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Corona-Epidemie in Frankreich : „Wir hätten alles stoppen sollen“

Harsche Vorwürfe gegen Macron: frühere französische Gesundheitsministerin Agnes Buzyn Bild: EPA

Die frühere Gesundheitsministerin Agnès Buzyn erhitzt mit einem Interview die Gemüter der Franzosen: Hat Präsident Macron die Gefahren einer tödlichen Covid-19-Epidemie wissentlich heruntergespielt?

          1 Min.

          Es ist ein Geständnis, das just zur Einführung der Ausgangssperre in Frankreich allenthalten zu Empörung führt. Agnès Buzyn, die als Ministerin bis Mitte Februar für das französische Gesundheitswesen zuständig war, sagte, sie habe die „schwerste Gesundheitskrise seit einem Jahrhundert“ schon im Januar kommen sehen. Sie habe den Präsidenten und den Premierminister gewarnt, „vergeblich“, wie sie unter Tränen einer Reporterin der Zeitung „Le Monde“ gesteht.

          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Buzyn ist ein politischer Quereinsteiger, jahrzehntelang wirkte sie als Ärztin im Pariser Kinderkrankenhaus Necker. Sie flößte den Franzosen Vertrauen ein, am 24. Januar sagte sie, „das Risiko einer Ausbreitung des Coronavirus in der Bevölkerung ist sehr gering.“ Jetzt bereut sie diese Worte, „ich hätte sie nie aussprechen sollen“, sagte sie. Am 30. Januar will sie Premierminister Edouard Philippe gewarnt haben, dass es angesichts der Covid-19-Epidemie nicht möglich sein werde, Kommunalwahlen abzuhalten. Dann kam der Sexskandal um Macrons Kandidaten für das Rathaus in Paris und plötzlich lastete der Druck auf Buzyn, in den Wahlkampf zu ziehen.

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          Als sie sich aus dem Gesundheitsministerium verabschiedete, brach sie vor laufenden Kameras in Tränen aus. Die Erklärung für ihren Weinkrampf gibt sie in „Le Monde“: Sie habe schon geahnt, was Frankreich bevorstehe. „Als ich das Ministerium verließ, habe ich geweint, weil ich wusste, dass eine Tsunami-Welle vor uns lag. Ich wusste, dass die Wahlen nicht würden stattfinden können“, sagte sie.

          Buzyn ist nur auf dem dritten Platz im Rennen um das Rathaus von Paris gelandet, mit 17 Prozent der Stimmen. Sie sagt, die letzte Wahlkampfwoche sei „ein Alptraum“ gewesen. „Ich hatte Angst bei jeder Kundgebung“, sagt sie. „Von Anfang an habe ich nur an eines gedacht: an das Coronavirus. Wir hätten alles stoppen sollen. Es war eine Maskerade“, sagt sie.

          Ausnahmezustand: Ein Mann schützt sich auf dem Trocadero in Paris vor dem Virus
          Ausnahmezustand: Ein Mann schützt sich auf dem Trocadero in Paris vor dem Virus : Bild: AP

          Buzyn ist die Tochter eines Holocaust-Überlebenden, ihre ehemalige Schwiegermutter war Simone Veil. Dieser Familientradition fühle sie sich verpflichtet. Der Verdacht, Präsident Macron könne wissentlich die Gefahren einer tödlichen Covid-19-Epidemie heruntergespielt haben, erregte am Dienstag die Gemüter. Schon haben erste Abgeordnete die Einsetzung einer parlamentarischen Untersuchungskommission verlangt.

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