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Forscher für härtere Maßnahmen : Kurve abflachen? Das reicht nicht mehr

Dabei geht das Modell von den derzeit vorhandenen, überwiegend aber unabhängig von der Corona-Pandemie besetzten etwa 30.000 Intensivbetten und einer Liegedauer der Corona-Patienten von durchschnittlich zwanzig Tagen aus (Anmerkung: Bei einer Annahme von 6 Prozent intensivpflichtiger Patienten unter allen Infizierten). Auch diese Annahmen sind freilich vorläufig, weil etwa an einigen Orten bereits ein Ausbau der Bettenkapazitäten organisiert wird. Die Epidemiologen gehen auch bei optimistischen Annahmen davon aus, dass mit lediglich einer Fortsetzung der bisher ergriffenen Maßnahmen die Kapazitäten des Gesundheitssystems womöglich drastisch überschritten und eine Ansteckungsrate von 1 bis 1,2 nicht erreicht würden: „Eine Steuerung der Ausbreitungsgeschwindigkeit in diesen engen Bereich scheint praktisch nicht vorstellbar.“

Kliniken wären extrem überfordert

Die Kliniken wären bald am Limit. Deshalb favorisiert man offenkundig den Versuch, die Ansteckungsquote mit drastischeren Kontrollmaßnahmen weiter zu drücken, als strebte man eine Eindämmung der Seuche an. Die entscheidende zusätzliche Maßnahme sei, „in der gesamten Bevölkerung eine Einschränkung auf das Notwendigste zu erreichen“.

Wie schnell zusätzliche Maßnahmen ergriffen werden müssten

Anzahl der Intensivpatienten, falls die Ansteckungsquote (R0) derzeit bei 2 liegt

Zeit in Tagen, bis Regeln zur Eindämmung (Ansteckungsquote unter 1) gelten

7

14

21

28

35

120.000

80.000

40.000

0

0

100

200

300

Tage

Grafik: joth.

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Epidemiologie

Wie schnell zusätzliche Maßnahmen ergriffen werden müssten

Anzahl der Intensivpatienten, falls die Ansteckungsquote (R0) derzeit bei 2 liegt

Zeit in Tagen, bis Regeln zur Eindämmung (Ansteckungsquote unter 1) gelten

14

28

7

21

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120.000

80.000

40.000

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100

200

300

Tage

Grafik: joth. / Quelle: Deutsche Gesellschaft für Epidemiologie

Der Begriff Ausgangsbeschränkung oder -sperre fällt in dem Epidemiologen-Papier zwar nicht, und doch ist die Botschaft deutlich: Die soziale Isolation müsse maximal sein – und dann noch ergänzt werden: „Sollte es so gelingen, hierdurch die Infektionsausbreitung in Deutschland einzudämmen, bis es keine neuen Fälle gibt, müsste weiterhin einem erneuten Einschleppen der Infektion vorgebeugt werden, beziehungsweise auftretende Einzelfälle müssten durch eine breit angelegte Teststrategie schnell identifiziert und isoliert werden.“ Es ginge also zuerst darum, das Virus an den in Deutschland sehr unterschiedlich konzentrierten Seuchenherden  unter Kontrolle zu bekommen.

Die Zeit drängt

Entscheidend ist dabei nach dem epidemiologischen Modell der Zeitpunkt: Die Maßnahmen müssten sofort erfolgen. Gerechnet wurde das Modell ab dem 15. März mit zunächst zwei verschiedenen Annahmen: dass die bisherigen Maßnahmen die Ansteckungsquote bereits auf 2 oder sogar auf 1,5 gesenkt hätten. Selbst in dem optimistischeren Szenario wäre nicht mehr viel Zeit. „Diese Szenarien zeigen, dass zusätzliche Maßnahmen innerhalb der nächsten zwei Wochen eingeführt werden müssten, um die Kapazitäten der Intensivstationen nicht zu überschreiten. Auch ist damit zu rechnen, dass diese Einschnitte über die nächsten Monate aufrechterhalten werden müssen, um zu einer vollständigen Eindämmung der Infektionsausbreitung zu führen.“

Was die ordnungspolitische Natur der verordneten Restriktionen angeht, halten sich die Wissenschaftler allerdings zurück: Es sei wichtig, die Bevölkerung zu überzeugen, freiwillig und konsequent zur Einschränkung der Übertragung beizutragen. Weil aber die Einschränkung der Bürgerrechte und damit die Bewegungsfreiheit der Menschen zu „erheblichen Belastungen für die Menschen und Unternehmen“ führen würde, müsse dringend öffentlich darüber diskutiert werden.

*Update 22.März 2020:

Die Deutsche Gesellschaft für Epidemiologie hat am Wochenende eine aktualisierte Version ihrer Stellungnahme nachgereicht, die nach Erkenntnislage zudem weiter nachgebessert werden soll. In der neuen Version ihrer Modellrechnungen haben die Epidemiologen den Anteil der  intensivpflichtigen Patienten sowie die Liegedauer der Intensivpatienten stärker variiert.  Weiterhin liegen dem Modell zahlreiche Annahmen zum Virus und der Infektiösität zugrunde. Der größte Unterschied ergibt sich aus der unterschiedlichen Zahl der Intensivpatienten: In der ursprünglichen Berechnung ist man aufgrund der chinesischen Erfahrungen davon ausgegangen, dass etwa sechs Prozent der Infizierten auf der Intensivstation behandelt werden. In der neuen Version stellt man in Rechnung, dass es (bisherige Erfahrungen im Land sowie aufgrund der höheren Testdichte in Deutschland, sprich:  Früherkennung) auch möglicherweise nur vier oder zwei Prozent der Infizierten intensivpflichtig werden. 

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