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Neue Phase in Pandemie : Die „große Öffnung“ in Italien

Sprung in die nächste Phase: Freundinnen vor dem Kolosseum in Rom Bild: EPA

Rund 800.000 Geschäfte hätten am Montag in Italien wieder aufsperren dürfen. Doch nicht alle Händler nahmen die Gelegenheit wahr. Manche haben nach zwei Monaten ohne jede Einnahme schon aufgegeben.

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          Über die Bezeichnung der neuen Phase war man sich am Montag in Italien noch uneins: Hat nun schon „Phase 3“ begonnen oder ist es noch „Phase 2b“? In jedem Fall markierte der 18. Mai für die rund 60 Millionen Einwohner des Landes den bisher größten Schritt auf dem Weg vom akuten Notstand der Pandemie zu einer neuen Normalität des Lebens mit dem Coronavirus. In Rom und in den anderen Metropolen des Landes nahm der Straßenverkehr merklich zu. Vor Metrostationen und Bushaltestellen bildeten sich Warteschlangen – nicht immer so diszipliniert und unter Einhaltung des erforderlichen Hygiene- und Sicherheitsabstands, wie es die Italiener während zehn Wochen strengsten Ausgangsverbots bis zuletzt vor Supermärkten, Gemüse- und Obstgeschäften sowie Apotheken demonstriert hatten.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Nach Schätzungen des italienischen Einzelhandelsverbands konnten am Montag rund 800.000 Geschäfte nach mehreren Wochen Schließung erstmals wieder aufsperren. Doch bei weitem nicht alle Händler nahmen die Gelegenheit wahr: Mancher hatte die erforderlichen Vorbereitungen für die neuen Hygiene- und Abstandsregelungen noch nicht abgeschlossen, andere hatten nach zwei Monaten ohne jede Einnahme schon aufgegeben.

          Auch Friseure und Nagelstudios, Bars und Restaurants, Museen und Bibliotheken, Strände und Strandbäder durften am Montag fast überall im Land wieder öffnen. Bis Sonntagabend hatte man beim Amt des Ministerpräsidenten noch an dem kiloschweren Gesetzes- und Dekret-Konvolut gefeilt, das die Bedingungen der „großen Öffnung“ in allen Einzelheiten regelt. In Kampanien erließ Regionalpräsident Vincenzo De Luca ein zusätzliches Dekret, mit welchem er den Spurt zur allgemeinen Öffnung zu bremsen und zu reglementieren versuchte.

          „Bitte benutzt eure Köpfe“

          Überall im Land gilt, dass in geschlossenen Räumen, aber auch in der Öffentlichkeit unter freiem Himmel ein Abstand von mindestens einem Meter eingehalten werden muss. Das Tragen einer Atemschutzmaske ist in Geschäften und Ämtern, im öffentlichen Nah- und Fernverkehr sowie auch in Gotteshäusern vorgeschrieben. Ministerpräsident Giuseppe Conte räumte am Sonntagabend ein, dass der Zorn vieler Italiener, die sich in der beispiellosen Krise vom Staat alleingelassen fühlten, berechtigt sei. Seine Regierung arbeite aber „Tag und Nacht daran“, dass die schon vor Wochen beschlossenen Hilfen nun wirklich sehr bald bei den Bedürftigen ankämen. Gesundheitsminister Roberto Speranza bezeichnete die neue Phase als die „härteste Probe“ für die Bevölkerung. Bisher hätten die Italiener „großes Verantwortungsgefühl gezeigt“, aber jetzt sei „noch wichtiger, dass jeder seinen Teil beiträgt“, sagte Speranza.

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          Schon nach der ersten vorsichtigen Lockerung der Ausgangssperre vom 4. Mai war es in Mailand zu Massenansammlungen von Leuten gekommen, die ihren „Freigang“ über die Maßen genossen. Bürgermeister Giuseppe Sala hatte daraufhin gedroht, er werde „alles wieder schließen“, sollte sich das wiederholen. Aus Bergamo gab es am Sonntagabend Berichte und Fotografien von Menschen, die sich schon am Vorabend der allgemeinen Öffnung in den engen Gassen der Altstadt drängten, viele von ihnen ohne Mundschutz und zu nahe beieinander stehend. Bürgermeister Giorgio Gori wandte sich daraufhin am Montagvormittag mit einem Video an die Bevölkerung seiner besonders schwer von der Pandemie heimgesuchten Stadt: „Bitte benutzt eure Köpfe, wenn wir jetzt alles wieder öffnen. Wir müssen dem neuen Alltag begegnen, indem wir schlicht und einfach die Regeln einhalten.“

          Am frühen Montagmorgen hat Papst Franziskus auch den Petersdom nach wochenlanger Sperrung mit einer Messe zum hundertsten Geburtstag von Johannes Paul II. eröffnet. Franziskus würdigte den Polen vor dessen Grab als „Mann Gottes“ und der Gerechtigkeit, der dem Volk immer nahe gewesen sei. Karol Wojtyla war von 1978 bis zu seinem Tod 2005 Oberhaupt der katholischen Kirche – so lange wie kaum ein Papst vor ihm. Bei der Messe waren etwa 30 Geistliche und Vatikanmitarbeiter dabei, die Öffentlichkeit war bei der Feier noch nicht zugelassen. Nur wenige Teilnehmer trugen Mundschutz, auch wenn sie weit voneinander entfernt in den Bänken saßen.

          Der Petersplatz und der Petersdom in Rom waren seit dem 10. März wegen der Corona-Pandemie in Italien gesperrt. Am Montagvormittag öffnete die Basilika wieder für Besucher. Unter Aufsicht von Polizisten wurde ihnen vor dem Betreten der Kirche die Temperatur gemessen. Zudem mussten sie sich die Hände desinfizieren. Papst Franziskus wird aber vorerst keine religiösen Zeremonien im Petersdom oder auf dem Petersplatz feiern, um größere Ansammlungen von Gläubigen zu verhindern.

          Allgemein sind Gottesdienste in Italien nun wieder erlaubt, es gelten die einschlägigen Abstands- und Hygieneregeln. Bei Gottesdiensten in geschlossenen Räumen sind maximal 200 Gläubige zugelassen, im Freien dürfen bis zu tausend Menschen teilnehmen. Am Eingang müssen die Gläubigen sich die Hände desinfizieren. Vorerst ist einzig die Handkommunion zugelassen, die in Italien bisher nicht üblich war. Dabei müssen die Geistlichen Handschuhe tragen und dürfen die Hände der Gläubigen nicht berühren. Die Hostie wird mit einer Zange gereicht.

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