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Coronakrise in Heinsberg : Ein Landrat antwortet auf Trump

  • -Aktualisiert am

Avantagrde im Westen: Landrat Pusch spricht täglich mit der Presse. Bild: dpa

„Das Medikament heißt Solidarität“, schärft Stephan Pusch den Leuten ein. Sie hören dem Landrat zu, weil sein Kreis Heinsberg in Deutschland am schwersten betroffen ist. Man sei dort dem Rest des Landes neun bis zehn Tage voraus.

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          Im Landkreis Heinsberg waren im Februar die ersten Corona-Infizierten in Nordrhein-Westfalen registriert worden. Mit mittlerweile mehr als 550 bestätigten Fällen innerhalb von gut drei Wochen ist Heinsberg bis heute der am stärksten betroffene Landkreis in Deutschland. Nach Einschätzung von Landrat Stephan Pusch (CDU) ist Heinsberg der bundesweiten Entwicklung damit etwa neun bis zehn Tage voraus. Deshalb und dank der offensiven Öffentlichkeitarbeit des Landrats lassen sich wichtige Rückschlüsse aus den Erfahrungen im Umgang mit der Corona-Krise im äußersten Westen der Republik ziehen.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Unermüdlich berichtet Pusch in Interviews mit Zeitungen und Fernsehsendern sowie in täglichen Video-Ansprachen über die neuesten Erkenntnisse aus dem von ihm geleiteten Heinsberger Krisenstab. Der Jurist ordnet die Informationen anschaulich und unaufgeregt ein, gibt Hinweise und Ratschläge – und versucht, den Leuten Mut zu machen.

          Immer wieder weist der Landrat darauf hin, dass die meisten Corona-Krankheitsverläufe einer leichten Erkältung ähneln, viele der Erkrankten mittlerweile als geheilt gelten, aber eben doch 20 Prozent der Betroffenen intensivmedizinisch behandelt werden müssen. Seine Sorge sei, dass wegen der wachsenden Zahl dieser Patienten bald nicht mehr genügend Beatmungsgeräte vorhanden sein könnten. Das gelte es unbedingt zu verhindern – in seinem Kreis, aber auch in ganz Deutschland. Deshalb hat der Landrat schon vor Tagen darauf hingewiesen, wie wichtig harte Einschnitte seien, etwa die nun allenthalben verfügten Schulschließungen.

          Das Vertrauensproblem in den Köpfen

          Noch schlimmer sei aber etwas anderes, mahnte Pusch nun in einer Video-Botschaft. „Das Corona-Virus ist aus meiner Sicht ein medizinisches Problem, klar – aber viel schlimmer ist das Vertrauensproblem, was es in den Köpfen verursacht.“ Angst, Misstrauen, Ausgrenzung und dass sich nun sogar Staaten gegenseitig wegen dem Corona-Virus beschuldigten, sei eine große Gefahr, sagte Pusch mit Blick auf den amerikanischen Präsidenten Donald Trump, der von einem „ausländischen Virus“ gesprochen und Europa die Schuld für die Ausbreitung von Corona zugewiesen hatte.

          Auch für die gravierenden wirtschaftlichen Folgen der Corona-Vertrauens-Krise gibt es in Puschs Region schon Beispiele. Ihm berichteten Heinsberger, dass sie von ihrem Arbeitgeber im Umland nur wegen ihrer Herkunft nach Hause geschickt oder gar nicht mehr aufs Firmengelände gelassen würden, Aufträge für Unternehmen aus dem Kreis Heinsberg blieben aus. Schuldzuweisungen, ob auf internationaler Ebene von Leuten wie Präsident Trump oder von Leuten in seiner eigenen Region hält der Landrat für brandgefährlich. „Wir müssen aufpassen, was das Virus mit unseren Köpfen macht“, sagte Pusch am Freitag in einem Interview mit der Zeitung „Welt“. Die Pandemie habe das Potential, unsere Welt negativ zu verändern, wenn die Menschen Angst voreinander bekämen.

          Nothilfe durch die Bundeswehr

          Schuldzuweisungen seien vollkommener Blödsinn. „Das Medikament heißt Solidarität, Mitgefühl und nicht Ausgrenzung.“ Anfang der Woche habe ihn eine Delegation von Auslands-Chinesen besucht. Die Chinesen hätten Schutzmaterial mitgebracht, „palettenweise“, wie Pusch formulierte. „Das chinesische Volk ist ja nun wirklich gebeutelt durch die Corona-Krise, diese Solidarität hat mir sehr imponiert.“

          Am Freitag berichtete Landrat Pusch in seiner Video-Botschaft von einer Neuerung, mit der Heinsberg wieder einmal der Zeit voraus ist. Wegen der vielen mittlerweile als geheilt geltenden Personen baut der Kreis nun mit Nothilfe durch die Bundeswehr ein Quarantäne-Entlassungs-Management auf, bei dem die Betroffenen abermals auf das Virus getestet werden. Sicher ist sicher.

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