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Corona-Krise im Elsass : „Wir sind unendlich dankbar für die Hilfe aus Deutschland“

Ein mit dem Coronavirus infizierter Patient wird in einem deutschem Militärflugzeug von Straßburg nach Ulm verlegt. Bild: Reuters

Im Elsass ist das Schlimmste der Corona-Krise noch nicht überstanden. Viele Kliniken stehen vor dem Kollaps. Umso wichtiger ist für den Regionalratspräsidenten Jean Rottner die Unterstützung Deutschlands.

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          Haben Sie Hoffnung, dass das Schlimmste im Elsass überstanden ist?

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Nein, leider steigt die Zahl der Schwerkranken unerlässlich. Viele bleiben so lange zu Hause, bis es gar nicht mehr geht. Das ist eine große Herausforderung für die Krankenhäuser. Inzwischen erstreckt sich das Epizentrum vom Elsass bis nach Lothringen und in die Champagne. Viele Krankenhäuser stehen vor dem Kollaps. Deshalb sind wir unendlich dankbar für die schnelle und unbürokratische Hilfe aus Deutschland. Nach Baden-Württemberg, dem Saarland und Rheinland-Pfalz haben auch Hessen, Nordrhein-Westfalen und Berlin Covid-19-Patienten aus unseren Krankenhäusern aufgenommen. Die französische Luftwaffe hat am Samstag eine Luftbrücke von Metz nach Essen organisiert.

          Auch die Bundeswehr ist im Einsatz.

          Dank der guten Absprache zwischen den beiden Verteidigungsministerinnen hat am Sonntag ein moderner medizinischer Airbus-400M der Bundeswehr Intensivpatienten aus Straßburg ins Bundeswehrkrankenhaus nach Ulm gebracht. Die Solidarität ist beeindruckend! Die Bewohner der Region Grand Est werden diese nachbarschaftliche Hilfe nie vergessen. Luxemburg und die Schweiz helfen ebenfalls.

          Der ostfranzösische Regionalratspräsident Jean Rottner.

          Hat es im Elsass nicht Kritik an Entscheidungen Deutschlands gegeben?

          Ja, es gab Irritationen. Viele waren vor den Kopf gestoßen, als das Robert-Koch-Institut ohne Vorwarnung unsere gesamte Großregion, die bis vor die Tore der Hauptstadtregion reicht, zum Hochrisikogebiet erklärte. Auch die schnelle Grenzschließung hat viele Grenzgänger überrumpelt. Aber das Besondere an der deutsch-französischen Kooperation ist ja, dass wir uns nicht gekränkt zurückziehen, sondern konstruktiv an gemeinsamen Lösungen arbeiten.

          Für die Berufspendler wurden schnell Regelungen gefunden. Ich spreche mich jeden Tag im Krisenstab mit den drei benachbarten Bundesländern ab. Wir leisten gerade Pionierarbeit in der grenznahen Zusammenarbeit. Das ist genau der Geist des Aachener Vertrages. In dieser Notsituation gehen wir schneller und weiter als gedacht mit der Kooperation im Gesundheitswesen voran.

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          Sie sind Notarzt, wie erklären Sie sich die dramatische Situation im Osten Frankreichs? Wurde die Bevölkerung zu spät gewarnt?

          Den Ausgangspunkt für die hochintensive Ansteckungswelle bildete das Fastentreffen der evangelischen Freikirche „La Porte Ouverte“ in Mülhausen mit mehr als 2500 Besuchern Mitte Februar. Eine Woche lang verbrachten die Teilnehmer auf engstem Raum in Gebet und Gesang miteinander. Ein so intensiver Virenaustausch ist ungewöhnlich. Leider führte die Freikirche keine Teilnehmerliste, es galt das Prinzip der „Offenen Tür“. Die Gesundheitsbehörden haben alles versucht, die Ansteckungsketten zu verfolgen, die bis nach Korsika, Französisch-Guyana, nach Deutschland und in die Schweiz reichen. Aber das Virus war schneller. Das erklärt den exponentiellen Ausbruch bei uns.

          Sie haben sich in Selbstisolierung begeben, weil Sie befürchten, sich angesteckt zu haben. Hat die Regierung beim Schutz der Bevölkerung versagt, wie es jetzt häufiger zu hören ist?

          Nein, jetzt ist wirklich nicht die Zeit für Schuldzuweisungen. Ich arbeite natürlich weiter von zu Hause. Wir müssen mit aller Energie schnelle Lösungen finden, deshalb ist der pragmatische deutsche Ansatz so hilfreich. Die französische Regierung tut alles, was sie kann. Ein weiterer Sanitätshochgeschwindigkeitszug hat Nancy und Metz verlassen, um Patienten in Krankenhäuser nach Nantes und Bordeaux zu bringen, die weniger überlastet sind. Die Armee hat ein Feldlazarett am Krankenhaus von Mülhausen aufgebaut. Alle Regionen helfen. Die Erkrankungswelle trifft ja mit Verzögerung die verschiedenen Gebiete. Jetzt droht im Großraum Paris die Überlastung. Gerade deshalb ist eine gute europäische Koordinierung so wichtig.

          Wann erlauben Sie sich wieder, an ein Ende der Epidemie zu denken?

          Der Exit muss schon jetzt vorbereitet werden. Deutschland hat einen vielversprechenden Weg eingeschlagen mit flächendeckenden Tests, einer großen Versorgungsdichte mit Intensivbetten und besonderem Schutz für Risikogruppen. An diesem Vorbild werden wir uns orientieren. Präsident Emmanuel Macron hat schon angekündigt, dass unsere Testkapazitäten kontinuierlich ausgebaut werden sollen.

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