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Strategien gegen Impfmüdigkeit : In Praxen droht Verfall von Impfdosen

  • Aktualisiert am

In Rövershagen in Mecklenburg-Vorpommern weist ein Schild auf die Möglichkeit zur Corona-Impfung ohne vorherige Terminvereinbarung hin. Bild: Bernd Wüstneck/dpa

Die Corona-Impfkampagne verliert an Fahrt. Viele wollen schlicht nicht, andere müssten besser angesprochen werden. Die Kassenärzte fordern Unternehmen auf, mehr zu tun.

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          Eine Corona-Impfmüdigkeit beobachtet die Kassenärztliche Bundesvereinigung in einigen Regionen. Insbesondere in den Impfzentren gehe die Frequenz der Impfungen deutlich nach unten.

          Kassenärzte-Chef Andreas Gassen erklärte, es gebe „eine relevante Zahl von Menschen, die sich schlicht nicht impfen lassen will“. Desinteressierte könne man „schon ein bisschen schubsen“, etwa indem Bürgertests bald für alle kostenpflichtig würden, die sich theoretisch auch impfen lassen könnten. „Impfen ist der beste Individual-Schutz“, betonte er.

          Entsorgung ungenutzter Impfstoffe

          In den Praxen besteht laut Gassen die Gefahr, dass Impfstoff weggeschmissen werden muss, weil er nur in größeren Fläschchen angeboten wird. Um ein Fläschchen voll zu nutzen, müssten in kurzer Zeit sechs Impfpatienten kommen. Das sei aber immer seltener der Fall. „Wichtig wäre, dass die Industrie diesen Impfstoff in Einzeldosen anbietet“, sagte Gassen deshalb. „Sonst wird es zum Verfall von Impfdosen kommen.“

          Auch ein Teil der Impfdosen von Astrazeneca und Johnson & Johnson, die derzeit schwerer vermittelbar seien, müssten vielleicht entsorgt werden. „Damit wird man leben müssen.“

          Derzeit haben mehr als 60 Prozent der Menschen in Deutschland mindestens eine Impfdosis gegen die Krankheit Covid-19 erhalten. Fast 50 Prozent sind bereits vollständig geimpft.

          Jeder fünfte Impftermin in Hessen nicht wahrgenommen

          In den hessischen Impfzentren wurden zuletzt vermehrt vereinbarte Impfermine nicht wahrgenommen. Die durchschnittliche Quote lag jüngst bei rund 20 Prozent nicht wahrgenommener Termine, teilte das Innenministerium in Wiesbaden mit.

          Dennoch habe in der Regel kein Impfstoff aufgrund des kurzfristigen Nicht-Erscheinens der Bürgern ungenutzt entsorgt werden müssen. Es würden vor Ort in den Zentren nur so viele Injektionsfläschchen vorbereitet, wie auch perspektivisch tatsächlich genutzt werden können. Fälle von Impfstoffvernichtung aufgrund überzähliger Dosen, die nicht geimpft werden konnten, seien dem Land aktuell nicht bekannt. Bislang hätten in den Impfzentren Dosen nur in Einzelfällen nicht genutzt werden können. Hintergrund waren den Angaben zufolge hauptsächlich verunreinigte Chargen.

          Um das Impftempo wieder zu erhöhen, werden in den Impfzentren derzeit verstärkt Sonderimpfaktionen durchgeführt. Es werde beispielsweise in Gießen Studierenden an der Universität oder in Frankfurt Fußballfans vor dem Stadion ein Angebot unterbreitet.

          Bremen hat Impfstraßen für Kinder

          Das Bundesland Bremen bietet nach Worten von Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) verstärkt Corona-Impfungen für Kinder an. Es akzeptiere die Empfehlung der Ständigen Impfkommission, dass bei Kindern das Risiko einer schweren Erkrankung gering und eine Impfung deshalb nicht nötig sei. Das sagte Bovenschulte der Zeitung Augsburger Allgemeine. „Auf der anderen Seite sind viele Eltern sehr verunsichert. Sie wünschen sich eine Impfung für ihre Kinder.“ Ihnen werde ein Angebot gemacht: „Dafür bauen wir in unseren Zentren eigens eine Impfstraße mit Kinder- und Jugendärzten auf. Da werden die Eltern dann ausführlich beraten.“

          Den Erfolg der Bremer Impfkampagne führte der Bürgermeister auf die großen Impfzentren zurück, die mit der örtlichen Wirtschaft und Hilfswerken betrieben werden. „In unserem Call-Center landen die allermeisten Anruferinnen und Anrufer nicht mal in der Warteschleife, sondern werden direkt durchgestellt.“ Im kleinsten Bundesland sind fast 70 Prozent der Bevölkerung einmal geimpft, 53,5 Prozent haben nach Stand vom Mittwoch den vollen Impfschutz.

          Unternehmen und Unis sollen für mehr Impfungen sorgen

          Von großen Unternehmen und Universitäten forderte die Kassenärztliche Bundesvereinigung bei der Impfkampagne mehr Engagement. „Große Arbeitgeber können noch stärker eingreifen, genau wie die Universitäten, wenn die Semester wieder losgehen“, sagte Vize-Chef Stephan Hofmeister. „Das halten wir für geeigneter, als mit dem Impfbus abends vor der Disco zu stehen.“

          Auffrischungsimpfungen im Herbst seien nur für Über-75-Jährige nötig und für chronisch Kranke mit Medikamenten, die das Immunsystem unterdrücken. „Gesunde 20- bis 60-Jährige dagegen sind dieses Jahr noch sicher“, sagte Hofmeister.

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          Eine britische Studie bestätigt eine hohe Wirksamkeit der Impfstoffe von BioNTech/Pfizer und AstraZeneca gegen die hochgradig übertragbare Delta-Variante des Coronavirus. Je zwei Dosen der Impfstoffe seien gegen die DeltaVariante fast genauso wirksam wie gegen die bisher dominierende Alpha-Variante, heißt es in der im New England Journal of Medicine veröffentlichten Untersuchung.

          Demnach sind zwei Impfungen mit BioNTech/Pfizer 88 Prozent wirksam, um eine symptomatische Erkrankung durch die Delta-Variante zu verhindern, verglichen mit 93,7 Prozent gegen die Alpha-Variante. Die Zweifachimpfung mit AstraZeneca schützt zu 67 Prozent wirksam gegen die Delta-Variante, verglichen mit 74,5 Prozent gegen die Alpha-Variante.

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