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Kampf gegen Coronavirus : Chinas Abwehrschwäche

Ein Arbeiter in einer Quarantänestation in Chinas Krisenstadt Wuhan wird desinfiziert. Bild: dpa

Während Pekings Forscher zügig reagierten, sieht die Behördenbilanz weniger rosig aus. Chronik eines durchwachsenen Krisenmanagements.

          6 Min.

          Der Kampf gegen das Coronavirus sei eine Prüfung für das chinesische Regierungssystem. So haben es am Montagabend die sieben mächtigsten Männer des Landes formuliert. Chinas Immunsystem hat sich im Umgang mit der tödlichen Krankheit nur als bedingt abwehrfähig erwiesen. Das gilt allerdings in unterschiedlichem Maße für die verschiedenen Teile des Apparats.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Während Chinas Wissenschaftler das Virus schnell identifizierten und ungewohnt eng mit Forschungs- und Gesundheitsinstitutionen weltweit kooperierten, gab es auf Ebene der Lokalregierung und möglicherweise bei der nationalen Gesundheitskommission Versäumnisse und Vertuschungsversuche, die erheblich dazu beigetragen haben, dass sich das Virus von einem lokalen Fischmarkt aus zu einer nationalen, wenn nicht internationalen Krise entwickeln konnte.

          Wann genau das Virus vom Tier auf den Menschen übersprang, ist nicht bekannt. Der erste Patient mit der mysteriösen Lungenerkrankung wurde am 1. Dezember 2019 registriert. Von da an dauerte es sieben lange Wochen, bis die Zentralregierung die Bevölkerung erstmals unmissverständlich auf die Gefahren des Virus hinwies. Dieser Moment der Wahrheit kam am 20. Januar 2020, als Zhong Nanshan, ein angesehener Spezialist für Atemwegserkrankungen, in einem Interview bestätigte, dass das Virus von Mensch zu Mensch übertragbar sei und dass sich bereits 14 Krankenhausmitarbeiter damit angesteckt hätten. Er schätzte die Lage so dramatisch ein, dass er empfahl, niemand solle mehr nach Wuhan, das Epizentrum des Ausbruchs, reisen und niemand die Stadt verlassen. Schon drei Tage später folgten die Behörden seiner Empfehlung und riegelten die Millionenmetropole von der Außenwelt ab.

          Doch noch einen Tag vor Zhong Nanshans Weckruf fand in Wuhan das traditionelle Neujahrsbankett statt, an dem mehr als 10000 Familien teilnahmen. Ein epidemiologischer Albtraum. Und noch am 20. Januar richtete die Provinzregierung in Wuhan eine Neujahrsschau für verdiente Kader aus. Offenbar wollten die Verantwortlichen den Eindruck vermitteln, als gehe alles seinen gewohnten Gang. Diese falschen Signale hatten verheerende Wirkungen und dürften Menschenleben gekostet haben. Dabei wussten die Behörden schon länger Bescheid. Wenn es stimmt, was ein Labormitarbeiter später anonym im Internet veröffentlichte, dann entdeckte ein Testlabor in Wuhan am 26. Dezember in eingeschickten Proben ein neues Coronavirus mit einer Ähnlichkeit zum tödlichen Sars-Virus von 87 Prozent. Am 30. Dezember warnten acht Ärzte in sozialen Netzwerken vor dem Virus, das auch sie mit Sars in Verbindung brachten. Statt dies zum Anlass zu nehmen, die Bevölkerung über mögliche Risiken zu informieren, wurden die Ärzte von der Polizei verhört und mussten Schweigegelübde unterzeichnen.

          Niemand warnte die Bevölkerung

          Am 31. Dezember gaben die Behörden zwar bekannt, dass es 27 Fälle einer mysteriösen Lungenkrankheit gebe, doch von einem neuen Coronavirus sprachen sie nicht. Sie alarmierten die Weltgesundheitsorganisation, und ein Team der nationalen Gesundheitskommission reiste nach Wuhan, doch niemand forderte die lokale Bevölkerung zu erhöhter Wachsamkeit auf. In der Zwischenzeit sprang der medizinische Apparat an und leistete gute Arbeit: Innerhalb von einer Woche wurde das neue Coronavirus 2019-nCov identifiziert.

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