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Brasilianischer Präsident : Bolsonaro ist an Covid-19 erkrankt

Hat eine Infektion mit dem Coronavirus bestätigt: Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro Bild: dpa

Seine Infektion bestätigte der Präsident am Dienstag – und beteuerte, es gehe ihm gut. Die Maskenpflicht hatte er nicht nur oft missachtet, er hatte sie energisch bekämpft. Nun wird er mit Häme überschüttet.

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          Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro hat sich mit dem Coronavirus angesteckt. Das ergab ein Test am Dienstag. Es gehe ihm jedoch gut, teilte Bolsonaro mit. Am Montagabend hatte der Präsident seine Lunge und die Sauerstoffsättigung seines Blutes untersuchen lassen. Angeblich wurden dabei keine Besonderheiten festgestellt. Gleichzeitig wurde Bolsonaro in einem Armee-Krankenhaus in Brasília auf das Coronavirus getestet. 

          Tjerk Brühwiller

          Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.

          Die Untersuchung hatte sich aufgedrängt, weil Bolsonaro am Montag leichte Symptome wie Fieber und Husten aufwies. In einem Interview mit CNN Brasil sagte der 65 Jahre alte Präsident am Montag, er habe 38 Grad Fieber, doch die Sättigung des Blutes mit Sauerstoff sei normal. Bereits am Montagabend hatte der Rundfunksender „Band News“ eine Meldung veröffentlicht, wonach ein erster Test Bolsonaros einen positiven Befund gezeigt habe. Das offizielle Resultat wurde allerdings erst am Dienstagmittag brasilianischer Zeit bekanntgegeben. Bereits März hatte Bolsonaro sich mehrmals testen lassen, nachdem einige Regierungsmitarbeiter sich mit dem Virus angesteckt hatten. Die erst im Mai per Gerichtsbeschluss veröffentlichten Resultate waren negativ.

          Nach Medienberichten hat Bolsonaro alle in dieser Woche anstehenden Termine abgesagt. Wichtige Sitzungen sollen per Videokonferenz abgehalten werden, um das Risiko einer Ansteckung weiterer Minister und Funktionäre zu vermeiden. Mehrere Personen und Regierungsmitarbeiter, die Kontakt zum Präsidenten hatten, sollen sich ebenfalls untersuchen lassen. Auch der amerikanische Botschafter in Brasília dürfte nicht um einen Corona-Test herumkommen. Am vergangenen Samstag war Bolsonaro bei ihm zum Mittagessen zu Gast. Auf einem Foto zeigte der Präsident sich an der Seite des Botschafters und mehrerer Minister. Keiner der Anwesenden trug eine Maske.

          Bolsonaro missachtete die Maskenpflicht

          In den vergangenen Wochen hatte Bolsonaro sich wiederholt ohne Maske in der Öffentlichkeit gezeigt. Ein Gerichtsentscheid, der den Präsidenten zum Tragen einer Maske verpflichten sollte, wurde kürzlich aufgehoben, da im Bundesdistrikt Brasília bereits eine generelle Maskenpflicht gilt – auch für den Präsidenten. Dennoch missachtete Bolsonaro diese Regelung mehrmals. Auch die von Gouverneuren verhängten Maßnahmen zur sozialen Isolation torpediert Bolsonaro unablässig. Am Freitag legte Bolsonaro mehrere Vetos gegen ein vom Kongress genehmigtes Gesetzes ein, das die Maskenpflicht im öffentlichen Raum regelt. 

          Zu Gast bei Freunden: Beim Empfang des amerikanischen Botschafters trug der brasilianische Präsident am Samstag keine Maske.

          Im Interview mit CNN Brasil sagte Bolsonaro am Montag überdies, dass er Hydroxychloroquin zu sich nehme. Wie sein amerikanischer Amtskollege Donald Trump gehört Bolsonaro zu den Verfechtern des umstrittenen Malaria-Medikamentes, dessen Wirksamkeit gegen das Coronavirus nicht nachgewiesen ist und das Nebenwirkungen wie Herzrhythmusstörungen auslösen kann. Bolsonaro ist derart vom Wirkstoff überzeugt, dass er die Chemielabore der Armee zur Produktion angehalten hat.

          Brasilien verfügt nun über Chloroquin-Vorräte für mehrere Jahre. Bolsonaros Obsession mit dem Wirkstoff geht so weit, dass er die entsprechenden Medikamente entgegen der Empfehlungen der Fachwelt zur Behandlung von Corona-Patienten freigeben und gar deren Packungsbeilagen anpassen wollte. Der Disput um das Mittel ist einer der Gründe für den Abtritt von zwei Gesundheitsministern innerhalb eines Monats. Sollte sich Bolsonaro rasch vom Virus erholen, würde sich seine Erkrankung in diesem Zusammenhang gar als nützlich erweisen. 

          Das am zweitstärksten betroffene Land der Welt

          In absoluten Zahlen ist Brasilien heute nach den Vereinigten Staaten das am zweitstärksten von der Pandemie betroffene Land der Welt. Mehr als 1,6 Millionen Fälle sind bisher registriert worden, über 65.000 mit Todesfolge. Es wird von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen. Fachleute befürchten, dass die Situation in Brasilien und anderen Ländern der Region erst mit einem Impfstoff unter Kontrolle gebracht werden kann. In den kommenden Tagen soll in São Paulo und anderen Städten mit klinischen Tests eines chinesischen Impfstoffes an insgesamt 9000 Probanden begonnen werden.

          Bolsonaro spielt die Pandemie seit deren Ausbruch herunter und sorgte in den vergangenen Monaten mit etlichen provozierenden Äußerungen für Empörung. Unter anderem sagte er, dass das Virus ein „Grippchen“ sei und ihm nichts anhaben könne. Gleichzeitig zeigte er immer wieder demonstrativ in Menschenansammlungen. Angesichts der zur Schau gestellten Sorglosigkeit des Präsidenten über die Pandemie hatten die ersten Berichte über seine Ansteckung mit dem Coronavirus in den sozialen Netzwerken eine Welle der Häme ausgelöst. Die Äußerungen vieler Bolsonaro-Gegner reichen so weit, dass sie dem Coronavirus viel Erfolg im Kampf gegen den Präsidenten wünschen – und nicht umgekehrt.

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