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Lungenkrankheit : Zweifel an der Informationspolitik

Gefragte Präventionsmaßnahme: Die Verkaufszahlen für Gesichtsmasken steigen seit Bekanntwerden des Coronavirus. Bild: AFP

Die Zahl der Corona-Fälle in Asien steigt weiter. Die offiziellen Zahlen der Erkrankungen nähren den Verdacht, von der chinesischen Regierung geschönt worden zu sein. Die weist alle Vorwürfe von sich.

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          In Peking ist am Montag die Nachfrage nach Gesichtsmasken sprunghaft angestiegen. Zwei Apothekerinnen berichteten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, dass sie etwa zehnmal so viele Mundschutzprodukte verkauft hätten wie an normalen Tagen. Daran lässt sich ablesen, wie beunruhigt die chinesische Bevölkerung über die Ausbreitung eines neuartigen Coronavirus ist, das beim Menschen eine Lungenkrankheit verursacht, die bisher in drei Fällen tödlich verlaufen ist.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Auslöser der erhöhten Mundschutznachfrage am Montag war eine Mitteilung der Stadt Wuhan, die mehr als 1000 Kilometer von Peking entfernt liegt. Dort waren über das Wochenende 136 neue Patienten registriert worden, die sich mit dem Virus angesteckt hatten, das Ende Dezember in Wuhan entdeckt worden war. Damit hat sich die offizielle Zahl der Erkrankten innerhalb von nur zwei Tagen mehr als verdreifacht.

          Zweifelhafte Informationspolitik

          Im Laufe des Tages wurden erstmals auch Fälle in anderen Teilen Chinas bestätigt: fünf in Peking, einer in Schanghai und 14 in der südchinesischen Provinz Guangdong. Aus fünf weiteren Provinzen wurden Verdachtsfälle gemeldet. In den Tagen zuvor waren Zweifel an der Informationspolitik der chinesischen Gesundheitsbehörden aufgekommen. Zum einen, weil die offizielle Zahl der Erkrankten sich über Tage kaum verändert hatte. Zum anderen, weil es unwahrscheinlich erschien, dass es in anderen chinesischen Städten keine Betroffenen geben sollte, obwohl das Virus bereits bei mehreren Reisenden im Ausland nachgewiesen wurde. Erst in Thailand und Japan – am Montag auch in Südkorea.

          Bislang bestätigte Erkrankungen durch das neue Corona-Virus

          Vor diesem Hintergrund wirkte die Flut an neu registrierten Fällen am Montag weniger wie der natürliche Verlauf des Ausbruchs, als vielmehr wie eine politische Entscheidung zu mehr Transparenz. Verstärkt wurde dieser Eindruck am Abend, als in der Hauptnachrichtensendung vermeldet wurde, Staats- und Parteichef Xi Jinping und Ministerpräsident Li Keqiang hätten Anweisungen gegeben, wie der Verbreitung des Virus zu begegnen sei. Xi Jinping wies seine Funktionäre an, der Epidemie „große Aufmerksamkeit zu schenken und Maßnahmen zur Prävention und Kontrolle zu ergreifen“. Dabei müsse das Leben und die Gesundheit der Bevölkerung an erster Stelle stehen, sagte Xi. Die Sorgfalt der Behörden sei wegen des bevorstehenden Neujahrsfestes von großer Bedeutung. Hunderte Millionen Chinesen nutzen die Feiertage, um nach Hause zu ihrer Familie zu reisen oder in den Urlaub ins Ausland. Die Gefahr einer Ausbreitung des Virus ist damit ungleich größer. Der Parteichef vergaß aber nicht, auf die Notwendigkeit hinzuweisen, „die öffentliche Meinung anzuleiten und Stabilität zu wahren“, also Informationen über den Ausbruch streng zu kontrollieren.

          Tatsächliches Ausmaß bleibt unklar

          Zuvor hatte die nationale Gesundheitsbehörde die „gegenwärtige epidemische Situation“ als „kontrollierbar“ bezeichnet und eine Ansteckung als „vermeidbar“. Zugleich wies sie darauf hin, dass die Quelle des Virus noch nicht entdeckt worden sei. Auch der Weg der Übertragung sei „noch nicht vollständig nachvollzogen“. Bisher hatten sich die Untersuchungen auf einen Großmarkt für lebende Meerestiere und Fisch konzentriert, weil fast alle der zunächst an dem Virus Erkrankten dort gearbeitet oder eingekauft hatten. Der Markt ist aber am Neujahrstag geschlossen worden, so dass neuere Fälle eine Übertragung von Mensch zu Mensch nahelegen. Die Weltgesundheitsorganisation sprach am Montag auf Twitter von „einigen begrenzten Mensch-zu-Mensch-Übertragungen durch enge Kontakte“.

          Chinas Gesundheitskommission bemühte sich, dem Verdacht zu begegnen, sie habe das wahre Ausmaß des Ausbruchs zu verschleiern versucht oder nicht schnell genug reagiert. Unmittelbar nach Bekanntwerden der ersten Fälle sei eine Expertendelegation nach Wuhan entsandt worden. Diese habe sofort alle nötigen Schritte unternommen und alle verantwortlichen Stellen hinzugezogen, um Proben parallel in mehreren Labors zu erforschen, beteuerte die Kommission. In der chinesischen Bevölkerung ist das Vertrauen in öffentliche Verlautbarungen grundsätzlich gering, weil die Behörden dazu neigen, schlechte Nachrichten zu verheimlichen. Das war zuletzt bei der Afrikanischen Schweinepest der Fall, deren volles Ausmaß bis heute verschwiegen wird. Begründet wird die Geheimnistuerei in der Regel mit der Sorge vor Panikreaktionen in der Bevölkerung.

          Die nun offizielle Zahl von 224 Infizierten liegt noch immer deutlich unter den Schätzungen eines britischen Virologen, der dem Sender BBC am Wochenende gesagt hatte, er gehe anhand von Rechenmodellen von mehr als 1700 Infizierten aus.

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