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Corona-Politik in Spanien : Das „Wunder von Madrid“

Passanten und Straßenmusiker in Madrid Bild: AP

Spaniens Hauptstadtregion geht einen Corona-Sonderweg: Statt die gesamte Region herunterzufahren, setzt man auf selektive Ausgangsbeschränkungen in besonders stark heimgesuchten Zonen. Erste Erfolge zeichnen sich ab.

          2 Min.

          Auf der Bühne des Teatro Real hebt sich regelmäßig der Vorhang. Gerade hatte an der Madrider Oper die Neuinszenierung von Antonín Dvořáks Märchenoper „Rusalka“ Premiere. Während in weiten Teilen Spaniens Theater, Kinos und Gastronomie geschlossen sind, geht das Leben in der Hauptstadtregion fast so weiter wie vor der zweiten Corona-Welle – zumindest, bis um Mitternacht die Sperrstunde beginnt. Vorher ist es auf den Terrassen der Restaurants und Cafés oft schwierig, einen freien Platz zu finden.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Die Hauptstadtregion, die von der Pandemie im Frühjahr am härtesten getroffen wurde, geht einen Sonderweg. Am Freitag meldeten die Gesundheitsbehörden 1519 Neuinfektionen innerhalb von 24Stunden. Am 18. September, dem Höhepunkt der zweiten Corona-Welle, waren es fast 7000. Die 14-Tage-Inzidenz lag bei mehr als 800 Fällen pro 100000 Einwohner, heute sind es 324 – in ganz Spanien sind es knapp 500. Nur die Kanaren, Balearen, Valencia und Galicien registrieren noch weniger neue Fälle als die Hauptstadtregion.

          Die konservative Presse feiert schon das „Wunder von Madrid“. Im September war die Region noch das spanische Epizentrum der Pandemie, jetzt empfiehlt Regionalpräsidentin Isabel Díaz Ayuso dem sozialistischen Ministerpräsidenten Pedro Sánchez Madrid als „avantgardistisches“ Modell. Von Anfang an hatte die Zentralregierung die Madrider Maßnahmen für unzureichend gehalten und zwei Wochen lang einen härteren Lockdown verordnet. Die Regionalregierung warf Sánchez vor, er wolle die Wirtschaft zerstören, und blieb bei ihrem Konzept der „chirurgischen“ Eingriffe in die Bewegungsfreiheit der knapp sieben Millionen Einwohner. Statt die gesamte Region herunterzufahren, setzte man auf selektive Ausgangsbeschränkungen in besonders stark heimgesuchten Zonen: Die Bürger dürfen sie nur mit triftigem Grund verlassen und betreten. Dort gilt eine frühere Sperrstunde; Spielplätze und Parks sind geschlossen.

          Am Freitag wurden diese Einschränkungen in weiteren zehn Bezirken aufgehoben. Der zweite Pfeiler der Madrider Strategie sind die fünf Millionen Antigentests. Diese Schnelltests benötigen kein Labor und tragen dazu bei, Infizierte früher zu entdecken und zu isolieren. Weniger betroffen sind die Altersheime, in denen damals die meisten Toten zu beklagen waren. In einigen Einrichtungen ergab eine Studie unter den Bewohnern eine Teilimmunität von mehr als 50 Prozent; beim Pflegepersonal waren es gut 30 Prozent.

          Katalonien mit der Metropole Barcelona hat einen anderen Weg gewählt, der langsam erste Erfolge zeigt. Seit Mitte Oktober hat die Regionalregierung die gesamte Gastronomie geschlossen, dazu Theater und Sporteinrichtungen. Von 22 Uhr an müssen die Katalanen zu Hause bleiben. Ihre Region – und am Wochenende auch ihren Wohnort – dürfen sie nur in begründeten Ausnahmefällen verlassen. Die Regierung verlängerte gerade die Restriktionen bis zum 23. November. „Uns geht es sehr schlecht, aber wir sind auf einem guten Weg“, beschreibt die katalanische Gesundheitsministerin Alba Vergés die Lage. Am Sonntag wurden 2008 Neuinfektionen gemeldet, Ende Oktober waren es täglich mehr als 6000. Mit 622 Fällen pro 100000 Einwohner in 14 Tagen liegt die Region weit über dem Landesdurchschnitt.

          Umstellung auf Schnelltests

          Dennoch ist man nicht nur in Katalonien angesichts der Erfolgsmeldungen aus Madrid skeptisch. Vor allem wegen der Umstellung auf die Schnelltests seien Vergleiche schwierig. In Katalonien und den meisten anderen spanischen Regionen werden weiterhin die zuverlässigeren PCR-Tests verwendet, deren Anteil in Madrid inzwischen auf ein Drittel sank. Die Antigentests gelten als weniger genau, besonders bei Infizierten ohne Symptome. Zudem hat Madrid bei der Eindämmung einen Vorsprung von fast einem Monat. In Katalonien erreichte die zweite Welle erst Ende Oktober ihren Höhepunkt. Die strengeren Maßnahmen müssen erst Wirkung zeigen. Ein Trend lässt sich in Madrid bei den Patienten erkennen, die wegen Covid-19 ins Krankenhaus müssen. Anfang Oktober waren es täglich oft mehr als 2500, vergangene Woche nur ein Zehntel davon.

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