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„Pandemie-Sommer“ in Italien : Ein Tag am Meer, mit Maske

So ist es schön: Überschaubar gefüllter Strand an der Amalfi-Küste. Ins Wasser darf man ohne Maske, zur Bar oder ins Bistro nur mit. Bild: Getty

In Italien wacht der Bademeister über die Abstandsregeln zwischen den Liegen. Auf Plexiglaswände kann man verzichten. Aber es wird minutiös festgelegt, wie sich Betreiber und Gäste von Strandbädern im „Pandemie-Sommer“ 2020 zu verhalten haben.

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          So ist es immer bei der Ankunft am Strand: Im Kopf spielt sogleich Paolo Contes Ballade „Una giornata al mare“. Zwar sind die „tausend Lire“, von denen Conte noch erzählte, längst durch eine andere Währung ersetzt. Aber alles andere ist noch so, wie es der Poet mit der rauen Stimme seit 1974 auf ungezählten Konzerten und Tonträgern besungen hat: das Geschrei der Kinder, die heller scheinende Sonne, das erfrischende Eintauchen ins Meer, auch das Grübeln über „die Gründe und Antriebe dieses Lebens“, in die man nach Contes Worten beim „Tag am Meer“ leicht verfallen kann.

          Matthias Rüb
          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Das Strandbad „Lilandà“ in Sabaudia hat jedenfalls geöffnet. Und zwar seit dem 29. Mai. Die Badesaison hat dieses Jahr wegen der Corona-Pandemie vier Wochen später begonnen und ist vorerst bis zum 30.September terminiert. Die Fremdenverkehrswirtschaft wird in Sabaudia wie in ganz Italien auf eine Verlängerung der Saison bis Ende Oktober drängen, um die pandemiebedingten Verluste des Frühjahrs halbwegs auszugleichen. Sabaudia liegt anderthalb Fahrstunden südöstlich von Rom am Tyrrhenischen Meer. Der breite Sandstrand erstreckt sich auf einer kilometerlangen Düne, an deren südlichem Ende der mächtige Monte Circeo thront.

          Sabaudia wurde in 235 Tagen erbaut – zu Zeiten, als Benito Mussolini „Capo del Governo“ (Regierungschef) in Rom war. Die feierliche Einweihung der Stadt erfolgte am 15. April 1935. Mithin im „Anno XII E.F.“, im Jahre zwölf der „Era Fascista“, der Faschistischen Ära. Die begann nach der von Mussolini eingeführten Zeitrechnung mit dessen Marsch auf Rom und seiner Regierungsübernahme im Oktober 1922. Die Inschrift von 1935 steht bis heute, unverändert und in großen Lettern, an der Nordseite des Rathausturms. Ganz Sabaudia wurde zur Modellstadt nach Wunsch und Geschmack Mussolinis: mit schnurgeraden Straßen und ausladenden Parkanlagen, mit Amts-, Geschäfts- und Wohngebäuden in einer klaren Formensprache, die nicht nur entfernt an jene des Weimarer Bauhauses erinnert.

          Nicht mehr als 37,5 Grad Körpertemperatur

          In den Jahren vor dem „Blitzbau“ Sabaudias hatte Mussolini die pontinischen Sümpfe mit Kanälen durchziehen und urbar machen lassen. Die fruchtbare Ebene ist bis heute Kornkammer und Gewächshaus der Region Latium. Und bis heute bewahrt man in Sabaudia, wo Straßen und Parks sauberer sind als in anderen Städten Latiums, dem „Gründervater“ der Stadt ein treues Gedenken – nicht nur am Rathausturm. Diese unverhohlene Mussolini-Nostalgie hinderte in den Nachkriegsjahren die liberalen Künstler, Schriftsteller und Filmschaffenden aus Rom jedoch nicht daran, die Stadt zur Kult-Destination für ihre Sommerfrische zu machen. Der Schriftsteller Alberto Moravia und der Regisseur Pier Paolo Pasolini waren bis in die siebziger Jahre Stammgäste in Sabaudia.

          „Stabilimenti balneari“, privat bewirtschaftete Strandbäder wie das „Lilandà“ von Sabaudia, gibt es in Italien rund 30.000. Die meisten befinden sich an der 7600 Kilometer langen Küstenlinie des Landes, aber auch an den vielen Seen gibt es welche. Im Stamm-Stabilimento, wo die Familie den Platz am Strand für die ganze Saison zu mieten pflegte, war man schon als Kind. Dort trifft man alte Freunde und neue Bekannte, lässt sich in Bar und Restaurant zur Mittagszeit und zum Abendessen versorgen.

          Italien, in Europa als erstes Land und dazu besonders schwer von der Corona-Pandemie heimgesucht, probt gerade den Übergang vom akuten Notstand zur „neuen Normalität“ des Lebens mit dem Virus. Doch so viel anders als im Vorjahr mutet der Sommer 2020 im „Lilandà“ von Sabaudia nicht an. Der Wächter vom Parkplatz freut sich über den Gast vom letzten Jahr. Treppenstufen und Geländer des Stegs hinab zum Strand sind frisch getüncht, wie zu Saisonbeginn 2019 auch. Freilich steht jetzt an jeder Ecke ein Behälter mit Desinfektionsmittel für die Hände. Auf Hinweisschildern wird zur Einhaltung des Sicherheits- und Hygieneabstands ermahnt. Mund-Nasen-Schutz muss getragen werden bei der Bestellung am Tresen der Strandbar und beim Gang zu Sonnenschirm und Liege; dort und beim Baden im Meer darf man ihn ablegen. Barfußlaufen in den Versorgungs- und Sanitärbereichen ist untersagt.

          In einer Anordnung der Stadtverwaltung wird minutiös festgelegt, wie sich Betreiber und Gäste von Strandbädern im „Pandemie-Sommer“ 2020 zu verhalten haben. Jeder Gast muss Namen und Telefonnummer hinterlassen, die Liste muss 30 Tage aufbewahrt werden. Der gewohnte „bagnino“ (Bademeister) heißt in der 18 Seiten starken Anordnung „steward di spiaggia“ (Strandsteward), und es obliegt ihm, die Gäste auf alle einschlägigen Regelungen aufmerksam zu machen, wenn er sie zu ihrem Schirm geleitet. Unser „bagnino“ heißt immer noch so, und alles, was er sagt, ist: „Una buona giornata!“

          Laut Verordnung soll niemand mit einer Körpertemperatur von mehr als 37,5 Grad in ein Strandbad, aber mit einem Thermoscanner hantiert hier niemand. Zwischen den Liegestühlen benachbarter Schirme müssen anderthalb Meter Abstand sein; im „Lilandà“ und in anderen Strandbädern von Sabaudia sind es seit je zwei oder noch mehr Meter. Das Geschrei in den Medien, man werde wohl Plexiglaswände zwischen den Sonnenschirmen am Strand aufstellen müssen, ist längst verstummt. Beziehungsweise verweht von der schönen Brise, die vom Meer her das Virus und mit ihm das ganze Grauen fortzupusten scheint. Nach langen drei Monaten Lockdown und Shutdown beginnt Italien mit der Zurückeroberung seiner lieben Gewohnheiten. Am Strand wird in aller Entspannung die erste Schlacht geschlagen. Und gewonnen.

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