandard“ sei nach wie vor der Labortest, äußerte der Bundesgesundheitsminister. In der nächsten Woche werde die Bundesregierung mit den Ministerpräsidenten der Länder beraten, wie beim Umgang mit den Möglichkeiten des Testens die „richtige Balance“ aussieht. Das war das, was Merkel am Donnerstag in der F.A.Z. angekündigt hatte. Merkel hatte das Wort vom „Freitesten“ verwendet, mit dem eine „intelligente“ Öffnungsstrategie „untrennbar“ verbunden sei. Der RKI-Chef nahm das Wort zwar auch in den Mund, warnte aber umgehend vor zu hohen Erwartungen. Auch ein negativer Test schließe ein Infektion nicht aus.

          Doch das Testen, so wurde am Freitag an den Äußerungen von Spahn und Wieler deutlich, soll nur den Weg erleichtern, bis das „mächtigste Werkzeug“ (Wieler) im Kampf gegen die Pandemie möglichst vielen Menschen helfen kann: die Impfung. Und da war das Bemühen unübersehbar, trotz des schleppenden Beginns der Impfkampagne gute Nachrichten zu verbreiten. Anfang Februar habe die Inzidenz bei den 80 und mehr Jahre alten Menschen noch bei 200 gelegen, sagte der Gesundheitsminister. Inzwischen liege sie bei  70. Das überproportionale Infektionsgeschehen, das dort lange zu beobachten war, nähere sich dem Schnitt insgesamt an. „Das Risiko, an Corona zu erkranken, hat sich für unsere höchstbetagten Bürgerinnen und Bürger deutlich reduziert“, sagte Spahn.

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          Auch RKI-Präsident Wieler verwies auf die gesunkene Fallzahl bei Hochaltrigen. Das sei wahrscheinlich ein Effekt der Impfungen. Von den erkrankten alten Menschen sind bislang weit überdurchschnittlich viele gestorben. Spahn sagte, inzwischen hätten fast alle Bewohner von Alten- und Pflegeheimen  ein erstes Impfangebot erhalten, viele seien auch bereits zum zweiten Mal geimpft. Mehr als 40 Prozent der bislang eingesetzten Impfdosen seien Menschen im Alter von mehr als 80 Jahren verabreicht worden.

          Zu viel Impfstoff liegt im Kühlschrank

          Doch auch die Defizite des bisherigen Verlaufs der Impfkampagne kamen in der Bundespressekonferenz zur Sprache. Es liege „zu viel Impfstoff im Kühlschrank“, kritisierte Spahn. Bis Ende kommender Woche sollten etwa elf Millionen Impfdosen an die Länder geliefert worden sein. Verimpft wurden bisher etwa 5,7 Millionen. Vor dem Hintergrund der verbreiteten Zurückhaltung gegenüber dem Impfstoff des Unternehmens Astra-Zeneca warb Wieler für das Mittel. „Phantastisch“ nannte er Zahlen aus Schottland, die belegten, dass die Impfung mit Astra-Zeneca-Impfstoff die Quote der Hospitalisierung um 94 Prozent verringert habe. Was das Anpassen der Impfstoffe an die Mutanten des Coronavirus anbelangt, sprach der RKI-Präsident von einem „Wettlauf mit der Zeit“. 

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