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Ansteckung im Skigebiet : Warum die Après-Ski-Party in Ischgl viel zu lang ging

Vergangene Woche in Ischgl: Mittlerweile steht der Ort unter Quarantäne. Bild: dpa

Auch nach den ersten positiven Tests ging der Ski- und Après-Ski-Betrieb ungebremst weiter: In Ischgl haben sich nachweislich viele Touristen mit dem Coronavirus angesteckt – hunderte Skandinavier. Die Chronik eines Versagens.

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          Dass Ischgl ein heißer Fleck ist, war schon lange bekannt, besonders unter den Freunden eines intensiven Après-Ski. Nicht von ungefähr genießt der Tiroler Ort den Ruf, er sei der „Ballermann der Berge“. Jetzt ist Ischgl sogar in aller Welt als Hotspot bekanntgeworden, aber in einem anderen Sinne. Denn dort haben sich nachweislich viele Touristen mit dem Coronavirus angesteckt. Das ist an sich nicht überraschend: Im Skitourismus stehen viele Fremde eng zusammen, nicht nur beim Après-Ski, sondern auch in der Schlange vorm Lift oder auf der Hütte, und die Fluktuation von Woche zu Woche ist hoch.

          Stephan Löwenstein

          Politischer Korrespondent mit Sitz in Wien.

          Aber dass die Betriebe am Ort und die Behörden in Tirol auf die Situation nur zögerlich reagiert haben, bringt sie nun zunehmend in die Kritik. Der Umgang der Verantwortlichen mit dieser Kritik ist wie aus dem Lehrbuch entnommen: Wie man es nicht machen soll. Am 5. März haben die Tiroler Behörden erstmals erfahren, dass 15 Gäste aus Island positiv auf das Coronavirus getestet worden seien, nachdem sie in dem österreichischen Bundesland Skiferien gemacht hatten.

          Die Behörden gingen aber davon aus, dass die Ansteckung auf der Rückreise am 29. Februar im Flugzeug erfolgt sei, denn darin saß ein weiterer Corona-Kranker, der zuvor in Italien gewesen war. Island hatte allerdings andere Schlüsse gezogen: Noch am 5. März wurde Tirol in einer Reisewarnung zum Risikogebiet erklärt.

          Pannen bei der Abrieglung

          In Tirol ließ man es etwas gemütlicher angehen. Am 7. März wurde ein Barkeeper einer Après-Ski-Bar Corona-positiv getestet. Dort hatten auch die erkrankten Isländer verkehrt. Es ist eine jener Kneipen, in denen die Gäste nach dem Skilaufen dicht an dicht stehen. Noch am 8. März ließ sich eine Beamtin der Landessanitätsdirektion so zitieren: „Eine Übertragung des Coronavirus auf Gäste der Bar ist aus medizinischer Sicht eher unwahrscheinlich.“ Am 9. März wurde die Bar dann doch geschlossen. Tags darauf wurden alle Après-Ski-Lokale in Ischgl geschlossen, wiederum einen Tag später hieß es dann, dass das Skigebiet Ischgl für zwei Wochen gesperrt werde.

          Am 12. März teilte Landeshauptmann Günther Platter mit, dass die Skisaison in Tirol vorzeitig beendet werde – aber erst am 15. März. Bis vergangenen Sonntag tummelten sich also immer noch Skifahrer auf Tiroler Pisten, wenn es auch nicht mehr sehr viele waren.

          Die vorläufige Corona-Bilanz: Alleine in Ischgl sollen sich, neben den Isländern, hundert Dänen und 377 Norweger angesteckt haben. Anders als bei den Skandinaviern sind aus Deutschland keine Zahlen in Bezug auf den Ort oder das Land bekanntgeworden, doch Tirol ist auch hier ein beliebtes Wintersportziel. Das Paznauntal, in dem Ischgl liegt, und St. Anton wurden vergangen Freitag abgeriegelt, die Touristen zur Ausreise veranlasst. Allerdings sind dabei weitere Pannen passiert.

          Die Touristen hatten zu unterschreiben, dass sie unverzüglich ausreisen würden – viele waren aber mit dem Flugzeug gekommen und mussten auf ihren Flug am Samstag warten. Laut Berichten schliefen Hunderte, die aus dem Hochrisikogebiet kamen, in der Landeshauptstadt Innsbruck in Hotels, andere sollen in Lech am Arlberg untergekommen sein. Und auch Hotels in München, dessen Flughafen von Tirol-Reisenden gerne genutzt wird, dürften einige der eigentlich quarantänepflichtigen Abreisenden gesehen haben.

          Pistenbetrieb trotz Schulschließungen

          Landeshauptmann Platter und sein für Gesundheit zuständiger Landesrat Bernhard Tilg, beide Politiker der ÖVP von Bundeskanzler Sebastian Kurz, stehen inzwischen in heftiger Kritik – nicht nur seitens der Tiroler Opposition. Ihr Problem ist nicht nur das Krisenmanagement, sondern auch die Kommunikation.

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          Platter hatte die Parole ausgegeben: Wir haben alles richtig gemacht. Mit dieser Marschroute wurde sein bemitleidenswerter Gesundheitslandesrat in die ORF-Hauptnachrichtensendung am Montagabend geschickt. Dort hatte Tilg den bohrenden Fragen des Interviewers außer diesem Satz nichts zu entgegnen.

          Mag das linkische Auftreten der dortigen Verantwortlichen das Augenmerk auf Tirol ziehen: Auch in anderen österreichischen Bundesländern herrschte noch am vergangenen Sonntag Pistenbetrieb – fast eine Woche nachdem die Schließung der Schulen in ganz Österreich verkündet worden waren. Fragen wird man sich also auch dort stellen müssen. Unterdessen hat nicht nur das österreichische Bundesheer die Dienstzeit für Wehrpflichtige um zwei Monate verlängert und Reservisten mobilisiert, es wurden auch ehemalige Zivildienstleistende zum Hilfseinsatz aufgefordert.

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