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Corona in Namibia : „Wir sind mitten in der Katastrophe“

In Namibias Hauptstadt Windhuk sind am Donnerstag 70 Tonnen medizinische Hilfsgüter aus Deutschland eingetroffen. Bild: dpa

Es fehlt an fast allem: medizinischem Sauerstoff, Schutzkleidung, Masken und Impfstoffen. In Namibia verschärft sich die Corona-Lage dramatisch – auch Deutschland hilft.

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          Es ist noch nicht lange her, da war Namibia ein beliebtes Rückzugsgebiet für coronamüde Südafrikaner. Das Nachbarland mit der wunderbaren Landschaft gehört zu den am dünnsten besiedelten Staaten der Welt: drei Menschen leben dort je Quadratkilometer. Viel Platz also, um dem Virus zu entgehen.

          Claudia Bröll
          Freie Afrika-Korrespondentin mit Sitz in Kapstadt.

          Nun jedoch hat sich die Lage dort dramatisch verschärft. Krankenhäuser sind überfüllt, obwohl ein staatliches Krankenhaus in der Hauptstadt Windhuk schon in ein Covid-Lazarett umgewandelt wurde. Neun ranghohe Politiker und Staatsbedienstete starben allein in den vergangenen zehn Tagen an den Folgen einer Infektion. Auch Zedekia Ngavirue, Chefunterhändler in den Verhandlungen über ein Versöhnungsabkommen mit Deutschland, verlor den Kampf gegen das Virus.

          Es fehlt an fast allem: medizinischem Sauerstoff, Schutzkleidung, Masken, Impfstoffen. Unlängst entschied Staatspräsident Hage Geingob, der selbst infiziert war, die wenigen Impfdosen nur noch für Erst-, nicht mehr für Zweitimpfungen zu verwenden. In Windhuk gibt es laut Berichten an einem Ort den chinesischen Sinopharm-Impfstoff für die zweite Spritze. Ende vergangener Woche bildeten sich schon um sieben Uhr morgens davor lange Warteschlangen. „Die Lage ist katastrophal“, sagt Mareli Claassens von der Universität von Namibia. „Wir brauchen dringend internationale Unterstützung.“

          Sieben-Tage-Inzidenz von 400

          Zuletzt wurden mehr als 1400 Neuinfektionen am Tag gezählt, doppelt so viele wie Mitte Juni. Auf die 2,5 Millionen Einwohner gerechnet ergibt sich eine Sieben-Tage-Inzidenz von 400. Das ist einer der höchsten Werte der Welt. Auch die Zahl der Toten steigt. Die Bestattungsinstitute in Windhuk sind überfordert.

          Eine dritte Infektionswelle fegt über große Teile des afrikanischen Kontinents hinweg. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) meldet, die Infektionszahlen hätten den Höhepunkt der zweiten Welle überschritten. Lange schien Afrika von der Pandemie relativ verschont zu bleiben. Jetzt ist der Kontinent ein Hotspot. Einer der Gründe ist die Delta-Variante, die laut WHO mittlerweile in zehn afrikanischen Ländern auftauchte. Forscher an der Universität Namibia entdeckten in 17 von 18 Proben die Variante, die sich besonders schnell verbreitet.

          Besonders schmerzlich macht sich bemerkbar, dass die Impfkampagnen in Afrika nur langsam vorankommen. Ende Juni waren erst rund 22.000 Namibier vollständig geimpft, das Ziel sind 1,5 Millionen. Bisher hat der Staat knapp 200.000 Impfstoffdosen – AstraZeneca und Sinopharm – erhalten. Doch die Vorräte sind fast aufgebraucht. Das Land mit einer extrem ungleichen Einkommensverteilung wird als Mitteleinkommensland eingestuft, daher muss es für Impfstoffe bezahlen, die über die COVAX-Initiative der WHO für ärmere Länder verteilt werden.

          Experiment mit „Wunderheilmitteln“

          Zugleich herrscht große Impfskepsis. In einer Umfrage des Instituts Afrobarometer gaben Anfang Juni fast zwei Drittel der Befragten an, Gebete für wirksamer als Impfstoffe zu halten. Noch mehr sagten, sie trauten der Regierung nicht, für sichere Impfstoffe zu sorgen. Zugleich machen sich neun von zehn Befragten Sorgen, Opfer der Pandemie zu werden. Viele experimentieren mit „Wunderheilmitteln“ und nicht zugelassenen Medikamenten. Ärzte berichten bereits über eine Zunahme von Patienten mit Leberschäden und ähnlichen Erkrankungen.

          In der Not hat jetzt die Privatwirtschaft die Initiative ergriffen. Mark Dawe, der die Tochtergesellschaft des Minenkonzerns B2Gold in Namibia führt, ist seit Wochen dauernd im Corona-Einsatz. Mit den Chefs von rund 30 weiteren Firmen kümmert er sich darum, flüssigen Sauerstoff aus Südafrika für Namibias Krankenhäuser zu beschaffen. Der gesamte Sauerstoff, den die Initiative organisiert, wird den staatlichen Kliniken gespendet.

          Fehlender Sauerstoff sei das größte Problem im Kampf gegen die dritte Welle, sagt Dawe. Ihn zu bekommen, sei extrem schwierig, denn auch in Südafrika schießen die Infektionszahlen in die Höhe. Medizinischer Sauerstoff ist ohnehin rar, weil es nicht genug Flüssigsauerstofftanks und Abfüllkapazitäten gibt. Außerdem sei die Logistik in Namibia eine Herausforderung. Ursprünglich wollte man bis Ende September jeden Monat 160 Tonnen Sauerstoff liefern. „Es ist jetzt schon klar, dass wir viel mehr benötigen, und das vermutlich für eine längere Zeit.“

          „Die Zeit drängt“

          Zu Hilfen hat sich auch die deutsche Regierung entschlossen. Am Donnerstag landete eine Antonow An-225 aus Leipzig in Windhuk, brachte Schutzkleidung, Antigentests und Intensivbetten. Das Flugzeug wird von der Bundeswehr für den Transport von Hilfsgütern in alle Welt genutzt, erstmals kam es jetzt nach Namibia. Außerdem entschied die Bundesregierung, bis Ende 2021 Impfstoffdosen an ärmere Länder zu spenden. Ein Teil davon soll auch nach Namibia gehen.

          „Die Zeit drängt“, sagt Dawe. Während des Gesprächs klingelt in seinem Homeoffice immer wieder das Handy, weil die Sauerstofflieferungen koordiniert werden müssen. Dem Minenchef, kein Mann vieler Worte, sind die Strapazen anzusehen. „Wir steuern hier nicht auf eine Katastrophe zu, wir sind mittendrin.“

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