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Hohe Infektionszahlen : Niederlande verschärfen die Maßnahmen

Der Niederländischer Präsident Rutte (l.) und Gesundheitsminister Hugo de Jonge (r.) gaben sich auf einer Pressekonferenz am Montagabend entschlossen. Bild: EPA

Viele Niederländer ärgern sich darüber, dass Mitbürger die Abstandsregeln ignorieren. Appelle der Regierung an das Verantwortungsgefühl der Bürger hatten nicht viel geholfen – jetzt werden die Regeln deutlich verschärft.

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          In den Niederlanden gelten ab Dienstag, 18 Uhr, landesweit verschärfte Vorgaben in der Corona-Krise: unter anderem ein früherer Kneipenschluss und Sportwettkämpfe ohne Publikum. Sie gelten zunächst für drei Wochen. Wenn sich dann an dem steilen Aufwärtstrend in den Infektionszahlen nichts geändert hat, will die Regierung unter Ministerpräsident Mark Rutte die Zügel weiter anziehen und Maßnahmen ergreifen, welche sich dem „intelligenten“ Lockdown annähern, dessen sich das Land im Frühjahr rühmte. Dann könnte es auch sein, dass Kneipen und Restaurants wieder zwangsweise schließen.

          Klaus Max Smolka

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der rechtsliberale Rutte und der christdemokratische Gesundheitsminister Hugo de Jonge gaben sich auf einer Pressekonferenz am Montagabend entschlossen und schlugen einen noch alarmierenderen Ton an als bei ihrem Auftritt eineinhalb Wochen zuvor. Damals hatten sie zur Überraschung vieler kaum nennenswerte konkrete Schritte verhängt, sondern im Wesentlichen eindringlich an das Verantwortungsgefühl der Bürger appelliert. Viele im Land ärgern sich darüber, dass Mitbürger die mantraartig wiederholte Hauptregel – eineinhalb Meter Abstand – ignorieren, und kritisieren die Verschärfung der Regeln als zu spät.

          Infektionszahlen außer Kontrolle

          Die Infektionszahlen drohen außer Kontrolle zu geraten. Die Zahl der täglichen Neuinfektionen hat laut Gesundheitsbehörde RIVM 3000 erreicht – was auf Deutschland mit seiner Einwohnerzahl hochgerechnet etwa 15.000 Fällen entspricht – und wird nach Aussage de Jonges in einer Woche auf 5000 gestiegen sein.

          Konkret müssen Kneipen und Restaurants jetzt um 22 Uhr schließen, Einlassschluss ist eine Stunde früher. Private Haushalte dürfen maximal drei Gäste empfangen, Freunde sich im Freien maximal zu viert treffen. Generell dürfen draußen im Normalfall nur noch 40 Menschen beieinander sein, innen bis zu 30. Daneben gelten drängende Empfehlungen wie die, nach aller Möglichkeit zu Hause zu arbeiten. „An vielen Arbeitsplätzen ist zu viel los, und das sehen wir auch in den Infektionssclustern”, sagte Rutte. Ferner ermahnt das Kabinett Bürger in den Metropolen Amsterdam, Rotterdam, Den Haag und Eindhoven, in Geschäften, Restaurants und Fitness-Studios Mund- und Nasenmasken zu tragen. Obligatorisch sind sie nicht, aber Betreiber können Kunden ohne Maske den Zugang verweigern. Amsterdams Bürgermeisterin Femke Halsema rief die Betreiber dringend dazu auf, diese Möglichkeit zu nutzen.

          Mitten in der zweiten Welle

          Masken sind in den Niederlanden viel weniger gebräuchlich als in Deutschland. Nur im öffentlichen Verkehr sind sie verpflichtend, in Geschäften und anderswo kaum zu sehen. Amsterdam und Rotterdam hatten im August für einige Wochen eine Maskenpflicht für einige besonders belebte Straßenzüge und Plätze verhängt. Halsema sagte nun, Amsterdam finde sich mitten in der zweiten Welle wieder. Für Touristen ändert sich trotzdem wenig. Die Innenstadt wirkte am Wochenbeginn auffällig leer, es war – bei allerdings auch trüberem Wetter – deutlich weniger los als im August. Landesweit werden dieses Jahr 70 Prozent weniger Gäste aus dem Ausland einreisen als im Vorjahr, so die Prognose der niederländischen Behörde für Tourismus-Marketing. Die Provinzen Nord- und Süd-Holland und Utrecht sind von Deutschland zu Risikogebieten deklariert worden – Rückreisende müssen einen Corona-Test machen und bis zu einem negativen Ergebnis in Quarantäne gehen.

          In den vergangenen Wochen war die Unterstützung der Bürger für die Politik etwas erodiert. De Jonge steht in der Kritik wegen unzureichender Testkapazitäten. Als Justizminister Ferdinand Grapperhaus vor einiger Zeit heiratete, drangen anschließend Fotos nach außen, auf denen die Hochzeitsgesellschaft vielfach das Abstandsgebot verletzte. Das RIVM wiederum hat seine im Laufe der Zeit unterschiedlichen Empfehlungen zur Maskenpflicht nach Recherche des öffentlichen Rundfunks zum Teil aufgrund der Verfügbarkeit der Masken abgegeben, nicht auf medizinischer Basis.

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