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Schwere Anschuldigungen : Ärzte werfen Politikern Versagen vor

  • Aktualisiert am

Ärztevertreter machen der Bundesregierung schwere Vorwürfe, beim Management der Pandemie versagt zu haben. Bild: EPA

Die Vorsitzenden des Weltärztebundes und des Marburger Bundes gehen hart mit den verantwortlichen Parteien ins Gericht. Das Land hätte viel besser vorbereitet in die vierte Welle gehen können, sagen die Mediziner. Nun drohe ein bitterer, tödlicher Winter.

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          Angesichts der außer Kontrolle geratenen Corona-Pandemie haben Ärztefunktionäre verantwortlichen Politikern schwere Vorwürfe gemacht und eine Mitschuld gegeben. Sie hätten „in Worten und Handeln an vielen Stellen versagt“, sagte der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, der Düsseldorfer Zeitung Rheinische Post.

          Ähnlich wie die Vorsitzende der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, Susanne Johna, in derselben Zeitung sagte Montgomery:  „Zu spät, zu halbherzig, zu unterschiedlich waren die Maßnahmen gegen das tödliche Virus. Zur Kakophonie der Ministerpräsidenten gesellte sich das parteipolitische Freiheitsgesäusel, das einen völlig falschen Freiheitsbegriff versprach.“ Er fügte hinzu: „Wer apodiktisch sagt ,Keine Impfpflicht und nie wieder Lockdown', der hat die Epidemiologie des Virus nicht verstanden und spielt ihm in die Hände.“

          „An Warnungen hat es nicht gefehlt“

          Marburger-Bund-Chefin Johna sagte: „Wir hätten viel besser vorbereitet sein können. Es hat ja an Warnungen aus der Wissenschaft nicht gefehlt.“ Bereits Mitte Juli habe eine Wissenschaftlergruppe der Technischen Universität Berlin ein exponentielles Wachstum der Infektionen im Herbst vorhergesagt, dies sei aber weitgehend ignoriert worden. „Alle, die in dieser Zeit und im Spätsommer vor einer Verschärfung der Lage gewarnt haben, wurden nicht ernst genommen, Warnungen wurden als Panikmache abgetan. Dringliche Hinweise wurden inmitten des Wahlkampfs überhört, weil sie offensichtlich politisch unerwünscht waren. Stattdessen gab es Diskussionen darüber, ob nicht bald ein „Freedom Day“ ausgerufen werden könne“, kritisierte Johna.

          Auf Freiheitsrechte gepocht hatte besonders die FDP, es waren aber auch einige Unions- und selbst Grünen-Politiker – sowie etwa Kassenärzte-Chef Andreas Gassen.

          Ärzte fordern mehr Druck auf Ungeimpfte

          Mit Blick auf die bevorstehende Ministerpräsidentenkonferenz sagte sie: „Das Treffen am Donnerstag kommt spät, aber immerhin gibt es jetzt die Chance, einheitliche Maßnahmen zu ergreifen, die dem aktuellen Geschehen gerecht werden.“ Es sei „falsch, möglicherweise notwendige Instrumente von vornherein auszuschließen“.

          Montgomery forderte, den Druck auf Ungeimpfte deutlich zu erhöhen. „Eine Impfpflicht überall dort, wo Menschen eine Garantenstellung gegenüber Schutzbefohlenen haben, also im Altenheim, im Krankenhaus oder in der Schule. Wer das nicht will, kann dort nicht arbeiten.“

          „Bei Booster-Impfung Zeit verloren“

          Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, weist auf schwere Versäumnisse bei Auffrischungsimpfungen hin. „Wir haben bei den Boosterimpfungen zwei bis drei Monate Zeit verloren“, sagt Reinhardt der Zeitung Die Welt. „Es war abzusehen, dass die Boosterimpfungen für die Hausärzte neben der Influenza-Impfung und der Versorgung der saisonalen Infekte eine große logistische Herausforderung darstellen würden.“ Die niedrigschwelligen Impfzentren hätten von Anfang an in Teilen bestehen bleiben müssen. „So zu tun, als wäre es ein Klacks, alle Boosterimpfungen ausschließlich in den Arztpraxen durchzuführen, ist definitiv falsch.“

          Auch nach Ansicht des geschäftsführenden Kanzleramtschefs Helge Braun (CDU) ist Deutschland noch nicht ausreichend auf notwendige Booster-Impfungen vorbereitet. »Wir müssen bis Weihnachten erreichen, dass über 20 Millionen Auffrischimpfungen erfolgen können. Dafür sind wir noch nicht gerüstet«, sagte er im ZDF.

          Eine Impfpflicht für alle hält Braun nicht für den richtigen Weg. Auch eine Impfpflicht für bestimmte Berufe werde die große Corona-Welle nicht verändern. Wer sich aber nicht impfen lasse, müsse wie im vergangenen Winter damit rechnen, dass es Beschränkungen gebe, damit das Gesundheitssystem nicht überlastet werde.

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