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Psychologische Folgen : In Spanien zehrt die Ausgangssperre an den Seelen

Alles wird gut? Mut machendes Plakat in San Sebastián Bild: Getty

Die Ausgangssperre ist in dem besonders vom Virus geplagten Spanien strenger als in vielen anderen Staaten. So streng, dass manche Kinder fürchten, die Zahnfee dürfe nicht mehr kommen. Das hat auch psychologische Folgen.

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          In Ingeborg Porcars Kolumne geht es um Leben und Tod. Seit Mitte März erscheint sie in der Zeitung „La Vanguardia“. Die Psychologin aus Barcelona sucht darin das Gespräch mit den Lesern. Am Dienstag ging es um den Zusammenbruch der „Phantasie der absoluten Kontrolle“, die viele vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie hatten. „Suchen Sie sich konkrete und realistische Ziele“, lautet ihr Rat. Die zu erreichen, schaffe Gewissheit.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Die deutsch-spanische Psychologin leitet das Zentrum für Trauma- und Krisenpsychologie an der Autonomen Universität Barcelona. Bei den 15 Psychologen ihres Kriseninterventionsteams stehen seit Wochen die Telefone nicht mehr still, ein Online-Beratungstermin folgt auf den nächsten. Sie haben in Barcelona schon Schlimmes erlebt: Tausende traumatisierte Menschen brauchten nach den Terroranschlägen am 17. August 2018 in Katalonien psychologischen Beistand. „Damals waren die Ramblas fünf Stunden abgesperrt, jetzt dauert der Lockdown schon fast fünf Wochen an“, sagt Ingeborg Porcar. In Spanien gelten seit dem 14. März extrem strenge Ausgangsbeschränkungen. Kinder dürfen seitdem nicht mehr vor die Türe, ihre Eltern praktisch nur zum Einkaufen.

          Das zehrt an den Seelen. „Mit den Schwierigkeiten, mit denen Familien unter normalen Bedingungen selbst klarkommen, sind sie auf einmal überfordert“, sagt Ingeborg Porcar. Darum gehe es in immer mehr Anrufen von Hilfesuchenden. Dazu kommen Menschen, die die Infektion mit dem Virus überlebt haben. „Sie haben oft massive emotionale Probleme. Sie waren dem Tod nah und oft ohne ihre Familien in den Intensivstationen.“

          Mitgefühl dominiert trotz Anfeindungen

          In den Krankenhäusern nimmt die Zahl der Patienten langsam ab. Das entlastet Pfleger und Ärzte aber nicht wirklich. Jetzt wird ihnen oft erst bewusst, was sie in den vergangenen Wochen mitgemacht haben; mehr als 20.000 infizierten sich, einige starben. Auch für sie versuchen die Psychologen in Barcelona, etwas zu tun. Wie sehr auch die Helfer Hilfe brauchen, zeigt die Internetseite, die Ingeborg Porcars Zentrum für sie auf Katalanisch eingerichtet hat: Innerhalb weniger Tage hatte sie mehr als 20.000 Besucher.

          Die Solidarität mit dem medizinischen Personal mobilisierte viele Spanier und trug dazu bei, dass sie sich schnell und diszipliniert an die strikten Regeln hielten. Krankenschwestern und Ärzte hatten die Bürger um Unterstützung in ihrem Kampf gegen das Virus gebeten. Sie appellierten an die Spanier, neue Infektionen um jeden Preis zu verhindern, damit sie eine Chance haben, in den überfüllten Kliniken Leben zu retten. „Das hatte größere Wirkung als die Aufrufe der Politiker“, sagt Ingeborg Porcar. Jeden Abend applaudieren Menschen an den Fenstern und auf den Balkonen, um den Medizinern zu danken. Wichtig sei es, bei den strengen Maßnahmen „das Allgemeinwohl in den Mittelpunkt zu stellen, nicht Verbote und Gehorsam“, sagt die Psychologin.

          Doch auch die Angst ist groß. In manchen Häusern forderten Nachbarn Klinikpersonal und Supermarktkassiererinnen schon auf ausziehen, um sie nicht anzustecken. Aber Mitgefühl und der Wunsch, Erleichterung zu verschaffen, dominieren bisher auf beeindruckende Weise – besonders gegenüber den Kindern: Polizisten bringen ihnen vor ihrem Haus ein Geburtstagsständchen, Politiker kümmern sich um ausgefallene Milchzähne.

          Die Spanier achten aufeinander – und auf die Kleinen

          Wegen der Ausgangssperre begannen sich Kinder zu sorgen, ob Ratoncito Pérez noch kommen kann: In Spanien ist die Zahnfee eine kleine Maus namens Pérez. Ein Mädchen schrieb besorgt an den spanischen Regierungschef, ob denn die Quarantäne auch für die Zahnmaus gelte. Ihr Brief verbreitete sich schnell im Internet. Mehrere Bürgermeister stellten mit Brief und Siegel Sondergenehmigungen für Ratoncito Pérez aus, um die Kinder zu beruhigen.

          Für Ingeborg Porcar ist das ein weiteres Beispiel dafür, wie die Spanier aufeinander achten. Es mildere aber nicht die psychischen Folgen der Einschränkungen, die nirgendwo in Europa für die Kinder so drastisch sind wie in Spanien. In Deutschland, Frankreich und Portugal dürfen sie mit ihren Eltern nach draußen. Mehr als 300 Fachleute und gut 75.000 Bürger haben einen Appell an die Regierung unterschrieben, zuerst an die Kleinen zu denken, wenn die Maßnahmen gelockert werden.

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