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Coronavirus in Brasilien : Für Bolsonaro ist alles „Hysterie“

Mindestabstand? Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro trifft in Brasilia seine Anhänger. Bild: Reuters

Der brasilianische Präsident hält sich nicht an seine Quarantäne und schüttelt ungeachtet der Corona-Pandemie weiter unzählige Hände. In Mexiko tritt sogar noch „Guns’n’Roses“ auf.

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          Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro tut alles, um das Coronavirus zu verharmlosen. In mehreren Interviews bezeichnete Bolsonaro die Reaktionen auf die Pandemie als eine „Hysterie“. Während sich viele Brasilianer ohne Aufforderung in Isolation begeben, verkündete der Rechtspopulist, dass er keinen Grund sehe, sein Geburtstagsfest am Samstag abzusagen. Am Wochenende hatte Bolsonaro sich ungeachtet der ihm verschriebenen Isolation unter seine Anhänger gemischt, die gegen den Kongress demonstrierten, und Dutzende Hände geschüttelt.

          Tjerk Brühwiller

          Freier Berichterstatter für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.

          Nach einem Treffen mit dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump waren in der vergangenen Woche 13 Mitglieder aus Bolsonaros Delegation positiv auf Corona getestet worden, unter anderen sein Kommunikationschef. Während fast alle Länder Lateinamerikas drastische Maßnahmen ergreifen, um die Verbreitung des Coronavirus frühzeitig zu verlangsamen, ignoriert Bolsonaro die Ratschläge von Fachleuten.

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          Auch Mexiko hat mit dem Linkspopulisten Andrés Manuel López Obrador einen Präsidenten, der nach wie vor das Bad in der Menge genießt, Anhänger umarmt und Kinder küsst. Am Wochenende fanden in Mexiko wie gewöhnlich Fußballspiele statt. Ein Konzert der Band „Guns N’ Roses“ zog Tausende an. Man dürfe keine verfrühten Maßnahmen ergreifen, die nicht der Größe des Risikos entsprächen, sagte Mexikos Gesundheitssekretär Hugo López Gatell. Inzwischen wurde die Absage von Großveranstaltungen mit mehr als 5000 Personen empfohlen.

          Die Strategie von López Obrador und Bolsonaro ist offensichtlich: Beide konnten die großen Erwartungen, die sie geweckt hatten, bisher nicht erfüllen. Eine Wirtschaftskrise können sie sich politisch nicht leisten. Die Wachstumsprognosen Brasiliens wurden in Anbetracht der Situation in China bereits nach unten angepasst. Die Börse in São Paulo befindet sich im steilen Sinkflug und musste ihren Handel in den vergangenen Tagen mehrmals unterbrechen. Mit Blick auf die Wirtschaft hat Bolsonaro seinen Gesundheitsminister zu einer weniger alarmierenden Rhetorik angehalten.

          Den wirtschaftlichen Schaden gering halten

          Schon vor der Pandemie hatte sich auch in Mexiko eine wirtschaftliche Stagnation abgezeichnet. Die Regierung von López Obrador macht kein Geheimnis daraus, dass sie den wirtschaftlichen Schaden durch die Pandemie klein halten will. 2009 hatte Mexiko Erfahrungen mit einer ähnlichen Situation gemacht, als im Land eine neuartige Schweinegrippe ausbrach. Mexiko reagierte mit drastischen Maßnahmen, legte das öffentliche Leben still und verhinderte damit eine weitere Ausbreitung. Doch wirtschaftlich wurde das Jahr 2009 mit einem Negativwachstum von fünf Prozent zum Desaster.

          López Gatell sagte am Dienstag, die Welt dürfe nicht Mexikos Fehler von 2009 wiederholen. Auch in der Politik und der Bevölkerung wird die Kritik an den beiden Präsidenten lauter. Die passive Haltung Bolsonaros wird selbst von Politikern aus seinem eigenen Lager kritisiert. Erste Forderungen nach einem Rücktritt oder einer Amtsenthebung wurden laut. Am Dienstag protestierten viele Brasilianer in zahlreichen Städten gegen den Präsidenten.

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