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Italien will Badesaison retten : „Es ist ein Irrsinn, über den wir nicht einmal nachdenken“

Ob es auch in diesem Jahr volle Strände in Italien geben wird, wie hier in Sizilien im August 2017? Bild: AFP

Die Badesaison ist in Italien fast schon heilig. Derzeit gibt es kuriose Vorschläge, wie sie trotz Corona stattfinden könnte.

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          Manches spricht dafür, dass es von Beginn an nur als PR-Aktion gedacht war. Jedenfalls hat es das mittelständische Unternehmen Nuovaneon aus dem Städtchen Serramazzoni in der Region Emilia-Romagna sogleich in die nationalen Schlagzeilen geschafft. Damit sich die Leute in der kommenden Sommerfrische nicht mit dem Coronavirus anstecken, so der Vorschlag von Nuovaneon, sollen sie sich am Strand hinter zwei Meter hohen Plexiglaswänden verschanzen. In die quadratischen Boxen mit Seitenlängen von viereinhalb Metern und einem anderthalb Meter breiten Zugang würde das klassische Strandgedeck von „due lettini e un ombrellone“ (zwei Liegen und ein Sonnenschirm) gerade so hineinpassen. Vielleicht noch ein Strandkorb und ein extra Handtuch dazu.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Unter den professionellen „bagninos“ (Bademeistern) hat der Vorschlag für Erheiterung bis Entsetzen gesorgt. „Wer von Strandtourismus auch nur ein bisschen Ahnung hat, der weiß, dass man sich bei 40 Grad nicht in einer Box aus Plexiglas einschließen kann“, sagt Mauro Vanni, Präsident der Genossenschaften der Bademeister von Rimini: „Es ist ein Irrsinn, über den wir nicht einmal nachdenken.“ Die Leute würden vielleicht vom Virus verschont werden, aber in der Windstille ihres Plexiglaskastens dafür an Dehydrierung eingehen, sagt der Bademeister. Auch von anderweitig Obskurem weiß Vanni zu berichten: Vom Aufstellen von Zelt-Tunneln am Eingang zum Strand etwa, in welchen die Sommerfrischler mit Desinfektionsmittel besprüht würden. Und so weiter.

          Wie kann die „geheiligte“ Badesaison gerettet werden?

          Dabei weisen Leute wie Vanni, die über jahrzehntelange Erfahrung im Strandtourismus verfügen, die enormen Schwierigkeiten keineswegs von der Hand, um die „geheiligte“ Badesaison im Juli und August dieses Jahres auch nur halbwegs zu retten. Sollte etwa die Pflicht zum Tragen eines Mundschutzes in der Öffentlichkeit, wie sie in mehreren Regionen schon jetzt gilt, auf das ganze Land ausgedehnt werden, wäre eine Badesaison „schwer vorstellbar“, konzediert Vanni – selbst unter Einhaltung anderer Sicherheitsmaßnahmen wie dem Abstandhalten oder dem häufigen Waschen und Desinfizieren der Hände.

          Liegen und Sonnenschirme in größerem Abstand voneinander aufzustellen, bestimmte Badezeiten für bestimmte Reihen von Sonnenschirmen und Liegen festzulegen, damit es nicht zu voll wird im Wasser, das wäre noch leicht zu schaffen, sagt er. Aber wie solle man mit Mundschutz schwimmen gehen oder auch nur planschen? Und wie viele Exemplare würde man täglich brauchen, wenn man nach jedem Gang ins Meer einen neuen Mundschutz anlegen müsste? „Wir werden uns an die Vorschriften halten und zugleich nach Lösungen suchen, die den Tourismus fördern“, sagt Vanni, auch wenn er noch nicht weiß, welche Lösungen das am Ende sein werden.

          Vorab fordern Vanni und andere Interessenvertreter einen „Marshallplan für die Fremdenverkehrswirtschaft“, von der in Italien zehntausende Arbeitsplätze und tausende Unternehmen abhängen. Doch Marshallpläne fordern auch andere Wirtschaftszweige, die ebenfalls von der strengen Ausgangssperre und den drastischen Einschränkungen der Wirtschaftstätigkeit bis mindestens zum 3. Mai betroffen sind. Was aber wäre ein Sommer 2020 ohne Strandurlaub an den heimischen Küsten, wenn zumal Urlaubsreisen ins Ausland für viele in der zu erwartenden Rezession unerschwinglich sein werden?

          „Dahinter steckt eine Strategie“

          Trotz der Warnungen der Fachleute vor einer möglichen zweiten Welle der Infektionen mit dem Coronavirus und der Covid-19-Erkrankungen im Sommer haben Regionen mit langen Küstenabschnitten – etwa Ligurien und die Abruzzen – unmittelbar nach Ostern, an diesem Dienstag erlaubt, dass die Betreiber der Strandbäder mit den Vorbereitungen auf die Saison beginnen. In anderen Regionen bleiben die Strände bis Anfang Mai streng abgeriegelt. Auch beim Streit um den Strandurlaub geht es nicht ohne politische Polemik. Der Rat von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen an die Bürger der Union, angesichts der Coronavirus-Pandemie vorerst keine Urlaubspläne für Juli und August zu schmieden, ist in Italien nicht gut angekommen.

          Leute wie Massimo Casanova, Eigentümer des Strandbades und der Diskothek „Pepeete Beach“ in Milano Marittima nördlich von Rimini, und seit Juni 2019 Abgeordneter für die rechtsnationalistische Partei Lega im Europaparlament, vermutet hinter Warnungen wie jener der deutschen Kommissionspräsidentin die sinistere Absicht, das Urlaubsland Italien weiter zu diskreditieren und in die Knie zu zwingen. „Dahinter steckt eine Strategie“, argwöhnt Casanova, der mit Lega-Chef und Ex-Innenminister Matteo Salvini befreundet ist und diesen im vergangenen Sommer publikumswirksam in seinem Strandbad empfangen hatte – mit Mojito in der Hand und bei Diskomusik. „Die starken Mächte des Auslands schielen auf Italien“, warnt Casanova: „Für zwei Euro wollen sie Strandbäder, Hotels, einfach alles aufkaufen.“ Um dies zu verhindern, brauche Italien eine starke Sommersaison mit so vielen einheimischen Gästen wie nur möglich.

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