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Hilfsangebote für Familien : Mit den Nudeln kommen die Bildungschancen

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Für ihre Familien sind die Mitarbeiter der „Arche“ permanent erreichbar. „24 Stunden am Tag“, sagt Sina Wollmann, 36. Die Sozialpädagogin leitet den Kleinkinderbereich in der „Arche“. Hier werden täglich vierzig Kinder zwischen zwei und sechs Jahren betreut. Die plötzliche Stille in den Räumen sei nur schwer auszuhalten. Und die Ungewissheit, ob es allen Kindern gutgehe. Auch in der Hellersdorfer „Arche“ gibt es Familien, die unter Aufsicht des Jugendamts stehen, weil es sexuellen Missbrauch oder Gewalt im Familienumfeld gab.

Hausbesuche bleiben weiterhin notwenig

„Gerade bei solchen Familien rufe ich täglich an, mache auch Videotelefonate, damit ich sehe, dass es den Kindern gutgeht“, sagt Wollmann. Zweimal die Woche bringt sie den Familien gespendete Lebensmittel oder Spielsachen vorbei, manchmal auch nur ein paar Schuhe, wenn das einzige Paar der Kinder plötzlich verschwunden ist. Doch sie muss Abstand halten, kann die Wohnungen nicht betreten. So wenig direkten Kontakt wie nötig soll sie haben, aber so viel wie möglich.

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, äußert sich in einem Schreiben besorgt über die Folgen der Kontaktsperre. „Eine mögliche Gefährdungslage oder Zuspitzung einer familiären Krisensituation wird noch schwerer bemerkt werden, ein Kind in Not noch leichter aus dem Blick geraten.“ In der vom Coronavirus stark betroffenen Stadt Wuhan habe die Gewalt in der Familie während der Quarantäne deutlich zugenommen. Aus Italien und Spanien kennt man ähnliche Entwicklungen.

Die Berliner Senatsverwaltung will so ein Szenario in Deutschland unbedingt verhindern. „In Berlin sind alle Jugendämter mit Krisendiensten unterwegs und erreichbar“, sagt Kerstin Stappenbeck, Abteilungsleiterin bei der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie. „Wir schließen zwar die Anlaufstellen, aber nicht deren Angebote für Krisenfälle, und auch die Hilfen laufen weiter.“ Familienhelfer würden mit den Familien in Kontakt bleiben, telefonisch oder über digitale Medien. „Und in Kinderschutzfällen bleiben Hausbesuche – ganz klar – notwendig.“ Das bedeutet aber auch: Die Mitarbeiter des Jugendamts kommen nur noch im Notfall in die Familien.

„Uns geht es nicht so gut“

Bernd Siggelkow trägt sein Handy immer bei sich. Es könnte ja ein Hilferuf kommen. So wie jetzt. „Entschuldigung“, sagt er und lässt seine Finger über das Display fliegen, „aber hier eskaliert es gerade.“ Eine Mutter schreibt, es gibt Streit mit der Tochter. Die Zwölfjährige kommt mit den Hausaufgaben nicht zurecht. Die psychischen Probleme der alleinerziehenden Mutter und die finanzielle Notlage verschärfen den Konflikt. Ein Mitarbeiter soll bei der Familie vorbeifahren, Lebensmittel liefern, Hilfe anbieten.

Arche-Gründer Bernd Siggelkow
Arche-Gründer Bernd Siggelkow : Bild: Sascha Montag/Zeitenspiegel

Eine Stunde später parkt Florian Egert, 44, einen weißen Kleinbus der „Arche“ vor einem grauen Plattenbau im Berliner Stadtteil Marzahn, wo die Familie lebt. Der Sportpädagoge leitet den Kinderbereich, in dem Kinder von sechs bis zwölf Jahren betreut werden. Er greift sich zwei weiße Tüten von der Ladefläche, in der einen sind frisches Obst und Gemüse, in der anderen haltbare Lebensmittel. Kartoffelpüree, Nudeln, Dosensuppen, Marmelade. Egert schleppt die Tüten in den zweiten Stock hoch. Er kennt den Weg.

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