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Lateinamerika und das Virus : Wem hilft die „Armee der weißen Kittel“?

Kolumbien hat aus diesem Grund seine Grenze zu Venezuela geschlossen, was viele Venezolaner, die sich in Kolumbien versorgen – auch mit Medikamenten – vor große Probleme stellt. Die Regierungen Südamerikas haben sich am Montag auf Initiative Perus in einer Videokonferenz abgesprochen, um ihr Vorgehen im Kampf gegen das Coronavirus zu koordinieren und eine Kooperation im Gesundheitsbereich zu vertiefen. Die Verbreitung des Coronavirus in Lateinamerika hinkt der Entwicklung zeitlich hinterher. Erst am 26. Februar wurde in Brasilien der ersten Fall in ganz Lateinamerika bestätigt.

Inzwischen hat sich das Virus in der gesamten Region verbreitet und steigen die Fallzahlen rasant an. Die meisten Regierungen der Region haben in den vergangenen Tagen drastische Maßnahmen ergriffen. Großanlässe wurden untersagt und der Schulbetrieb wurde eingestellt. Die meisten Länder haben ihren Flugverkehr nach Europa unterbrochen und eine Isolationspflicht für Reisende aus den am stärksten betroffen Regionen eingeführt. Mehrere Länder haben ihre Grenzen vorläufig geschlossen. Vergleichsweise gelassen geben sich die beiden bevölkerungsreichsten Länder in Lateinamerika.

Die dritte Geißel

In Mexiko fanden am Wochenende weiterhin zu Fußballspiele und andere Großanlässen statt. In Brasilien treffen beispielsweise weiterhin täglich Direktflüge aus Italien und anderen europäischen Ländern eintreffen. Die Präsidenten beider Länder spielen die Epidemie herunter. Lateinamerika steht vor einem großen Problem, denn die Kapazität des Gesundheitswesen in der Region ist gering – nicht nur in Venezuela. In Lateinamerika wird pro Kopf weniger in das Gesundheitswesen investiert als im Nahen Osten oder in Nordafrika. Rund 950 Dollar pro Kopf pro Jahr fließen in Lateinamerika in das Gesundheitswesen, das ist viermal unter dem Durchschnitt der OECD. Zwar hat sich das öffentliche Gesundheitswesen in den meisten Ländern der Region verbessert in den vergangenen zwei Jahrzehnten, doch die Kapazitäten sind weiterhin unzureichend. In Brasilien beispielsweise verfügt ein Großteil der Gemeinden schon jetzt nicht über die von der Weltgesundheitsorganisation empfohlene Anzahl Betten mit Intensivpflege.

Die Region ist zudem bereits mit anderen Krankheiten konfrontiert. Masern und das Denguefieber haben sich in den vergangenen Jahren ausgebreitet. Gleichzeitig bestehen große Unterschiede zwischen öffentlichen und privaten Einrichtungen. Einige Privatkliniken in Lateinamerika zählen zu den besten der Welt. Doch sie sind einer kleinen Elite vorbehalten. Das könnte die im vergangenen Jahr aufgeflammten sozialen Spannungen in der Region weiter verstärken. Von den gesundheitlichen Auswirkungen ganz abgesehen, dürfte Lateinamerika auch wirtschaftlich in besonderem Maße betroffen sein. China ist entweder der wichtigste oder der zweitwichtigste Handelspartner für die meisten Länder der Region. Schon vor der Epidemie lag das für dieses Jahr prognostizierte Wachstum der Region mit 1,6 Prozent deutlich unter der Anfang März angepassten Prognose der OECD für das globale Wachstum (2,4 Prozent). Der parallele Zerfall der Rohstoffpreise in den vergangenen Tagen hat die Kapitalflucht beschleunigt und den Sturm für die lateinamerikanischen Volkswirtschaften perfekt gemacht. Die Börsen und Währungen in Lateinamerika stürzen jeden Tag weiter ab. An der Börse in São Paulo wird der Handel seit mehreren Tagen täglich unterbrochen.

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