https://www.faz.net/-guw-a0ivc

Nicole Ritschel ist mit ihren Töchtern Paula (l.) und Frieda zur Mahnwache auf dem Marktplatz in Rheda-Wiedenbrück gekommen. Bild: dpa

Corona-Ausbruch bei Gütersloh : Eltern und Lehrer protestieren vor Tönnies-Anwesen

  • Aktualisiert am

Der Kreis Gütersloh bittet die Bundeswehr um Hilfe bei den Corona-Tests. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil will „in Kürze“ den geplanten Gesetzentwurf für verschärfte Regeln in der Fleischbranche vorlegen.

          3 Min.

          Dutzende Lehrer und Eltern mit ihren Kindern haben am Donnerstag vor dem privaten Tönnies-Anwesen, einem Werk des Schlachtbetriebs sowie einer Kirche in Rheda-Wiedenbrück protestiert. Dabei hatten sie Schilder mit Aufdrucken wie „Stoppt die Ausbeute bei Tönnies“ bei sich. Protest-Teilnehmerin Melanie Beforth sagte: „Bildung ist offenbar nicht so wichtig wie ein Stück Fleisch zu essen.“ Es gehe ihr aber nicht darum, auf die Arbeiter bei Tönnies zu zeigen, die nicht die Schuld trügen. Sie wolle zeigen, dass die Familien an der Grenze ihrer Leistungskapazität seien. Nach dem Corona-Ausbruch bei Deutschlands größtem Schlachtbetrieb Tönnies waren vorsichtshalber Schulen und Kindergärten im Kreis Gütersloh geschlossen worden.

          Auch Volker Brüggenjürgen von der Caritas Gütersloh war unter den Demonstrierenden. „Wir kritisieren seit Jahren die Arbeits- und Wohnbedingungen bei Tönnies“, so der Vorstandsvorsitzende. „Das System Tönnies gefährdet den sozialen Zusammenhalt.“ Von Tönnies heißt es, man habe Verständnis für den Unmut. „Ich habe mit den Leuten vor dem Werk gesprochen und mich entschuldigt“, sagte ein Pressesprecher von Tönnies. „Wir tun alles, um das Virus wieder loszuwerden, so dass die Schulen und Kitas nach den Sommerferien wieder regulär starten können.“

          Auch Folgen in Bielefeld

          Der Anstieg von Corona-Infizierten im benachbarten Kreis Gütersloh hat auch Folgen für die Menschen in Bielefeld: Nach Angaben der Stadt wurden am Donnerstag die Schulen und Kitas darüber informiert, dass die Kinder von Tönnies-Beschäftigen nach Hause geschickt werden müssen. Andere Kinder aus dem Kreis Gütersloh betrifft diese Maßnahme nicht, wie die Stadt mitteilte. Nach Informationen von „Radio Bielefeld“ hat auch das Klinikum Bielefeld reagiert: Es schließt als Reaktion auf die gestiegenen Fallzahlen bei Tönnies seine drei Häuser für Besucher und macht damit zwischenzeitige Lockerungen der Corona-Regeln rückgängig.

          Der Gütersloher Landrat Sven-Georg Adenauer (CDU) will einen Shutdown des öffentlichen Lebens in dem ostwestfälischen Kreis vermeiden. „Ein Lockdown für den gesamten Kreis Gütersloh wäre unerträglich, und den möchte ich so lange es geht vermeiden“, sagte Adenauer am Donnerstag im ZDF-„Morgenmagazin“. „Wir wissen genau, wo sich das Virus aufhält“, fügte Adenauer hinzu. Denn ohne die Corona-Fälle beim Tönnies-Fleischkonzern „hätten wir im Kreis Gütersloh überhaupt kein Problem“, sagte der CDU-Politiker weiter. „Deshalb werde ich mich nicht dazu entschließen, für den gesamten Kreis Gütersloh einen Lockdown auszurufen.“

          Bis Mittwoch waren 657 Mitarbeiter des Konzerns positiv auf das Coronavirus getestet worden. Mindestens 6500 Mitarbeiter sollen unter Quarantäne gestellt und getestet werden. Der Kreis Gütersloh schloss alle Schulen und Kindertagesstätten bis zu den Sommerferien, der Kreis ordnete zudem die Schließung des Schlachtbetriebs an. Seit Donnerstag Nachmittag hat der Kreis die Reihenuntersuchung auf Corona-Infektionen beim Schlachtbetrieb Tönnies am Stammsitz in Rheda-Wiedenbrück fortgesetzt.

          Bundeswehr zur Hilfe

          Nach Information der Zeitung „Neue Westfälische“ hat der Kreis für diese Aufgabe die Bundeswehr um Unterstützung gebeten. Nach Angaben eines Konzern-Sprechers sollen pro Tag 1500 bis 2000 Mitarbeiter auf das Corona-Virus getestet werden. Bislang hatten das Rote Kreuz und die Malteser bei den Tests geholfen. Diese Organisationen würden aber an ihre Grenzen stoßen. Die Bundeswehr soll laut der Zeitung ab Freitag 13 Soldaten mit medizinischen Vorkenntnissen schicken, 12 Soldaten sollen bei der Dokumentation helfen.

          Mitarbeiter des Fleischbetriebs Tönnies in Rheda-Wiedenbrück
          Mitarbeiter des Fleischbetriebs Tönnies in Rheda-Wiedenbrück : Bild: dpa

          Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) will nach Angaben seines Ministeriums „in Kürze“ den geplanten Gesetzentwurf für verschärfte Regeln in der Fleischbranche vorlegen. Das Ministerium arbeite unter Hochdruck daran. Heil wisse um die Dringlichkeit, hieß es am Donnerstag auf Anfrage. „Der neueste Fall von hunderten Corona-Infizierten in einem Schlachtbetrieb zeigt den dringenden Handlungsbedarf.“

          Das Bundeskabinett hatte im Mai zunächst Eckpunkte für verschärfte Arbeitsschutzvorschriften in der Fleischindustrie beschlossen. Geplant sind unter anderem ein Verbot von Werkverträgen und Leiharbeit in Teilen der Branche ab dem kommendem Jahr und höhere Bußgelder bei Verstößen gegen Arbeitszeitvorschriften. „Die Unternehmen der Fleischindustrie sind aufgefordert, bereits jetzt die Arbeits-, Unterbringungs- und Transportbedingungen zu verbessern“, hieß es vom Arbeitsministerium weiter.

          NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann forderte rasche Änderungen im deutschen Arbeitsrecht. „Wir müssen auch eine Generalunternehmerhaftung haben für die Lebensverhältnisse dieser Menschen, wenn sie zum Beispiel in Sammelunterkünften leben“, sagte er am Donnerstagmorgen bei WDR2 mit Blick auf ausländische Arbeitnehmer, die bei Subfirmen beschäftigt sind. Die Schlachtindustrie habe sich eine Systematik über die Werkverträge angewöhnt, wo man einfach sagen müsse, „dass sich die Besitzer von Schlachthöfen nicht mehr verantwortlich fühlen für große Teile der Belegschaft“.

          Sven-Georg Adenauer: Landrat im Kreis Gütersloh
          Sven-Georg Adenauer: Landrat im Kreis Gütersloh : Bild: dpa

          „Ich finde, wir brauchen jetzt wirklich eine klare restriktive Gesetzesüberarbeitung. Und es muss im Grunde dazu kommen, dass der, der einen Schlachthof besitzt, auch eine Haftung hat für die Werkvertragsarbeitnehmer, für die ausländischen Arbeitnehmer, die wir ja dringend auch in dieser Branche - das muss man ja ganz klar sagen - brauchen“, betonte Laumann. NRW werde das mit Nachdruck verfolgen.

          Weitere Themen

          Kapstadts Universität in Flammen

          Brand am Tafelberg : Kapstadts Universität in Flammen

          In der südafrikanischen Küstenstadt ist am Sonntag ein verheerendes Feuer ausgebrochen. Auch das Bibliotheksgebäude der Universität mit seiner historischen Sammlung steht in Flammen.

          Topmeldungen

          Auf Truppenbesuch: Wolodymyr Selenskyj

          Ukraine-Konflikt : Kiews West-Offensive

          Angesichts des russischen Truppenaufmarsches sucht der ukrainische Präsident Selenskyj die Nähe zu EU und Nato. Kann er so das Blatt im Osten seines Landes wenden?
          September 2020: Ministerpräsident Markus Söder (CSU) verfolgt im Bayerischen Landtag eine Rede von Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler).

          Die K-Frage der Union : Söder muss nur noch zuschauen

          Die Unterstützung in der CDU für die Kanzlerkandidatur von Armin Laschet bröckelt Stück für Stück. Umso entschlossener wirkt die CSU. Die christsoziale Kampfmaschine funktioniert reibungslos.
          Ein Hubschrauber im Einsatz über dem Tafelberg

          Brand am Tafelberg : Kapstadts Universität in Flammen

          In der südafrikanischen Küstenstadt ist am Sonntag ein verheerendes Feuer ausgebrochen. Auch das Bibliotheksgebäude der Universität mit seiner historischen Sammlung steht in Flammen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.