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Um Atem ringende Frau : Australien will mit Schockvideo Impfmuffel aufrütteln

Sydney erlebt derzeit die dritte Woche in einem verschärften Lockdown. Bild: Reuters

Trotz Lockdowns hat vor allem Sydney mit einem steilen Zuwachs an Corona-Fällen zu kämpfen. Die Regierung will die Menschen mit einem drastischen Video aufrütteln – daran gibt es auch Kritik.

          3 Min.

          Trotz der Beatmungsschläuche in ihrer Nase ringt die Patientin im Krankenbett nach Luft. Neben ihren Atemgeräuschen ist nur das Piepen medizinischer Geräte zu hören. Immer angestrengter klingt ihr Keuchen. Es hört sich an, als würde jemand versuchen, Luft durch ein viel zu schmales Ventil zu ziehen. Flehend schwenkt der Blick der Frau von links nach rechts. „Warum hilft mir keiner?“, scheinen ihre Augen zu sagen. Ihre Lider schließen sich für einen Moment, als sie einen weiteren Atemzug versucht. Dann schaut sie in die Kamera und direkt in Richtung des Zuschauers. Ein angestrengtes Schlucken später wird der Bildschirm dunkel. Es folgt eine Botschaft in weißer Schrift, während im Hintergrund weiter das Keuchen der Frau zu hören ist: „COVID-19 kann jeden treffen. Bleibt zu Hause. Lasst Euch testen. Bucht Eure Impfung.“

          Till Fähnders
          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Das drastische Video, das die australische Regierung in Auftrag gegeben hat, wird derzeit vor allem im Großraum Sydney gezeigt. Die Millionenmetropole hat gegenwärtig mit einer scharf ansteigenden Infektionskurve zu kämpfen. Am Montag meldete der Bundesstaat New South Wales, zu dem Sydney gehört, 112 Neuinfektionen, einen der höchsten Tageswerte bisher. Eine über 90 Jahre alte Frau, die sich im Familienkreis angesteckt hatte, starb an den Folgen von COVID-19 und ist damit das erste Todesopfer seit Beginn dieser Welle, das sich zuvor lokal infiziert hatte. Nachdem Australien dank strenger Grenzschließungen und Quarantäneregeln im vergangenen Jahr das Virus gut unter Kontrolle hatte, sorgt die ansteckendere Delta-Variante nun für Verunsicherung. Landesweit wurden seit Beginn der Pandemie bisher 31.000 Ansteckungen und 911 Todesfälle gemeldet.

          Dabei erlebt Sydney derzeit die dritte Woche in einem verschärften Lockdown, der vorerst noch einmal bis Freitag dieser Woche verlängert wurde. Die Straßen der Metropole, die auch in der Pandemie sonst belebt waren, sind jetzt wie ausgestorben, die Schulen stehen leer, die Menschen haben sich in ihren Wohnungen eingeigelt, die sie nur verlassen dürfen, um Lebensmittel einzukaufen oder einer anderen unbedingt notwendigen Tätigkeit nachzugehen. Die Ministerpräsidentin des Bundesstaates, Gladys Berejiklian, warnte die fünf Millionen Einwohner der Stadt, sie stünden „der größten Bedrohung seit Beginn der Pandemie“ gegenüber. Kein Wunder also, dass die Zentralregierung von Premierminister Scott Morrison die Zeit für eine aufrüttelnde Botschaft gekommen sieht.

          Gleichwohl hagelte es auch Kritik an dem „taktlosen“ Videoclip. Einige sahen darin eine unnötige „Angstkampagne“, die mit der Dramatisierung eines Horror-Films arbeite. Jessica Kaufman, eine australische Wissenschaftlerin, die zur Impfbereitschaft von Menschen geforscht hat, warnte gar, der Clip könnte den gegenteiligen Effekt haben, den er eigentlich auslösen sollte. Drastische Bilder wie diese schüren ihr zufolge auch die Angst vor möglichen Nebenwirkungen der Impfstoffe. Kritisiert wird auch, dass das Video eine junge Frau zeigt, um an die Impfmuffel zu appellieren. Denn für die Altersgruppe unter 40 ist es in Australien derzeit noch äußerst schwierig, den passenden Impfstoff zu bekommen.

          Australien hatte ursprünglich vor allem auf das Vakzin des Herstellers AstraZeneca gesetzt, das wegen der geringen Gefahr von Blutgerinnseln bei Menschen jüngeren Alters in Australien allerdings nur Menschen von 60 Jahren an empfohlen wird. Zwar können laut Regierungschef Scott Morrison auch Jüngere das Vakzin nach Absprache mit ihrem Hausarzt bekommen. Aber vor diesem Risiko schrecken viele zurück. Wie Morrison in einem Interview mit dem Sender „Sky News“ klarstellte, ist die Aufforderung zur Impfung aber nur ein Teil der Botschaft, die mit dem Videoclip verbreitet werden soll. Der andere ist die Mahnung, den Lockdown-Maßnahmen Folge zu leisten. Dem Premier zufolge haben sich nämlich gerade viele junge Leute in Sydney nicht an die Auflagen gehalten.

          Allerdings hat die Regierung auch ihren eigenen Teil dazu beigetragen, dass heute gerade einmal elf Prozent der Australier komplett geimpft sind, deutlich weniger als in anderen Industrieländern. Da die Zahl der Infektionen lange überschaubar geblieben war, hatte sie sich mit ihrer Impfkampagne Zeit gelassen. Letztlich hatte sie auch Pech, weil sie im Nachhinein gesehen womöglich auf die „falschen“ Vakzine gesetzt hatte. Nun erhofft sie sich diesbezüglich eine Trendwende. Pfizer/BioNTech wird laut Regierung bis Jahresende 40 Millionen Impfdosen liefern, einige davon nun früher als erwartet. Mit dem Plan, pro Woche eine Million Pfizer-Dosen zu impfen, will die Regierung ihrem Ziel näher kommen, jedem Australier bis Jahresende mindestens eine Impfung angeboten zu haben. Auch deshalb kommt die Kampagne mit dem Schreckensvideo laut Premier Morrison genau zur rechten Zeit.

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