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Weiter Debatte über Impfmüde : Mehr als die Hälfte der Bevölkerung vollständig geimpft

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Impfen, impfen, impfen: mobiles Impfzentrum in einem Zelt im Rathaus in Markkleeberg Bild: dpa

Deutschland hat eine wichtige Etappe in der Impfkampagne erreicht. Dennoch bleibt die Frage, wie Impfmüde motiviert werden können.

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          Zuletzt ging die Impfkampagne schleppend voran, eine neue wichtige Marke hat Deutschland nun aber erreicht: Mehr als die Hälfte der Menschen hierzulande hat den vollständigen Impfschutz gegen das Coronavirus. 50,2 Prozent der Bürgerinnen und Bürger hätten den vollen Schutz, teilte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Mittwoch im Kurzbotschaftendienst Twitter mit. Zudem sind demnach 61,1 Prozent mindestens einmal geimpft.

          Bremen hat bei den Vollständiggeimpften mit 58,3 Prozent die Nase vorn. Es folgen das Saarland (54 Prozent) und Schleswig-Holstein (52,9 Prozent). Auf den drei letzten Plätzen rangieren Brandenburg (47,5 Prozent), Hamburg (47,1 Prozent) und Sachsen (46,1 Prozent). Auch bei den Erstimpfungen liegen die drei Spitzenreiter vorn: Bremen (70,1 Prozent), Saarland (66,9 Prozent), Schleswig-Holstein (65 Prozent). Die drei Schlusslichter sind Brandenburg (55,4 Prozent), Thüringen (55,3) und Sachsen (51,8 Prozent).

          Angesichts der steigenden Corona-Infektionszahlen bei gleichzeitig nachlassendem Impftempo häufen sich Vorschläge und Appelle aus Politik und Medizin. Im Mittelpunkt steht die Frage, welche Gruppen noch erreicht oder einbezogen werden müssten, um die Impfquote auf freiwilliger Basis zu steigern.

          „Eine Frage der Generationengerechtigkeit“

          Einer generellen Impfpflicht erteilte Saarlands Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) eine Absage, forderte zugleich aber mehr Solidarität älterer Menschen mit der jungen Generation. Eine unterschiedliche Behandlung von Geimpften und Nichtgeimpften hält er für möglich.

          „Eine hohe Impfquote ist eine wichtige Voraussetzung zur Rückkehr in ein weitgehend wieder normales Alltagsleben. Wer daher unbegründet eine Impfung verweigert, riskiert im Herbst und Winter eine vierte Welle“, sagte Hans der Rheinischen Post. „Es ist auch eine Frage der Generationengerechtigkeit. Viele Kinder und Jugendliche haben in den letzten Jahren erhebliche Einschränkungen auf sich genommen, um die Älteren zu schützen. Jetzt gilt es Solidarität zu zeigen mit den Jungen. Jeder geimpfte Erwachsene schützt diejenigen, die sich noch nicht impfen lassen können“, sagte Hans.

          Wenn allen ein Impfangebot gemacht wurde, müsse alles dafür getan werden, dass Geimpfte und Genesene wieder möglichst rasch alle Freiheitsrechte zurückbekämen. „Schließlich geht von ihnen eine wesentlich geringere Ansteckungsgefahr aus als von Nicht-Geimpften“, sagte Hans.

          Migranten besser erreichen – nicht nur auf Deutsch

          Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz (CDU), fordert besser auf Menschen mit Migrationsgeschichte zugeschnittene Impfangebote. „Nötig ist ein mehrsprachiges und aufsuchendes Informations- und Impfangebot vor Ort“, sagte sie der Rheinischen Post. „Es gibt gute Beispiele in den Kommunen, von Corona-Lotsen, die vor Ort aufklären, über Info-Busse und Lautsprecherwagen bis hin zu mobilen Impfstationen. Diese Beispiele müssen jetzt lokal und kommunal Schule machen.“

          „Jeder Vierte hat in Deutschland eine Einwanderungsgeschichte, die meisten erreichen wir über deutschsprachige Medien, aber für Menschen, deren Deutschkenntnisse gering sind, brauchen wir andere Kanäle“, argumentierte Widmann-Mauz.

          Mehr Präsenz in sozialen Brennpunkten

          Der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, forderte angesichts der schleppenden Impfkampagne mehr Einsatz in sozialen Brennpunkten. „Gerade um sozial schwächere Gruppen zu erreichen, müssen wir direkt vor Ort, in den sozialen Brennpunkten, präsent sein“, sagte er der Rheinischen Post. Seiner Überzeugung nach sind die meisten Ungeimpften keine radikalen Impfgegner. „Viele haben sich bislang mit dem Thema noch nicht ernsthaft auseinander gesetzt oder sie schieben diese Entscheidung vor sich her“, sagte Reinhardt. „Da hilft nur konsequente Aufklärung.“

          Entsprechend argumentierte auch der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, Ulrich Schneider, gegenüber der Funke Mediengruppe und ergänzte: „In die Wohnviertel, in die Pfarrgemeinden, in die Moscheegemeinden, in Vereine und Kulturclubs von migrantischen Communities. Überall dorthin, wo die Impfquoten nicht so hoch sind.“

          Auch Kinder ab zwölf Jahren impfen

          Die deutschen Amtsärztinnen und -ärzte sind dafür, auch alle Kinder ab zwölf Jahren zu impfen. „Wenn die Vakzine getestet, geprüft und zugelassen sind, sehe ich keinen Grund, sie nicht zur Impfung zu empfehlen, auch für Jüngere“, sagte die Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte im Öffentlichen Gesundheitsdienst, Ute Teichert, den Zeitungen der Funke Mediengruppe vom Mittwoch.

          „Das wird sich bald in die noch jüngeren Gruppen verschieben. Warum sollten wir diese Altersgruppen nicht vor Corona schützen?“, gab Teichert zu bedenken. „Zumal die Jungen viele Kontakte haben. Da ist es doch sinnvoll, sie zu impfen.“ In Deutschland ist der Corona-Impfstoff von BioNTech/Pfizer für Kinder ab zwölf Jahren zugelassen. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt die Immunisierung bisher aber nur für junge Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen.

          Derzeit hätten die Behörden die Pandemie noch im Griff, aber bei stark steigenden Inzidenzen könne sich das rasch ändern, sagte die Verbandsvorsitzende. „Es besteht die Gefahr, dass wir in ähnlich hohe Inzidenzen hineinlaufen wie im letzten Jahr – auch wenn die Hälfte der Bevölkerung mittlerweile vollständig geimpft und die Hospitalisierungsrate noch gering ist.“

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