https://www.faz.net/-guw-a0lq6

Coronafälle in Fleischfabrik : Tönnies: „Ich mach’ mich nicht aus dem Staub“

  • Aktualisiert am

Selbst Soldaten der Bundeswehr sind in Rheda-Wiedenbrück im Einsatz, um die Corona-Untersuchung der Tönnies-Mitarbeiter zu unterstützen. Bild: dpa

Clemens Tönnies weist Spekulationen über seinen Rücktritt zurück. Derweil ist das Verhältnis des Fleischproduzenten zum Kreis Güterloh sehr gespannt. Da in Unterlagen viele Mitarbeiteradressen fehlten, verschaffte sich die Kreisverwaltung Zugang zum Werk und den Personaldaten.

          5 Min.

          Fleisch-Unternehmer Clemens Tönnies hat die Vorwürfe des Landkreises Gütersloh zurückgewiesen, bei der Beschaffung der Wohnadressen von Mitarbeitern unkooperativ gewesen zu sein. „Wir haben datenschutzrechtliche Probleme“, sagte Tönnies am Samstag bei einer Pressekonferenz in Rheda-Wiedenbrück. Laut Werkvertragsrecht dürfe das Unternehmen die Adressen der betreffenden Arbeiter nicht speichern.

          Unternehmenssprecher André Vielstädte erklärte, dass das Unternehmen aufgefordert worden sei, alle Adressdaten der Beschäftigten im Werkvertrag an die Behörden zu melden. „Diese Aufforderung wurde umgehend an alle Dienstleister weitergegeben.“ Ein Teil der vielen Adressdaten habe auf diese Weise kurzfristig übergeben werden können. Einige Dienstleistungsunternehmen hätten jedoch große datenschutzrechtliche Bedenken geäußert und seien nicht bereit gewesen, ohne eine schriftliche Anforderung die Daten herauszugeben. „Nachdem diese schriftliche Anforderung der Behörde vorlag, konnten auch die noch ausstehenden Adressen umgehend der Behörde übergeben werden.“

          Rücktritts-Spekulationen wies Tönnies. „Ich werde dieses Unternehmen aus dieser Krise führen“, sagte der 64-Jährige und ergänzte: „Und dann sehen wir weiter. Ich mach’ mich nicht aus dem Staub.“

          Im seit Jahren geführten Streit um Deutschlands größten Schlachtbetrieb hatte zuvor Robert Tönnies seinen Onkel Clemens in einem persönlich Brief vom 19. Juni aufgefordert, den Weg frei zu machen. Dessen Sohn Max Tönnies solle die Arbeit in der Geschäftsführung übernehmen. Außerdem forderte Robert die Einberufung einer außerordentlichen Gesellschafterversammlung.

          Mehr als 1000 Tönnies-Mitarbeiter positiv getestet

          Das Verhältnis zwischen dem Kreis Gütersloh, in dem der betroffene Standort liegt, und der Firma Tönnies ist derweil zerrüttet. „Das Vertrauen, das wir in die Firma Tönnies setzen, ist gleich Null. Das muss ich so deutlich sagen“, sagte der Leiter des Krisenstabes, Thomas Kuhlbusch.

          Nach dem Corona-Ausbruch beim Fleischproduzenten Tönnies sind mittlerweile 1029 Mitarbeiter positiv auf das Virus getestet worden. Dies teilte der Landrat des Kreises Gütersloh, Sven-Georg Adenauer, am Samstagnachmittag mit. Insgesamt lägen 3127 Befunde vor. Mehr als 6500 Personen arbeiten am Standort in Rheda-Wiedenbrück.  Landrat Adenauer betonte zugleich, es gebe bislang „keinen signifikanten Eintrag“ des Virus in die allgemeine Bevölkerung. Der Fleischbetrieb Tönnies in Rheda- Wiedenbrück ist für 14 Tage geschlossen. Das habe der Kreis verfügt, wie der Leiter des Krisenstabes, Thomas Kuhlbusch, am Samstag in Gütersloh
          mitteilte.

          Kuhlbusch berichtete außerdem, dass Tönnies bis Freitag Listen der Beschäftigten geliefert hatte, bei denen bei 30 Prozent die Adressen fehlten. Bei Anfragen habe die Firma immer zögerlich reagiert. Mitarbeiter der Kreisverwaltung und des Arbeitsschutzes seien deshalb in der Nacht zum Samstag bei Tönnies gewesen und hätten sich Zugang zu den Personaldaten verschafft, berichtete Landrat Adenauer. Das Unternehmen habe es „bis gestern um Mitternacht nicht geschafft“, den Behörden sämtliche Wohnadressen der bei Tönnies Beschäftigten auszuhändigen, kritisierte er. Seit 01.30 Uhr lägen diese nun endlich vor.

          Insgesamt handele es sich um rund 1300 Wohnadressen im Kreis Gütersloh, sagte Adenauer. Diese würden nun allesamt von „mobilen Teams“ besucht. Diese nähmen Abstriche und informierten die Menschen über die verhängte Quarantäne.

          Adenauer bezeichnete es als „oberste Priorität“, eine Abriegelung der Region zu verhindern. Einen solchen Lockdown hatte Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) nicht ausgeschlossen. Es gebe noch die Chance, dies zu verhindern, sagte der Landrat.

          Reihenuntersuchungen auf Fabrikgelände

          Derweil sind die Corona-Reihenuntersuchungen auf dem Gelände in Rheda-Wiedenbrück am Samstag fortgesetzt worden. Mehrere Kleinbusse mit ausländischen Kennzeichen brachten am Vormittag zumeist Männer zum Werk. Nicht alle trugen dabei Schutzmasken, berichtete eine dpa-Reporterin. Auch Fahrzeuge der Uniklinik Bonn und der Bezirksregierung Detmold kamen zum Schlachtereibetrieb. Mitarbeitende trugen Masken und Kühlboxen auf das Gelände. Bei den Reihenuntersuchungen waren auch Einsatzkräfte der Polizei vor Ort.

          Im Zusammenhang mit dem massenhaften Corona-Ausbruch in der Großschlachterei hat sich die Polizei in Nordrhein-Westfalen auf einen Großeinsatz eingestellt. Bei der Polizei Bielefeld wurde eine sogenannte BAO, eine Besondere Aufbauorganisation gebildet, die mögliche Einsätze landesweit koordiniert. Der Kreis Gütersloh hatte nach Angaben vom Freitag ein Hilfeersuchen an die Polizei gerichtet. „Sie soll die Ordnungsbehörden der Kommunen bei der Quarantäneüberprüfung unterstützen“, hieß es in einer Mitteilung.

          Beamte einer Einsatzhundertschaft aus Dortmund verteilten sich am Samstag im Gebiet des Kreises Gütersloh. Nach Angaben einer Sprecherin der Polizei Bielefeld sollen sie bei Anforderung durch die Ordnungsbehörden unterstützend tätig werden, „beispielsweise wenn Kontrollen durchgeführt werden“. Dies war nach ihren Angaben bis zum Mittag noch nicht der Fall. „Wir werden als Polizei nicht eigeninitiativ tätig“, sagte die Sprecherin.

          6500 Mitarbeiter in Quarantäne

          Das Land will die Quarantäneanordnung für die Mitarbeiter konsequent durchsetzen. Es werde dazu alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel einsetzen, hatte Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) am Freitagabend in Düsseldorf gesagt. „Wir müssen sicherstellen, dass in dieser Situation jeder sich an die Regeln hält.“ Einen Corona-Ausbruch habe es „in dieser Größe“ in Nordrhein-Westfalen bisher nicht gegeben.

          Der Kreis hatte am Freitag verfügt, dass alle rund 6500 Mitarbeiter des Fleischproduzenten Tönnies am Standort Rheda-Wiedenbrück mitsamt allen Haushaltsangehörigen in Quarantäne müssen. Das betreffe auch die Verwaltung, das Management und die Konzernspitze, teilte der Kreis Gütersloh am Freitagabend mit. Für einige Mitarbeiter galt allerdings zunächst eine sogenannte Arbeitsquarantäne. Das heißt, dass sie sich zwischen Arbeits- und Wohnort bewegen dürfen - ausschließlich. Das gilt nach Angaben eines Konzernsprechers auch für den Gesellschafter Clemens Tönnies.

          Die Kreisverwaltung will einen weitreichenden Lockdown verhindern. „Leider müssen wir feststellen, dass die für das Personal in den Produktionsbereichen am 16. Juni erlassenen Quarantänen nicht von allen eingehalten wurden“, hatte Landrat Sven-Georg Adenauer erklärt und eine deutliche Verstärkung der Überprüfungen angekündigt.

          Proteste vor Tönnies-Werk

          Am Samstagmittag haben sich außerdem rund 60 Menschen vor dem Werk des Schlachtereibetriebs getroffen, um gegen den Konzern zu protestieren. „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr den Menschen die Rechte klaut“, rief ein Sprachchor. Zahlreiche Menschen hielten Plakate hoch, auf denen etwa stand: „Stoppt das System Tönnies“ und „Tiere sind keine Ware“. Einige Protestierende hatten sich mit Kunstblut bemalt. Ein Sprecher der Polizei vor Ort sagte am frühen Nachmittag, die angemeldete Demonstration verlaufe bislang friedlich.

          Tierschützer demonstrieren am Samstag vor dem Betriebsgelände der Firma Tönnies.
          Tierschützer demonstrieren am Samstag vor dem Betriebsgelände der Firma Tönnies. : Bild: dpa

          Organisiert wurde der Protest von mehreren Umwelt- und Tierschutzorganisationen, unter anderem Fridays for Future. „Wir verstehen uns als Gerechtigkeitsbewegung“, so Stefan Schneidt von Fridays For Future Gütersloh. Tönnies verstoße klar gegen Arbeitsrecht und Tierwohl.

          Lauterbach fordert Schließung

          Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach forderte derweil, die Fleischfabrik sofort zu schließen. Er halte es für „nicht vertretbar“, dass überhaupt noch in dem Werk gearbeitet werde, sagte Lauterbach am Samstag im WDR-Fernsehen. Die Quelle der Infektionen sei noch nicht entdeckt. „Wir wissen nicht, ist das in der Kantine passiert, auf dem Weg dorthin, in der Verarbeitung selbst, ist es die Lüftung? Das heißt, da könnten sich jetzt auch weiterhin Leute infizieren. Ich würde unter diesen Umständen den Betrieb dicht machen.“ Er wisse, dass das Fleisch dann nicht mehr zu verarbeiten sei. „Dann ist das so.“

          Der Kreis Gütersloh hatte am Freitag bekannt gegeben, dass nach der Schließung des Schlachthofs und anderer Betriebsteile die Zerlegebetriebe und der Versand erst am Samstagabend geschlossen werden sollten. Der Kreis hatte dem Unternehmen in den Produktionsbereichen eine sogenannte Arbeitsquarantäne gestattet, um die zuletzt geschlachteten Tiere noch zu Lebensmitteln verarbeiten zu können.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.