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Corona-Pandemie im Nahen Osten : Steigende Zahlen und wachsender Widerstand in Israel

Reisende mit Schutzmasken treffen am internationalen Flughafen Ben Gurion ein. Bild: dpa

Israel leidet unter vielen neuen Infektionen. Dabei fällt auf: Besonders solche Gegenden sind betroffen, die von ultraorthodoxen oder arabischen Israelis bewohnt sind. Doch auch in anderen Teilen des Landes regt sich Widerstand gegen die Corona-Maßnahmen.

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          Israel erlebt einen sprunghaften Anstieg an Corona-Neuinfektionen mit Rekordwerten. Mehr als 3100 neue Fälle verzeichneten die Gesundheitsbehörden am Donnerstag in den vergangenen 24 Stunden. Gemessen an der Bevölkerungszahl von neun Millionen, steht das kleine Land damit an der Spitze der westlichen Welt. Als besorgniserregend gilt die hohe Rate von zuletzt neun Prozent positiv Diagnostizierten aus allen Tests. Die Zahl der Todesfälle liegt bislang bei knapp 1000. Die neuerlichen Rekordwerte fallen auf die Zeit des Ferienendes. Das neue Schuljahr fing am Dienstag an, was neuerliche Befürchtungen hervorruft.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

          Am Donnerstagabend beschloss die Regierung einen Lockdown in jenen Städten und Dörfern, die epidemiologisch betrachtet als „rot“ eingestuft sind. Zutritt oder Ausfahrt werden verboten, Schulbetrieb und öffentlicher Nahverkehr eingestellt. Der Lockdown soll indes erst am Montag in Kraft treten, auch über die Klassifizierung der Städte soll erst am Sonntag entschieden werden. Dem Ampelmodell zufolge sollen fortan Städte und Gemeinden je nach Infektionsrate in die Kategorien rot, orange, gelb oder grün eingeteilt werden und dort Schulen oder das Geschäftsleben entsprechend eingeschränkt oder geöffnet werden. Das hat unmittelbare wirtschaftliche, soziale und politische Folgen und zieht entsprechenden Protest nach sich, auf den die Regierung bislang zögerlich reagiert.

          Bei Betrachtung der bislang mehr als 20 „roten Städte“ fällt jedenfalls auf, dass es sich dabei überwiegend um Gegenden handelt, die von ultraorthodoxen oder arabischen Israelis bewohnt sind. Die relativen Armutsquoten sind hier höher, die Familien größer, der Wohnraum ist kleiner. Zu alledem hatte der einflussreiche Rabbiner Chaim Kaniewski Religionsschulen aufgefordert, Schüler, die in Kontakt mit Infizierten kamen, nicht unter Quarantäne zu stellen, da dies das Studium der heiligen Schriften behindere und man sich folglich besser auch nicht testen lassen sollte. Das sollte sich nur auf jene Religionsschulen beziehen, die sich bis Jom Kippur ohnehin isolierten, beteuerten Mitarbeiter des 92 Jahre alten Rabbiners. Der Corona-Beauftragte Ronni Gamzu, ehemaliger Direktor eines Tel Aviver Krankenhauses, sagte dagegen, Kaniewskis Äußerungen „gefährden die ultraorthodoxe Öffentlichkeit“. Daraufhin verlangten ultraorthodoxe Zeitungen am Donnerstag den Rücktritt Gamzus. „Ich schlage vor, dass Gamzu sich nicht in etwas einmischt, das Tausende Jahre bewiesenen Erfolgs hinter sich hat“, sagte der Fraktionsvorsitzende der mitregierenden Partei Vereinigtes Thora-Judentum, Yitzhak Pindros.

          Widerstand auch von Restaurantbesitzern in Tel Aviv

          Damit bezog sich Pindros auch auf Gamzus Bemühungen, die Pilgerfahrt in die ukrainische Stadt Uman zu verhindern. Jedes Jahr zieht es Zehntausende chassidische Juden aus Israel nach Uman, wo sie am Grab des Rabbiners Nachman zusammenkommen, der die chassidische Bewegung aufleben ließ und 1810 in der heutigen Ukraine starb. In einem Brief an den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj hatte Gamzu vor den hohen Infektionsraten unter Ultraorthodoxen gewarnt und gebeten, die für Ende September vorgesehenen Festivitäten einzuschränken. Dass in Uman nun ein jüdischer Mann tätlich angegriffen wurde, nahm der Likud-Koalitionsführer Miki Zohar zum Anlass für die Behauptung, der Corona-Beauftragte Gamzu fache Antisemitismus an. Die gegenüber dem Likud des Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu bislang loyalen Ultraorthodoxen will dieser nicht verlieren. Zudem kommt es ihm nicht ungelegen, wenn sich die Diskussion über die Corona-Politik nicht um den Regierungschef dreht, sondern um den vor wenigen Wochen erst eingesetzten Corona-Beauftragten Gamzu.

          Während die Regierung einem Teil der Bevölkerung also weiter Vertrauen schenkt, schlägt sich das fehlende Vertrauen eines anderen Bevölkerungsteils ebenfalls nieder: In der vor allem von Arabern bewohnten und als „rot“ eingestuften israelischen Stadt Umm el Fahm herrsche wie in der arabischen Gesellschaft „komplette Laxheit“ gegenüber dem Virus, sagte der Bürgermeister Samir Mahamid. Er berichtete von Widerstand gegen Quarantäne-Maßnahmen; kranke Menschen würden weiter zur Arbeit gehen. Dass sich Widerstand gegen Maßnahmen allerdings auch in anderen Teilen Israels bemerkbar macht, zeigte sich vor einigen Wochen, als sich in Tel Aviv Restaurantbesitzer weigerten, verordneten Schließungen zu folgen, woraufhin die Regierung ihre Vorgaben wieder zurücknahm. Am Donnerstag beriet das Kabinett über einen Lockdown für „rote“ Städte und Gemeinden. Politische Erwägungen spielten dabei sicher auch eine Rolle. Welche Städte am Sonntag nun als „rot“ eingestuft werden, darüber werden politische Erwägungen also sicher auch eine Rolle spielen.

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