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Corona-Lage im Land Bremen : Höchste Impfquote – und zugleich die höchste Inzidenz

Die Inzidenz in der Hafenstadt an der Weser­mündung lag am Freitag bei 292 (in der Stadt Bremen lag die Inzidenz bei knapp 87). Bild: dpa

Mit 75,1 Prozent vollständig Geimpfter liegt die Quote in Bremen weit höher als in allen anderen Bundesländern. Bremerhaven verzeichnet zugleich die höchste Corona-Inzidenz. Wie passt das zusammen?

          3 Min.

          Auf dem Kartenmaterial zur Corona-Lage in Deutschland sticht das Land Bremen gegenwärtig auf widersprüchliche Weise heraus: Einerseits verzeichnet das kleine Bremen im Norden mit 75,1 Prozent zweifach geschützter Personen die mit Abstand höchste Impfquote aller Länder. Zum Vergleich: Deutschlandweit liegt diese Quote laut Robert-Koch-Institut (RKI) bei 64,6 Prozent. Schlusslicht ist Sachsen, dort liegt die Quote sogar bloß bei 54,9 Prozent. Zugleich verzeichnet die Stadt Bremerhaven, mit ihren rund 110 000 Einwohnern der kleinere Teil des Zwei-Städte-Staats Bremens, die bundesweit höchste Corona-Inzidenz. Die Inzidenz in der Hafenstadt an der Weser­mündung lag am Freitag bei 292 (in der Stadt Bremen lag die Inzidenz bei knapp 87). Wie passt das zusammen?

          Reinhard Bingener
          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Für beide Werte gibt es jeweils ein ­Bündel möglicher Erklärungen. Ein beträchtlicher Teil der Corona-Infektionen in Bremerhaven sind auf ein großes Cluster in einem Schiffsbauunter­nehmen zurückzuführen. Gegenwärtig sind nach Angaben der Stadt dort 136 Infektionen bekannt – mit steigender Tendenz. Wie bei den zahlreichen Ausbrüchen in der Fleischindustrie sind vor allem Arbeitnehmer von Subunternehmen betroffen, die häufig aus dem Ausland kommen und in engen Gemeinschaftsunterkünften leben. Zudem soll die Impfquote in dieser Gruppe unterdurchschnittlich sein. Daneben gibt es noch weitere Cluster: eine Klasse ungeimpfter Sechstklässler, die bei einer Fahrt ins Schullandheim offenbar gemeinsam in einem Schlafsaal übernachtete. Und einen Frauenchor, in dem derzeit 16 von 32 Sängerinnen infiziert sind. Auch unter Hafenarbeitern gibt es einige Infektionen.

          Ein diffuses Infektionsgeschehen

          Zugleich gibt es in Bremerhaven aber auch ein starkes, diffuses Infektionsgeschehen, Vor allem in Schulen werden viele Fälle registriert. Gegenwärtig sind der Gesundheitsbehörde 135 Fälle bekannt, die sich auf 48 unterschiedliche Einrichtungen für Kinder und Jugend­liche verteilen. Die Inzidenz in der Altersgruppe null bis fünf liegt nach Angaben des Pressesprechers der Stadt gegenwärtig bei 224, in der Altersgruppe sechs bis neun bei 302 und in der Gruppe zehn bis 19 bei einem extrem hohen Wert von 585. Nach Einschätzung der Verantwortlichen spielen für dieses Infektionsgeschehen immer noch Reiserückkehrer eine Rolle, die das Virus später in ihren Familien weitergegeben haben.

          Der neue Leitwert bei der Pandemie­bekämpfung, die Hospitalisierungsrate steigt gegenwärtig und liegt inzwischen bei 7,93 (deutschlandweit lag sie am Freitag bei 1,65). Diejenigen Patienten, die nicht wegen Corona, sondern wegen einer anderen Erkrankung behandelt werden und zugleich infiziert sind, wurden bereits herausgerechnet. Angesichts der steigenden Zahlen kann die Stadtverwaltung gegenwärtig nicht ausschließen, dass das öffentliche Leben künftig wieder eingeschränkt werden muss.

          Die Stadtverwaltung weist jedoch auch darauf hin, dass in Bremerhaven auch engmaschiger getestet wird als in anderen Kommunen. Für die Schulen wurden nach den Ferien tägliche und verpflichtende Tests angeordnet. Zudem werde bei Infektionen nicht nur Quarantäne für Kontaktpersonen verhängt, ­sondern auch Testungen bei diesen Personen vorgenommen. Man gehe daher auch davon aus, dass die hohe Inzidenz auch damit zusammen hänge, dass die Dunkelziffer der Infektionen geringer sei als andernorts.

          Die vielen Corona-Fälle zeigen aber auch, dass eine Impfquote wie in Bremen alleine noch nicht ausreicht, um die Pandemie unter Kontrolle zu halten. Gerade in Bereichen der Gesellschaft, wo die Impfquote niedriger liegt, kann sich das mutierte Coronavirus weiterhin rasch ausbreiten.

          Die hohen Impfquoten in Bremen und Bremerhaven werden von der dortigen Politik besonders auf starke und frühzeitige Be­mühungen um Aufklärung zurückgeführt. Angesichts der hohen Zahl von Einwohnern mit Migrationshintergrund und in prekären Verhältnissen, die in Bremer­haven noch einmal höher liegt als in Bremen, gab es Informationen in verschiedenen Sprachen und auf vielen Kanälen.

          Das kleine Bundesland, das oft für ­seine wenig leistungsfähige Verwaltung kritisiert wurde, wurde in der Pandemie auch für die effektive Vergabe von Impfterminen gelobt. Ausgerechnet der rot-grün-rote Senat war zudem ein Bündnis mit der örtlichen Privatwirtschaft eingegangen, um in Bremen ein Impfzentrum aufzubauen, das bis zu seiner Schließung Ende September das leistungsfähigste in ganz Deutschland war.

          Als Erklärung für die hohe Impfquote wird von Sozialwissenschaftlern aber auch angeführt, dass die Bevölkerung im Norden womöglich weniger anfällig für Verschwörungstheorien ist. Wahrscheinlich spielt aber noch ein weiterer Effekt eine Rolle: Das große Impfzentrum in Bremen und das Impfzentrum in Bremerhaven melden die vorgenommenen Impfungen ordnungsgemäß, während das bei niedergelassenen Ärzten dem Vernehmen nach nicht immer der Fall sei. Die tatsächliche Impfquote liegt nach Einschätzung von Fachleuten deshalb um mehrere Prozentpunkte höher als die gemeldete. In Bremen ist diese Lücke aber womöglich geringer als andernorts. „Natürlich spielt das auch eine Rolle“, bestätigt der Sprecher der Stadt Bremerhaven.

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