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Corona in Tansania : Wer Essen haben will, muss das Haus verlassen

  • -Aktualisiert am

Neues Geschäftsfeld: Ein Mitarbeiter bestimmt den Alkoholgehalt des Desinfektionsmittels. Bild: Privat

Raphael Flury hat in Tansania zwei Firmen aufgebaut. Obwohl in dem armen und bevölkerungsreichen Land wegen der Corona-Krise Chaos droht, bleibt der Schweizer da – und stellt Desinfektionsmittel her.

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          Seit Raphael Flury nach Tansania ausgewandert ist, wurde sein Geschäftssinn ordentlich auf die Probe gestellt. Auf der Insel Sansibar hat er eine Gewürzfirma aufgebaut, vor einem Jahr kam eine Brauerei in Arusha hinzu. Dass er eines Tages Desinfektionsmittel herstellen würde, damit hat er nicht gerechnet. Nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie hat sich der 30 Jahre alte Schweizer dafür entschieden, im Nordosten des Landes zu bleiben. „Wenn sich der Virusverlauf ähnlich wie in Europa entwickelt, könnte es zu verheerenden Folgen kommen“, sagt er. In einem Land wie Tansania sei es schlicht nicht möglich, sich an „Stay Home“ und Abstandsregeln zu halten.

          Mit rund 56 Millionen Einwohnern zählt Tansania zu den bevölkerungsreichsten Ländern Afrikas – und zugleich zu den ärmsten. Nach Angaben der Weltbank muss mehr als jeder vierte Tansanier mit knapp 60 Euro im Monat zurechtkommen. Seit dem Ausbruch der Pandemie bangen viele selbst um diese Summe. Nach der Landwirtschaft ist der Tourismus einer der wichtigsten Wirtschaftszweige Tansanias.

          Auf diese Säule können sich Millionen Einwohner nun nicht mehr stützen. Die finanzielle Not treibt vor allem die Unterschicht weiterhin auf die Straßen. Es gilt der Grundsatz: Wer am Abend Essen auf dem Tisch stehen haben will, der muss das Haus verlassen und nach einem Gelegenheitsjob suchen. „Die Mehrheit ist jetzt ohne Lohn, hat keine Ersparnisse und lebt von der Hand in dem Mund“, sagt Flury. Wenigstens könnten einige Stadtbewohner auf ein kleines Stück Acker zurückgreifen, das sie nun bewirtschaften.

          Offiziell niedrige Infektionszahlen

          Offiziell verzeichnet das ostafrikanische Land vergleichsweise niedrige Infektionszahlen. 299 Menschen wurden bislang positiv auf Sars-Cov-2 getestet, zehn Menschen starben. International gibt es jedoch große Zweifel an den Zahlen. Bereits im vergangenen Jahr hatte die WHO tansanischen Behörden vorgeworfen, Ebola-Verdachtsfälle zu verschweigen. Dementsprechend kritisch blickt sie nun auf die Krankheitsstatistiken des Landes. Und auch das zaghafte Eingreifen der Regierung hat bei der Organisation zuletzt für Unmut gesorgt.

          Nach Tansania ausgewandert: Raphael Flury
          Nach Tansania ausgewandert: Raphael Flury : Bild: Privat

          Eine Ausgangssperre gilt in Tansania derzeit nicht, lediglich die Schulen und Universitäten sind seit einigen Wochen geschlossen. Ansonsten zeigt sich die Regierung bemüht, das Alltagsleben und die Wirtschaft in Gang zu halten. Eine Abriegelung des Handelszentrums Daressalam schließt Präsident John Magufuli aus. Auf die Einnahmen der Hafenstadt will er nicht verzichten. „Die Regierung treibt weiterhin sehr entschieden Steuern ein“, sagt Flury. Auf eine Steuererleichterung sei nicht zu hoffen. Für Empörung sorgte Magufuli zudem, als er die Bevölkerung noch vor wenigen Wochen zum gemeinschaftlichen Beten aufrief. „Corona kann nicht überleben im Leib Christi“, verkündete er, „es würde verbrennen.“

          Besonders schmerzlich ist die Entwicklung auch für die Einwohner Sansibars. Bis vor kurzem hat das teilautonome Archipel im Indischen Ozean einen Besucherrekord nach dem anderen verzeichnet. Nun ist Stille an den Stränden eingekehrt. Die Preise auf den Märkten sinken, plötzlich sind Delikatessen wie Riesengarnelen auch für Teile der lokalen Bevölkerung erschwinglich. Letztlich seien das aber nur verschwindend kleine Lichtblicke. „Die große Masse hat ihr Einkommen verloren und leidet.“

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          Auch das Brauerei-Geschäft des Schweizers, ein deutsches Investment, steht weitestgehend still. Seine Hauptkunden – Hotels und Safari-Unternehmen – geben schon seit Wochen keine Bestellungen mehr auf. Mit der Herstellung von Desinfektionsmittel hat Flury einen Weg gefunden, seine Angestellten dennoch zu beschäftigen. Zwei Wochen lang hat er gemeinsam mit einem lokalen Gin-Produzenten an einem Rezept getüftelt. Nun vertreiben sie ihr zertifiziertes Produkt an Krankenhäuser, Schulen und Apotheken. Nennenswerten Profit mache er damit nicht, sagt Flury. Er sieht internationale Firmen jedoch „in der moralischen Pflicht, in Krisenzeiten neue Perspektiven zu schaffen“.

          Von Panik könne in Tansania trotz der Existenzängste keine Rede sein. Man sei sich der Gefahr zwar bewusst, erzählt Flury. Nach Kämpfen gegen Krankheiten wie Malaria und Cholera habe man aber eine andere Perspektive auf die Corona-Pandemie. „Die Gelassenheit lassen sich die meisten nicht nehmen“, sagt Flury, „dafür ist Afrika schlichtweg zu krisenerprobt“.

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