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Coronavirus in Bergamo : Die Wut der Hinterbliebenen

Ein medizinischer Mitarbeiter in Schutzkleidung geht über eine leere Straße in Bergamo. Die Spezialeinheit machte im März Hausbesuche für Erkrankte. Bild: dpa

Fast die Hälfte der Virus-Toten in Italien stammte aus der Lombardei. Die Verwandten der Opfer tragen ihre Wut in Bergamo nun auf die Straße – und fordern Aufklärung.

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          An diesem Mittwoch ist in Bergamo in der Lombardei „Denuncia Day“. Zur Demonstration auf der Piazza Dante im Herzen der Unterstadt von Bergamo hat die Organisation „Noi Denunceremo“ (Wir klagen an) aufgerufen. Mit dem Protest vor dem Gebäude der Staatsanwaltschaft tritt das informelle Komitee erstmals vom virtuellen Marktplatz des Internet heraus auf einen wirklichen Platz aus Stein und Asphalt.

          Matthias Rüb
          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Initiator und Vorsitzender des Komitees, das als Facebook-Gruppe begann, ist Luca Sebastiano Fusco. Sein 85 Jahre alter Vater starb, nachdem er sich in einem Altenheim von Bergamo mit dem Coronavirus infiziert hatte. Inzwischen haben sich mehr als 55.000 Menschen der informellen Gruppe angeschlossen. Es sind viele Hinterbliebene von Opfern der vom Virus verursachten Lungenkrankheit unter ihnen, aber auch nicht unmittelbar betroffene Bürger.

          Gemeinsam verlangen sie Aufklärung darüber, warum die Pandemie die Region Lombardei besonders getroffen und die lombardischen Provinzen Bergamo und Brescia am allerschlimmsten heimgesucht hat. Bis Dienstag starben in Italien rund 34.000 Menschen an der Covid-19-Lungenkrankheit, mehr als 16.300 von ihnen allein in der Lombardei. Auf dem Höhepunkt der Pandemie waren dutzendweise Särge in Militärlastwagen von der Friedhofskapelle in Bergamo abgeholt und in benachbarten Regionen geschafft worden, weil die Krematorien der Stadt vollkommen überlastet waren.

          Das Komitee wolle keine finanzielle Entschädigung für die Hinterbliebenen erstreiten, denn „alles Gold der Welt kann uns nicht zurückgeben, was wir verloren haben“, sagte Fusco am Montag bei einer Videokonferenz beim Verband der Auslandspresse in Rom. Es gehe „nicht um Rache, sondern um Gerechtigkeit“, versicherte Fusco, der seinen Zorn freilich nicht im Zaum zu halten versucht. Er wirft den Behörden vor, angesichts einer bespiellosen Gesundheitskrise „oberflächlich und amateurhaft“ gehandelt zu haben.

          Hälfte aller Covid-19-Opfer in Pflegeheimen

          Bei der Demonstration vor dem Gebäude der Staatsanwaltschaft an diesem Mittwoch will das Komitee symbolisch 50 Anzeigen gegen Unbekannt erstatten. „Wir wollen, dass jemand zurücktritt, dass sich jemand entschuldigt. Wir erwarten, dass endliche jemand Verantwortung übernimmt für das, was geschehen ist“, sagte die Apothekerin Cristina Longhini aus Bergamo bei der virtuellen Presseveranstaltung vom Montag in Rom. Ihr 65 Jahre alter Vater war Anfang März erkrankt. Der Hausarzt der Familie hatte es abgelehnt, den Patienten bei einem Hausbesuch zu untersuchen. Anschließend hatte der gerufene Krankenwagen tagelang auf sich warten lassen – bis es zu spät war. „Zu viele Patienten sind zu spät in Krankenhäuser gebracht worden, und deshalb sind zu viele Menschen gestorben“, klagte Longhini.

          Fusco und Longhini sehen vor allem die Regionalregierung der Lombardei in Mailand in der Verantwortung. Der steht seit März 2018 Attilio Fontana von der rechtsnationalistischen Lega vor. Die Partei wird vom früheren Innenminister Matteo Salvini geführt. In Bergamo und in Brescia stellt dagegen der sozialdemokratische Partito Democratico (PD) jeweils die Bürgermeister. Die Debatte um die Verantwortung für die Katastrophe in der Lombardei wird daher auch von parteipolitischem Gezänk durchzogen. Bei „Noi Denunceremo“ sind die meisten der Ansicht, die Regionalregierung in Mailand hätte die Virus-Brutstätten Nembro und Alzano Lombardo nordöstlich von Bergamo mit zusammen rund 25.000 Einwohnern vollständig abriegeln und unter Quarantäne stellen müssen.

          In Mailand hält man dem entgegen, eine solche Maßnahme – wie zuvor im Februar in Codogno südöstlich von Mailand geschehen – hätte nur die Zentralregierung in Rom verhängen können. Stattdessen erließ die von Ministerpräsident Giuseppe Conte geführte Linkskoalition von PD und Fünf-Sterne-Bewegung am 8.März eine allgemeine Ausgangssperre zunächst für die ganze Region Lombardei mit zehn Millionen Einwohnern und tags darauf für alle 60 Millionen Einwohner des gesamten Landes. Zur hermetischen Abriegelung der Brutstätten Nembro und Alzano Lombardo kam es nicht, anders als im Februar in Codogno sowie in dem Städtchen Vò Eugeneo in der benachbarten Region Venetien.

          Über die Verantwortung für den Verlauf der Pandemie, vor allem in der Lombardei, wird der Streit in der Politik und in der Justiz noch lange dauern. Vor Gerichten in Mailand und in anderen Städten der Lombardei sind zahlreiche Anzeigen gegen Behördenvertreter, Krankenhaus- und Pflegeheimleitungen anhängig, weil Covid-19-Kranke mit milderen Symptomen von überlasteten Kliniken in Altersheime verlegt worden waren. Dort breitete sich das Virus dann unter den besonders gefährdeten Senioren buchstäblich wie ein Massenkiller aus – auch weil es nicht genügend Schutzausrüstung für das Pflegepersonal gab. Ähnliche Fehlentscheidungen und Nachlässigkeiten gab es auch in den anderen Regionen Italiens. So gut wie nirgendwo gelang es, das Eindringen des Virus in Alten- und Pflegeheime zu verhindern: In diesen Einrichtungen wurde knapp die Hälfte aller Covid-19-Opfer registriert.

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