https://www.faz.net/-guw-aeyhi

Kinderimpfung : Werden auch die Kleinsten bald vor Corona geschützt?

Bald soll es so weit sein: Auch Kinder unter zwölf Jahren sollen Impfschutz gegen das Coronavirus bekommen. Bild: Picture-Alliance

Noch gibt es für Kinder unter zwölf Jahren keine zugelassene Impfung gegen das Coronavirus. Das könnte sich aber bald ändern. Und es gibt sogar Kinderärzte, die bereits jetzt Kinder unter zwölf impfen – ohne Zulassung.

          4 Min.

          Gibt es schon einen Covid-19-Impfstoff, der Kinder unter zwölf Jahren gegeben werden kann?

          Eva Schläfer
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
          Lucia Schmidt
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nein, noch ist kein Impfstoff für Kinder unter zwölf Jahren entwickelt und zugelassen, aber die gute Nachricht ist: Zumindest die Hersteller BioNTech/Pfizer und Mo­derna arbeiten mit Hochdruck daran, dass auch die Kleinsten bald durch einen Piks geschützt werden können.

          Wann kommt ein zugelassener Impfstoff?

          BioNTech/Pfizer wie Moderna haben wohl schon vor Monaten begonnen, Studien auch an jüngeren Kindern durchzuführen – genaugenommen bei Kindern im Alter von sechs Monaten bis elf Jahren. Von Pfizer und BioNTech heißt es, sie erwarten, dass die endgültigen Ergebnisse sehr bald, bis September, vorliegen werden. Je nachdem, was diese zeigten, könnte es schon rasch „zu einer Notfallzulassung in den USA oder einer Änderung der bedingten Marktzulassung in der EU“ kommen. Das allerdings gilt nur für Kinder im Alter von zwei bis elf Jahren. Zuverlässige Daten für Kinder unter zwei Jahren wird es voraussichtlich erst Ende des Jahres geben. Von Moderna gibt es bisher keine genauen Zeitangaben, wann mit Daten zu rechnen ist.

          Handelt es sich um andere Impfstoffe oder nur andere Dosierungen?

          Es handelt sich um dieselben mRNA-Impfstoffe, die auch Erwachsene bekommen; allerdings muss die Dosierung an die Körpergröße und das Immunsystem jüngerer Kinder angepasst werden. Und Kind ist nicht gleich Kind. Deshalb gibt es innerhalb dieser Altersgruppe auch drei verschiedene Aufteilungen (sechs Monate bis zwei Jahre/zwei bis unter fünf Jahre/ fünf bis zwölf Jahre).

          Rolf Hömke vom Verband Forschender Arzneimittelhersteller sagt: „Die Unternehmen rechnen zuerst – auf Basis von Erfahrungswerten – aus, welche Dosis für Kinder in diesem Altersabschnitt passen könnte. Das heißt, welche Menge ruft eine ausreichende Immunreaktion hervor und verursacht gleichzeitig keine unnötig schweren Nebenwirkungen. Dann werden diese Dosierung und eine etwas höhere und eine etwas niedrigere mit sehr wenigen Probanden getestet. Nachdem die beste Dosierung ermittelt ist, werden in weiteren Studienphasen damit noch mehr Probanden geimpft.“ Im Fall von BioNTech/Pfizer nehmen an der Studie amerikanische, finnische, spanische und polnische medizinische Einrichtungen teil.

          Bekommen Kinder auch zwei Dosen?

          Solange keine Daten vorliegen, kann man dazu nicht viel sagen. Aber sehr wahrscheinlich wird es so kommen. Fast alle Impfstoffe müssen mindestens zweimal gegeben werden, damit sie gut wirken. Das hat mit der Funktionsweise und den Abwehrmechanismen des Immunsystems zu tun.

          Warum dauert es so viel länger, eine Impfstoffdosierung für Kinder zu finden?

          So viel länger dauert es gar nicht. Man hat nur einfach später damit begonnen, Kinder überhaupt in die Studien aufzunehmen. „Erst dann, wenn für gesunde Erwachsene aussagekräftige Daten zur Sicherheit und Wirksamkeit eines Impfstoffs vorliegen, beginnt man schrittweise mit den klinischen Prüfungen bei den vulnerablen Gruppen, zuerst bei Jugendlichen und schließlich bei Kindern“, sagt Klaus Cichutek, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts. Kinder stehen in unserer Gesellschaft unter einem besonderen Schutz und sollen bei medizinischen Maßnahmen so wenigen Belastungen ausgesetzt werden wie möglich. Deshalb muss man mit klinischen Studien bei Kindern sehr vorsichtig sein, so dass diese für Unternehmen deshalb aufwendiger sind.

          Außerdem braucht man Freiwillige, also Eltern, die ihre Kinder in die Studien einbeziehen lassen. Solche zu finden ist verständlicherweise häufig schwieriger, als wenn Erwachsene nur für sich selbst entscheiden müssen. „Speziell bei der Covid-Impfung kam noch hinzu, dass die amerikanische Arzneimittelbehörde mittlerweile mehr Studienteilnehmer verlangt als ursprünglich, was wiederum die Studiendauer verlängern kann“, sagt Hömke.

          Gibt es Kinderärzte, die ohne Zulassung bereits Kinder unter zwölf impfen?

          Das ist der Eindruck, wenn man sich unter Freunden und Bekannten umhört. Und auch Jakob Maske, Kinderarzt aus Berlin und Pressesprecher des Bundesverbands der Kinder- und Jugendärzte, sagt: „Wir wissen, dass es offenbar eine Reihe Ärzte gibt, die Kinder unter zwölf Jahren auch jetzt schon impfen und die unglücklich sind, dass sie das Off-Label machen müssen.“ Von „Off-Label-Use“ spricht man, wenn Arzneimittel außerhalb des zugelassenen Anwendungsbereichs oder der zugelassenen Patientengruppe verabreicht werden.

          Ist die Gabe von Off-Label-Medikamenten überhaupt legal?

          Ja, das ist sie. Es gibt, so erläutert Maske, einige Medikamente, die Kinder Off-Label bekommen, weil keine alternativen Präparate existieren und die Kinder sonst sterben würden. Das betrifft zum Beispiel Herzmedikamente bei schweren Herzfehlern. Maske sagt aber auch: „Das sind natürlich ganz andere Voraussetzungen, die wir bei der Corona-Infektion nicht haben. Schwere Verläufe oder Komplikationen sind bei Kindern ja extrem selten.“

          Welche Gründe sprechen gegen eine Impfung ohne Zulassung?

          Da die Zulassungsstudie bei BioNTech/Pfizer noch nicht zu Ende geführt ist, kann man laut Kinderarzt Maske noch nichts zur richtigen Dosis an Impfstoff sagen oder ob Kinder tatsächlich die benötigte Menge an Antikörpern aufbauen, die sie für einen ausreichenden Schutz benötigen. Klaus Cichutek vom Paul-Ehrlich-Institut sagt: „Kinder sind keine kleinen Erwachsenen.“ Daher könnten Vorgaben für die eine Gruppe nicht einfach auf die andere Gruppe übertragen werden. Für Eltern in der Risiko-Nutzen-Abwägung gilt: Das Risiko für junge Kinder, schwer zu erkranken, liegt nahezu bei null.

          Wer haftet, wenn nach einer Impfung ohne ­zugelassenen Impfstoff eine schwere Nebenwirkung auftreten sollte?

          Der Arzt. Jörg Heynemann, Fachanwalt für Medizinrecht, weist darauf hin, dass Mediziner auch durch ein ausführliches Aufklärungsgespräch die Haftung nicht an die Eltern abgeben: „Das Risiko liegt beim Arzt – beziehungsweise bei seiner Haftpflichtversicherung.“

          Wird es dieses Jahr noch eine STIKO-Empfehlung für die Impfung der unter Zwölfjährigen geben?

          Das kann sich Jakob Maske nicht vorstellen: „Eine Datenlage zu bekommen, die eindeutige Antworten erlaubt, ist natürlich schwieriger, je weniger geimpfte Kinder es gibt. Und wenn das Risiko der Erkrankung auch noch immer geringer wird, je jünger die Kinder sind, dann wird die Frage sein, ob es überhaupt eine Empfehlung gibt.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Tankstelle in Marseilles, Südfrankreich: Die französische Regierung will einige Mitbürgerinnen und Mitbürger nun durch ein Energiegeld entlasten.

          Benzinpreise : Hilfe auch für deutsche Autofahrer?

          Paris macht es vor: Die Regierung federt die steigenden Strompreise mit einem Energiegeld ab. Auch in Deutschland steigt der Unmut wie die Spritpreise. Wie reagiert Berlin?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.