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Pandemie in Deutschland : Merkel drängt auf baldige Bund-Länder-Runde

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Angela Merkel am 10. November 2021 in Berlin Bild: AP

„Je schneller, desto besser“: Angesichts rasant steigender Corona-Infektionen fordert die geschäftsführende Bundeskanzlerin rasches Handeln. Derweil weitet Berlin die 2-G-Regel deutlich aus.

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          Die geschäftsführende Kanzlerin Angela Merkel (CDU) dringt auf rasches Handeln im Kampf gegen die dramatisch steigenden Corona-Infektionszahlen. Das Virus frage nicht nach politischen Einstellungen oder nach Übergangsregierungen, sagte Merkel am Mittwoch nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur aus Teilnehmerkreisen in der Sitzung der Unionsfraktion in Berlin. „Wir müssen handeln“, ergänzte sie. Die Kanzlerin forderte abermals eine Zusammenkunft von Bund und Ländern im Kampf gegen Corona.

          Eine solche Ministerpräsidentenkonferenz werde auch stattfinden, gab sich Merkel demnach optimistisch. Sie wurde mit den Worten zitiert: „Je schneller, desto besser.“ Die Terminkoordinierung laufe gerade. Es müsse Solidarität zwischen den Ländern geben, wenn es darum gehe, Intensivpatienten in andere Bundesländer zu transportieren, forderte die Kanzlerin nach diesen Informationen.

          Merkel bemängelte demnach, das Tempo der Auffrischungsimpfungen reiche nicht aus. Bislang hätten 3 Millionen Menschen eine solche Booster-Impfung bekommen, gemäß der Altersempfehlung sollten 24 bis 25 Millionen eine solche Auffrischung erhalten. „Da müssen wir schneller werden“, wurde die Kanzlerin zitiert. Es müsse darüber gesprochen werden, wie das Tempo erhöht werden könne. Merkel warnte, es wäre schlimm, wenn es in der vierten Welle zu einer Überlastung des Gesundheitssystems kommen würde.

          Berlin beschließt Ausweitung der 2-G-Regel

          Der Berliner Senat hat am Mittwoch derweil weitere Einschränkungen für Menschen ohne Corona-Impfschutz beschlossen. Die sogenannte 2-G-Regel soll nach einer Entscheidung vom Mittwoch deutlich ausgeweitet werden. Angesichts erheblich gestiegener Infektionszahlen sollen von kommenden Montag an nur noch Geimpfte und Genesene (2G) Zutritt beispielsweise zu Restaurants, Kinos, Museen, Thermen oder Spielhallen haben, nicht auch Getestete.

          Auch im Rest der Bundesrepublik verschärft sich die Corona-Lage. Bayern ruft angesichts der zunehmenden Belegung der Intensivbetten mit Covid-Patienten den Katastrophenfall aus. Dies ermögliche eine koordinierte und strukturierte Vorgehensweise aller im Katastrophenschutz mitwirkenden Behörden, Dienststellen und Organisationen, teilt die Staatskanzlei mit. In vielen Krankenhäusern seien bereits jetzt keine oder nur noch sehr wenige Kapazitäten verfügbar, das erhöhe den Koordinierungsbedarf bei der Belegung der Intensivbetten und der Verlegung von Patienten aus überlasteten Kliniken.

          Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt Covid-19-Impfungen von unter 30-Jährigen nur noch mit dem Impfstoff Comirnaty der Partner BioNTech und Pfizer. Aktuelle Daten zeigten, dass Herzmuskel- und Herzbeutelentzündungen bei jungen Menschen unter 30 Jahren nach der Impfung mit dem Impfstoff Spikevax von Moderna häufiger beobachtet wurden als nach der Impfung mit Comirnaty, begründete die beim Robert Koch-Institut angesiedelte Stiko am Mittwoch ihre aktualisierte Empfehlung.

          Für über 30-Jährige bestehe nach der Impfung mit Spikevax hingegen kein erhöhtes Risiko für eine Herzmuskel- und Herzbeutelentzündung. Schwangeren solle unabhängig vom Alter bei einer Impfung Comirnaty angeboten werden.

          So viele Neuinfektionen wie nie

          Die Gesundheitsämter in Deutschland meldeten dem Robert Koch-Institut derweil so viele Corona-Neuinfektionen wie nie seit Beginn der Pandemie. Sie übermittelten 39.676 neue Fälle binnen eines Tages, wie aus Zahlen des RKI von diesem Mittwochmorgen hervorgeht. Der bisherige Höchststand war am Freitag mit 37.120 gemeldet worden (Vorwochenwert: 20.398).

          Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt laut RKI bundesweit bei 232,1. Sie hat damit den dritten Tag in Folge einen Höchstwert erreicht. Bereits am vergangenen Montag (201,1) und Dienstag (213,7) hatte es Rekorde bei den tagesaktuell vom RKI berichteten Inzidenzen gegeben. Vor einer Woche hatte der Wert bei 146,6 gelegen, vor einem Monat bei 66,1.

          Deutschlandweit wurden den neuen Angaben zufolge binnen 24 Stunden 236 Todesfälle verzeichnet. Vor einer Woche waren es 194 Todesfälle gewesen. Die Zahl der Menschen, die an oder unter Beteiligung einer nachgewiesenen Infektion mit Sars-CoV-2 gestorben sind, stieg auf 96.963. Das RKI zählte seit Beginn der Pandemie 4.844.054 nachgewiesene Infektionen mit dem Virus Sars-CoV-2. Die tatsächliche Gesamtzahl dürfte deutlich höher liegen, da viele Infektionen nicht erkannt werden. Die Zahl der Genesenen gab das RKI mit 4.415.900 an.

          Die Zahl der in Kliniken aufgenommenen Corona-Patienten je 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen – den für eine mögliche Verschärfung der Corona-Beschränkungen wichtigsten Parameter – gab das RKI am Dienstag mit 4,31 an (Montag: 3,93). Bei dem Indikator muss berücksichtigt werden, dass Krankenhausaufnahmen teils mit Verzug gemeldet werden.

          Ein bundesweiter Schwellenwert, ab wann die Lage kritisch zu sehen ist, ist für die Hospitalisierungs-Inzidenz unter anderem wegen großer regionaler Unterschiede nicht vorgesehen. Der bisherige Höchstwert lag um die Weihnachtszeit bei rund 15,5.

          Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) verlangte angesichts der steigenden zahlen abermals ein schnelles Bund-Länder-Treffen und Gespräche über eine bundesweite 2G-Regelung. „Ich glaube, wir sollten darüber zu einer Verständigung kommen deutschlandweit, dass wir nicht am Ende wieder einen Flickenteppich haben, und 2G scheint ein probates Mittel zu sein. Darüber müssen wir reden“, sagte der derzeitige Vorsitzende der Ministerpräsidentenkonferenz am Mittwoch im Deutschlandfunk. „Wir sind auch notfalls allein handlungsfähig, aber mein Prä wäre gemeinsam im Länderkreis mit dem Bund eine gemeinsame Strategie“, sagte Wüst weiter.

          Eine Impfpflicht sieht Wüst angesichts der klar anderslautenden Zusagen der Politik weiter skeptisch: „Die Politik ist da im Wort, und ich bin sehr sehr vorsichtig, nach 19 Monaten Pandemie mit immer mehr Druck zu regieren, vor allen Dingen, wenn man dann noch wortbrüchig wird.“ Es sei wichtig, dass die Menschen bei den Corona-Maßnahmen mitgingen. „Ich bin nicht sicher, ob das noch der Fall ist, wenn wir jetzt wortbrüchig werden, wenn man eine Pflicht, einen Zwang hat, den man dann ja auch umsetzen muss.“

          OPs müssen wohl verschoben werden

          Der Intensivmediziner Christian Karagiannidis rechnet wegen der sich zuspitzenden Lage damit, dass zunehmend Krankenhäuser wieder den Regelbetrieb einschränken. „Wir werden kaum darum herumkommen“, sagte der wissenschaftliche Leiter des Intensivregisters der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) am Dienstagabend in den ARD-„Tagesthemen“. Er bezog dies besonders auf stark betroffene Bundesländer wie Bayern, Sachsen und Thüringen.

          Eine Einschränkung des Regelbetriebs bedeute, „dass wir Operationen, die man verschieben kann, weil es nicht lebensbedrohlich ist oder weil es keine Tumorerkrankungen sind, dann auch wirklich verschieben und das Personal innerhalb des Krankenhauses wieder umschichten“, sagte Karagiannidis. Die Berliner Charité-Universitätsmedizin sagt bereits seit Dienstag alle planbaren Eingriffe ab, um Mitarbeiter wieder verstärkt auf Covid-19-Stationen einzusetzen.

          Derzeit seien ungefähr zehn Prozent der Intensivbetten in Deutschland noch frei, erläuterte Karagiannidis. Das sei relativ wenig, weil eine Intensivstation im Schnitt aus zwölf Betten bestehe – und damit in der Regel nur ein einziges Bett frei sei „für alle Notfälle, die nicht nur Covid heißen“. „Und in dem Moment, wo wir regional unter fünf Prozent freie Betten rutschen, sind wir im Prinzip in den Kliniken nicht mehr wirklich handlungsfähig. Und das wird uns in den nächsten Wochen und vor allem auch Monaten zumindest in den Hotspots, die wir jetzt haben – Bayern, Sachsen und Thüringen – relativ schnell ereilen.“

          Um den aktuellen Anstieg der Fallzahlen zu bremsen, forderte Karagiannidis „2-G und auch 3-G am Arbeitsplatz“. Man habe im europäischen Umland gesehen, dass dies einen Effekt auf die Erstimpfquote habe. Zudem sprach er sich für Auffrischungsimpfungen zunächst von Älteren, aber danach auch von Jüngeren aus.

          Der Virologe Christian Drosten erwartet „einen sehr anstrengenden Winter“ und hält auch neue Kontaktbeschränkungen für denkbar. „Wir haben jetzt im Moment eine echte Notfallsituation“, sagte der Leiter der Virologie in der Berliner Charité angesichts der Lage auf den Intensivstationen im NDR-Podcast „Das Coronavirus-Update“. „Wir müssen jetzt sofort etwas machen.“ Wichtig seien etwa mehr Auffrischungs-Impfungen.

          Der designierte SPD-Chef Lars Klingbeil ist für mehr Corona-Kontrollen vor allem in der Gastronomie. „Ja, ich bin dafür, dass bei den Kontrollen nachgeschärft wird, insbesondere in der Gastronomie. Es muss klar sein: Wer sich an das Kontrollieren der 3-G- oder 2-G-Nachweise als Betreiber nicht hält, der muss die Konsequenzen spüren. Die Gastronomie schadet sich selbst, wenn sie die bestehenden Regeln nicht einhält“, sagte Klingbeil der Zeitung Rheinische Post.

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