https://www.faz.net/-guw-9y1pk

Corona-Pandemie : RKI-Chef Wieler warnt vor leichtfertigem Verhalten

  • Aktualisiert am

RKI-Chef Lothar Wieler Bild: Reuters

Noch zu wenige Menschen nähmen das Risiko der Corona-Pandemie ernst, warnt der Präsident der Robert-Koch-Instituts – gleichwohl steige das Bewusstsein für die Gefährlichkeit des Virus. Für eine Mundschutzpflicht in Supermärkten sieht er keine Notwendigkeit.

          2 Min.

          Der Präsident des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, warnt vor leichtfertigem Verhalten in der Corona-Krise. Unter Berufung auf eine Studie der Universität Erfurt sagte er: „Rund 90 Prozent wissen, dass sie zu Hause bleiben sollen, wenn sie krank sind, aber lediglich 77 Prozent tun es auch.“ Auch ältere Menschen, die häufiger an einer Infektion sterben, würden oft Kinder betreuen und das Risiko unterschätzen. Wieler appellierte zudem an die Arbeitnehmer, das Virus nicht zu verbreiten: „Wer krank ist und zur Arbeit geht, der erhöht natürlich das Risiko, dass er andere ansteckt.“

          Gleichwohl steige allmählich das Bewusstsein für die Gefährlichkeit von Covid-19. 41 Prozent der Deutschen halten laut der Studie das Virus für gefährlich, ein knappes Drittel hat keine klare Meinung. In der Vorwoche hätten nur 34 Prozent der Befragten das Risiko ernst genommen. „Das Ausbruchsgeschehen wird insgesamt von vielen immer noch eher als ein Medienhype wahrgenommen, die Tendenz sinkt allerdings kontinuierlich.“

          Für eine Mundschutzpflicht in Supermärkten wie in Jena oder in Österreich sieht Wieler keine Notwendigkeit. Bei Infizierten sei das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes sicherlich „sinnvoll“, um andere Menschen vor einer Ansteckung zu schützen. Auch ein selbst hergestellter Mundschutz halte Tröpfchen beim Husten und Niesen zurück (lesen Sie hier eine Anleitung, wie man einen Mundschutz selbst näht), die das Virus übertragen könnten. Unterschieden werden müsse aber zwischen einem Mund-Nasen-Schutz und Spezialmasken wie FFP2, die „wirklich Viren abhalten“ und vor allem von medizinischem und Pflegepersonal getragen werden müssten, um sich optimal zu schützen, sagte Wieler.

          61.913 Menschen in Deutschland infiziert

          Auf die Frage, ob die Kurve der Infektionen in Deutschland angesichts der einschneidenden Maßnahmen im öffentlichen Leben wie Kontaktverboten und Ausgangsbeschränkungen abflache, bekräftigte der RKI-Chef, er sei weiterhin optimistisch. Es solle aber abgewartet werden, wie sich die Zahlen bis Ostern entwickelten.

          Das RKI gab die Zahl der in Deutschland mit dem Coronavirus infizierten Menschen am Dienstag mit 61.913 an – ein Plus von 4615 seit dem Vortag. Die in der amerikanischen Stadt Baltimore ansässige Johns-Hopkins-Universität (JHU) meldete 67.051 Infizierte. Das RKI, das nur die elektronisch übermittelten Zahlen aus den Bundesländern berücksichtigt, registrierte bislang 583 Todesfälle, die JHU 650 Tote.

          Die Online-Flatrate: F+
          FAZ.NET komplett

          Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln. Bleiben Sie umfassend informiert, für nur 2,95 € pro Woche.

          Jetzt 30 Tage kostenfrei testen

          Im Moment liege die Rate bei 0,8 Prozent, sagte Wieler. „Die Meldungen haben aber einen Zeitverzug. Die Menschen sterben erst nach einem gewissen Krankheitsverlauf“, erläuterte er. „Wir haben jetzt ja auch leider Fälle in Pflege- und Altenheimen. Wir müssen leider davon ausgehen, dass die Sterberate damit ansteigen wird.“ Die aus den erfassten Fällen errechnete Sterberate liegt in Deutschland bisher deutlich niedriger als in der Europäischen Union insgesamt mit etwa 7,6 Prozent. Den Grund für die momentan noch moderate Quote sieht Wieler in frühen und vielen Tests. Deshalb seien in Deutschland auch viele leichte Fälle registriert, die nicht zum Tod führten. Bislang liege das Durchschnittsalter der Infizierten bei 47 Jahren, pro Woche würden rund 350.000 Menschen in Deutschland getestet. Mehr sei im Moment mit herkömmlichen Tests nicht möglich.

          Neben einer schweren Lungenentzündung kann der Erreger Sars-CoV-2 offensichtlich auch Herzschäden verursachen. Bei einem Teil der Patienten komme es zu Herzmuskelentzündungen, sagte Wieler mit Blick auf Berichte aus Italien. Es gebe Hinweise, dass das Virus diese Entzündung hervorrufe.

          Auch die Deutsche Herzstiftung und der Berufsverband Deutscher Internisten verwiesen bereits darauf, dass die Infektion für Menschen etwa mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit einem höheren Sterblichkeits- und Komplikationsrisiko verbunden sei. Generell stellten bakterielle oder virale Infektionen eine zusätzliche Belastung für das Herz-Kreislauf-System dar. Diese Zusatzarbeit könne ein durch Erkrankung geschwächtes Herz überfordern.

          Lesen Sie hier ein ausführliches Interview mit dem RKI-Chef Wieler: „Wir müssen damit rechnen, dass die Kapazitäten nicht reichen“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Bewohner des dicht besiedelten Viertels Hillbrow in Johannesburg, Südafrika

          Bevölkerungswachstum : Afrikas demographisches Dilemma

          Bis zum Ende des Jahrhunderts leben elf Milliarden Menschen auf der Erde. Vor allem in Afrika steigt die Zahl. Was bedeutet das für den Kontinent und seinen Nachbarn Europa – auch im Hinblick auf das Coronavirus?
          Canal d’amour: In der romantisch wirkenden Felsbucht auf Korfu ist noch Platz für Gäste.

          Tourismus im Corona-Sommer : Die Schicksalssaison

          Volle deutsche Küstenorte, aber leere Stadthotels und gekürzte Flugpläne ans Mittelmeer – im Sommer nach dem Corona-Stillstand erholt sich der Tourismus nur mancherorts. Ein Überblick.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.