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Hilfsangebote für Familien : Mit den Nudeln kommen die Bildungschancen

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Mutter und Tochter öffnen dem hochgewachsenen Mann die Wohnungstür. „Uns geht es nicht so gut“, bricht es aus der Mutter hervor. Sie erzählt von ihrer verzweifelten Suche nach günstigen Lebensmitteln. „Du kommst in Geschäfte, und da kosten die Nudeln plötzlich 85 Cent statt 45 Cent. Das läppert sich.“ In vier Geschäften sei sie gewesen, im Schlepptau immer ihre jüngste Tochter, drei Jahre alt. Dazu noch der Stress mit den Hausaufgaben, sechzig Seiten müsse die große Tochter bearbeiten. „Ich bin keine Lehrerin“, sagt die Mutter. Florian guckt die Tochter an: „Mit wem möchtest du denn gerne Hausaufgaben machen?“ – „Mit dir.“

Die Umarmung muss warten

Die Bildungschancen vieler der „Arche“-Kinder werden in den nächsten Wochen weiter sinken. Sie haben ungleich schlechtere Lernbedingungen als viele Altersgenossen. In beengten Wohnverhältnissen ohne eigenen Schreibtisch ist an konzentriertes Lernen kaum zu denken. Viele Eltern möchten helfen, können aber nicht, weil ihnen die Grundlagen oder Sprachkenntnisse fehlen.

Einer, der es trotzdem schaffen will, ist Angelo, 11. Der Junge hat sechs Geschwister. Gerade erst hat er die Empfehlung für das Gymnasium bekommen. Florian Egert stellt eine Tüte mit Nahrungsmitteln und einen kleinen Karton mit Babynahrung vor der Haustür der Familie ab. Angelos kleine Schwester Amalia, die in die erste Klasse geht, flitzt in kurzen Hosen und T-Shirt durch die Tür. „Halt!“, ruft der Sportpädagoge. Der Ruf bringt das Mädchen abrupt zum Stehen. „Ich kann dich heute nicht umarmen. Aber bald wieder, ja?“, sagt Florian. Amalia verhaspelt sich, nennt Florian „Papa“, kichert.

Die Nähe, die die „Arche“ den Kindern sonst gibt, sie fehlt allen. „Die Kinder können nicht verstehen, warum sie uns jetzt nicht mehr um den Hals fallen können.“ Florian ist für viele Kinder ein Familienersatz: Vater, Onkel, großer Bruder. „Als ich damals in der ,Arche‘ angefangen habe, war die erste Frage: ,Wie heißt du?‘ und die zweite: ,Wie lange bleibst du?‘“ Und so gab es in den letzten Tagen Tränen an den Haustüren.

Professionelle Nähe statt Distanz

Am Nachmittag können die Kinder den Mitarbeitern der Arche zumindest wieder virtuell nahe sein. Um 15 Uhr beginnt der tägliche Livestream. Auch ein paar Eltern sitzen mit vor den Bildschirmen. Familienzeit. Bislang sei kein Konflikt eskaliert, sagt Bernd Siggelkow. „Die Familien, die sonst gefährdet sind, scheint die Not zusammenzuschweißen.“ Doch es liegen noch viele Wochen vor ihnen. Und so versucht der Pastor, die Familien im Livestream bei Laune zu halten. Er begrüßt jedes Kind euphorisch, erzählt Witze, stellt Knobelaufgaben. Die Verbindung zu den Kindern zu kappen fällt ihm sichtlich schwer. Ermattet setzt er sich auf eine Bank. „Wir reden bei uns von professioneller Nähe, nicht Distanz“, sagt Siggelkow, „dafür wurden wir jahrelang kritisiert, weil das nicht in die Sozialpädagogik passt.“

Jetzt könnte es der große Vorteil der „Arche“ sein. So wie heute Morgen, als die überforderte Mutter um Hilfe bat. Ein Gespräch, zahllose Nachrichten und eine Stunde Hausaufgabenhilfe später haben sich die Wogen geglättet. Gerade schrieb die Mutter: „Ihr müsst euch doch schon um so viele Kinder kümmern. Und jetzt auch noch um meines.“ Bernd Siggelkow antwortete: „Jedes Kind ist das wichtigste.“

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