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Forscher für härtere Maßnahmen : Kurve abflachen? Das reicht nicht mehr

Kliniken jenseits des Limits: In Cremona in Norditalien wurden Intensivstationen in Zelte eingerichtet. Bild: EPA

Das Ziel hieß, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Doch langsam wäre immer noch zu schnell, sagen Deutschlands Epidemiologen – die Kliniken wären heillos überfordert. Jetzt ist Eindämmung die Devise. Das hieße: Harte Maßnahmen, die lange dauern.

          4 Min.

          Zu diesem Artikel gibt es ein Update (siehe unten*).

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Wissenschaftler und Mediziner üben immer mehr Druck auf die Politik aus, die erheblichen Ausgangsbeschränkungen auszuweiten, um die Coronaviren-Ausbreitung landesweit einzudämmen. Nach dem virologischen Berater der Bundesregierung, Christian Drosten, hat nun auch die Deutsche Gesellschaft für Epidemiologie in einer Stellungnahme auf die exponentiell steigenden Infektionsraten reagiert: „Aktuell liegt ein kurzes Zeitfenster vor, in dem die Entscheidung zwischen Eindämmung und Verlangsamung der Infektionsausbreitung noch ohne Überlastung des Gesundheitssystems erfolgen kann.“  Es gehe jetzt darum, „in der gesamten Bevölkerung eine Einschränkung der sozialen Kontakte auf das Notwendigste zu erreichen“.

          Verlangsamung oder Eindämmung – das sind die einzigen Möglichkeiten, solange es keine nachweislich wirksamen Medikamente gibt. Das Ziel der Verlangsamung wurde zuletzt meist in die Formel gekleidet, man müsse „die Kurve abflachen“: Es würden sich nicht weniger Personen infizieren als ohne die empfohlenen oder verordneten Schutzmaßnahmen, aber die Verbreitung des Virus in der Bevölkerung würde über einen langen Zeitraum gestreckt. Eindämmung dagegen bezeichnet das Ziel, die Verbreitung des Virus zu stoppen, so dass sich gar niemand mehr ansteckt. Wenn das in Deutschland gelänge, was beim Fehlen eines Impfstoffs selbst bei drastischen Maßnahmen unrealistisch erscheint, müsste obendrein „einem erneuten Einschleppen der Infektion“ nach Deutschland vorgebeugt werden, wie es in dem Papier der Epidemiologen heißt.

          Ein Erfolg ist „praktisch nicht vorstellbar“

          Verlangsamung ist und bleibt der in den meisten betroffenen Ländern verfolgte Ansatz. Solange die Zahl der Infizierten überschaubar war, folgten daraus Aufrufe zur Händehygiene, die Isolation von Infizierten sowie Quarantäne für Kontaktpersonen. „Soziale Distanz“ wurde zum Schlachtruf: Menschen sollen anderthalb bis zwei Meter Abstand zu ihren Mitmenschen halten. Auch die Bundeskanzlerin forderte die Deutschen dazu auf. Die Gesellschaft für Epidemiologie glaubt in den Zahlen einzelner regionaler Viren-Cluster auch zu erkennen, „dass die bisher getroffenen Maßnahmen schon eine Senkung der effektiven Reproduktionszahl bewirkt haben“.

          Wie viele Menschen sich wie schnell infizieren würden

          Je nach Ansteckungsquote (Reproduktionszahl R0)

          1,25

          R0

          1,1

          1,5

          2

          3

          2,5

          8.000.000

          Anzahl infektiöser Personen

          6.000.000

          4.000.000

          2.000.000

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          Tage

          Grafik: joth.

          Quelle: Deutsche Gesellschaft für Epidemiologie

          Wie viele Menschen sich wie schnell infizieren würden

          Je nach Ansteckungsquote (Reproduktionszahl R0)

          1,25

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          Anzahl infektiöser Personen

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          Grafik: joth. / Quelle: Deutsche Gesellschaft für Epidemiologie

          Wie viele Corona-Patienten auf Intensivstationen versorgt werden müssten

          Je nach Ansteckungsquote (Reproduktionszahl R0)

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          1.500.000

          Anzahl Personen auf Intensivstation

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          Grafik: joth.

          Quelle: Deutsche Gesellschaft für Epidemiologie

          Wie viele Corona-Patienten auf Intensivstationen versorgt werden müssten

          Je nach Ansteckungsquote (Reproduktionszahl R0)

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          Anzahl Personen auf Intensivstation

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          Grafik: joth. / Quelle: Deutsche Gesellschaft für Epidemiologie

          Die Reproduktionszahl des Virus (R0) gibt an, wie viele andere Menschen ein Infizierter anstecken kann. Sie entspricht damit sozusagen der Ansteckungsquote und ist – neben der Sterberate – eine entscheidende Kennzahl für die Ausbreitung des Erregers. Allerdings ist sie in einer laufenden Epidemie schwer zu ermitteln, weil die Infektiosität des Virus von vielen Eigenschaften des Virus selbst wie dem Verhalten der Bevölkerung und dem Anteil der bereits infizierten oder immunen Bürger abhängt. R0 verändert sich also im Laufe einer Epidemie, und sie ist auch je nach Infektionsdichte regional unterschiedlich. Die neuen Modellrechnungen beruhen weitgehend auf chinesischen Zahlen über die Ausbreitung des Covid-19-Virus; sehr zuverlässig sind diese nicht, doch bessere Daten stehen noch nicht zur Verfügung.

          Wären noch gar keine Schutzmaßnahmen ergriffen worden, läge diese Ansteckungsquote nach den Schätzungen in der Studie in Deutschland zwischen zwei und drei: Jeder Infizierte würde also zwei bis drei weitere Personen infizieren. Die bisherige Strategie habe die Ansteckungsquote zwar verringert, aber nicht hinreichend, heißt es in der Stellungnahme der Epidemiologen. Denn nur wenn eine extreme Verlangsamung der Ausbreitung des Virus auf eine Ansteckungsquote von nur noch knapp über eins gelänge, könnten die deutschen Kliniken die zu erwartende Zahl von Intensivpatienten überhaupt bewältigen.

          Dabei geht das Modell von den derzeit vorhandenen, überwiegend aber unabhängig von der Corona-Pandemie besetzten etwa 30.000 Intensivbetten und einer Liegedauer der Corona-Patienten von durchschnittlich zwanzig Tagen aus (Anmerkung: Bei einer Annahme von 6 Prozent intensivpflichtiger Patienten unter allen Infizierten). Auch diese Annahmen sind freilich vorläufig, weil etwa an einigen Orten bereits ein Ausbau der Bettenkapazitäten organisiert wird. Die Epidemiologen gehen auch bei optimistischen Annahmen davon aus, dass mit lediglich einer Fortsetzung der bisher ergriffenen Maßnahmen die Kapazitäten des Gesundheitssystems womöglich drastisch überschritten und eine Ansteckungsrate von 1 bis 1,2 nicht erreicht würden: „Eine Steuerung der Ausbreitungsgeschwindigkeit in diesen engen Bereich scheint praktisch nicht vorstellbar.“

          Kliniken wären extrem überfordert

          Die Kliniken wären bald am Limit. Deshalb favorisiert man offenkundig den Versuch, die Ansteckungsquote mit drastischeren Kontrollmaßnahmen weiter zu drücken, als strebte man eine Eindämmung der Seuche an. Die entscheidende zusätzliche Maßnahme sei, „in der gesamten Bevölkerung eine Einschränkung auf das Notwendigste zu erreichen“.

          Wie schnell zusätzliche Maßnahmen ergriffen werden müssten

          Anzahl der Intensivpatienten, falls die Ansteckungsquote (R0) derzeit bei 2 liegt

          Zeit in Tagen, bis Regeln zur Eindämmung (Ansteckungsquote unter 1) gelten

          7

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          Grafik: joth.

          Quelle: Deutsche Gesellschaft für Epidemiologie

          Wie schnell zusätzliche Maßnahmen ergriffen werden müssten

          Anzahl der Intensivpatienten, falls die Ansteckungsquote (R0) derzeit bei 2 liegt

          Zeit in Tagen, bis Regeln zur Eindämmung (Ansteckungsquote unter 1) gelten

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          Grafik: joth. / Quelle: Deutsche Gesellschaft für Epidemiologie

          Der Begriff Ausgangsbeschränkung oder -sperre fällt in dem Epidemiologen-Papier zwar nicht, und doch ist die Botschaft deutlich: Die soziale Isolation müsse maximal sein – und dann noch ergänzt werden: „Sollte es so gelingen, hierdurch die Infektionsausbreitung in Deutschland einzudämmen, bis es keine neuen Fälle gibt, müsste weiterhin einem erneuten Einschleppen der Infektion vorgebeugt werden, beziehungsweise auftretende Einzelfälle müssten durch eine breit angelegte Teststrategie schnell identifiziert und isoliert werden.“ Es ginge also zuerst darum, das Virus an den in Deutschland sehr unterschiedlich konzentrierten Seuchenherden  unter Kontrolle zu bekommen.

          Die Zeit drängt

          Entscheidend ist dabei nach dem epidemiologischen Modell der Zeitpunkt: Die Maßnahmen müssten sofort erfolgen. Gerechnet wurde das Modell ab dem 15. März mit zunächst zwei verschiedenen Annahmen: dass die bisherigen Maßnahmen die Ansteckungsquote bereits auf 2 oder sogar auf 1,5 gesenkt hätten. Selbst in dem optimistischeren Szenario wäre nicht mehr viel Zeit. „Diese Szenarien zeigen, dass zusätzliche Maßnahmen innerhalb der nächsten zwei Wochen eingeführt werden müssten, um die Kapazitäten der Intensivstationen nicht zu überschreiten. Auch ist damit zu rechnen, dass diese Einschnitte über die nächsten Monate aufrechterhalten werden müssen, um zu einer vollständigen Eindämmung der Infektionsausbreitung zu führen.“

          Was die ordnungspolitische Natur der verordneten Restriktionen angeht, halten sich die Wissenschaftler allerdings zurück: Es sei wichtig, die Bevölkerung zu überzeugen, freiwillig und konsequent zur Einschränkung der Übertragung beizutragen. Weil aber die Einschränkung der Bürgerrechte und damit die Bewegungsfreiheit der Menschen zu „erheblichen Belastungen für die Menschen und Unternehmen“ führen würde, müsse dringend öffentlich darüber diskutiert werden.

          *Update 22.März 2020:

          Die Deutsche Gesellschaft für Epidemiologie hat am Wochenende eine aktualisierte Version ihrer Stellungnahme nachgereicht, die nach Erkenntnislage zudem weiter nachgebessert werden soll. In der neuen Version ihrer Modellrechnungen haben die Epidemiologen den Anteil der  intensivpflichtigen Patienten sowie die Liegedauer der Intensivpatienten stärker variiert.  Weiterhin liegen dem Modell zahlreiche Annahmen zum Virus und der Infektiösität zugrunde. Der größte Unterschied ergibt sich aus der unterschiedlichen Zahl der Intensivpatienten: In der ursprünglichen Berechnung ist man aufgrund der chinesischen Erfahrungen davon ausgegangen, dass etwa sechs Prozent der Infizierten auf der Intensivstation behandelt werden. In der neuen Version stellt man in Rechnung, dass es (bisherige Erfahrungen im Land sowie aufgrund der höheren Testdichte in Deutschland, sprich:  Früherkennung) auch möglicherweise nur vier oder zwei Prozent der Infizierten intensivpflichtig werden. 

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