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Warnungen verhallt : „Es geht hier gerade um die Wurst“

  • Aktualisiert am

Michael Meyer-Hermann, Leiter der Abteilung System-Immunologie, steht vor dem Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. Bild: Julian Stratenschulte/dpa

Er hatte die große Corona-Runde im Kanzleramt beraten – und ist enttäuscht über die Beschlüsse. Die Menschen müssten nun freiwillig mehr tun, sagt Infektionsforscher Michael Meyer-Hermann. Sonst stünden die großen Probleme erst noch bevor.

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          Der Leiter der Abteilung System-Immunologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig hat sich enttäuscht über die Ergebnisse der Bund-Länder-Runde im Kampf gegen das Coronavirus geäußert. „Wir haben Zeichen, dass das Virus sich gerade unkontrolliert ausbreitet“, sagte Professor Michael Meyer-Hermann am Donnerstagabend im ZDF-„heute-journal. Er habe deshalb am Mittwoch bei der Ministerpräsidentenkonferenz im Kanzleramt eine „große Warnung“ ausgesprochen.

          „Die Maßnahmen, die erfolgt sind, sind nicht die, die ich mir erhofft hatte“, sagte Meyer-Hermann. Er habe an die Runde appelliert, es gehe nicht um kleine Verbesserungen bei den Maßnahmen. „Wir brauchen ein wirkliches Umdenken, was großflächig alle jetzt dazu bringt, die Situation ernst zu nehmen.“ Das sei jedoch „in der Form nicht so richtig passiert“.

          Die Nachverfolgung der Infektionen könne vielerorts nicht mehr gewährleistet werden. „Es ist hier ernst, und es geht hier gerade um die Wurst, und wir haben jetzt die Chance, noch gegenzusteuern.“ Die beschlossenen Maßnahmen seien jedoch „nicht die, die ich mir erhofft hatte“.

          Die Bevölkerung müsse nun mehr tun, als jetzt von der Politik vorgegeben werde – etwa Feste viel stärker einschränken, auf Reisen verzichten und konsequent Maske tragen.

          Masken „eine kleine Mühe“

          Der Professor zeigte kein Verständnis für Maskenmuffel. „Das ist doch eine kleine Mühe.“ Die Alternative sei ein Lockdown, den viele kleine Unternehmen nicht überleben würden.

          Wenn man die Schwelle zur unkontrollierten Ausbreitung erst einmal überschritten habe, sei es ganz schwer, wieder zurückzukommen, so Meyer-Hermann. „Wir landen dann ganz schnell in der Situation, die wir im Ausland sehen. Eine große Auslastung des Gesundheitssystems und auch erhöhte Todeszahlen.“

          Nicht für Reiseverbot

          Viel besser wäre es, wenn die Menschen einfach immer eine Maske aufsetzten, wenn sie aus dem Haus gingen, sagte Meyer-Hermann ebenfalls am Donnerstagabend in den ARD-„Tagesthemen“. Von einem Reiseverbot für Menschen aus sogenannten Hotspots würde der Infektionsforscher indes absehen. „Ich glaube, das ist ein Menschenrechtseingriff, der sehr radikal ist“, sagte Meyer-Hermann. Ein solcher Schritt müsse sehr gut überlegt sein. Er setze stattdessen auf Einsicht bei der Bevölkerung.

          Auch Merkel hatte sich mehr gewünscht

          Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten hatten sich am Mittwochabend auf einheitliche Regeln für Städte und Regionen mit hohen Infektionszahlen geeinigt. Dazu gehören eine Ausweitung der Maskenpflicht, eine Begrenzung der Gästezahl bei privaten Feiern, Kontaktbeschränkungen im öffentlichen Raum und eine Sperrstunde für die Gastronomie. Merkel hatte sich angesichts der massiv steigenden Corona-Zahlen allerdings strengere Maßnahmen gewünscht.

          Zu Beginn des Treffens hatte Meyer-Hermann anderthalb Stunden mit der Runde diskutiert. Er warnte Bund und Länder dringend vor einem Kontrollverlust bei den Infektionen. „Es ist nicht fünf vor zwölf, sondern zwölf, um das Schiff noch zu drehen“, sagte er im Kanzleramt. Deutschland stehe an der Schwelle zu einem exponentiellen Wachstum.

          In der ZDF-Sendung „Markus Lanz“ mahnte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) am Donnerstagabend, Deutschland sei „mitten in der zweiten Welle“. Wenn Kanzlerin Merkel sage, es brauche harte Ansagen, um das „Unheil“ abzuwenden, spreche sie die richtige Sprache. Es gehe nun um die Frage: „Wie schützen wir die Vernünftigen vor den wenigen Unvernünftigen.“

          Söder bedauerte, die Ergebnisse des Bund-Länder-Treffens seien noch nicht weitreichend genug. Angesichts der stark steigenden Infektionszahlen sei man einem erneuten Lockdown näher als viele dächten.

          Laut einer Umfrage im Auftrag des ARD-„Morgenmagazins“ stoßen die unterschiedlichen Maßnahmen und Regelungen in den Bundesländern bei den Bürgern auf wenig Akzeptanz: Gut zwei Drittel (68 Prozent) befürworten eher einheitliche Regelungen für Deutschland.

          Nach einer Forsa-Umfrage für RTL hat eine große Mehrheit der Bürger (74 Prozent) nicht den Eindruck, dass Bundesregierung und Bundesländer bei der Eindämmung der Corona-Pandemie gut zusammenarbeiten.

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